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Martin Sonneborn im Interview : „Das Ziel ist Rücktritt“

  • Aktualisiert am

Der Satiriker Martin Sonneborn hat Europa erobert – gibt aber sofort alles wieder her. Bild: Gyarmaty, Jens

Satiriker Martin Sonneborn spricht über die „Partei“ im EU-Parlament, die Blauäugigkeit der Wähler und seine Ambitionen in Brüssel.

          Herr Sonneborn, Sie sind für die „Partei“ ins EU-Parlament gewählt worden. Welche Ziele verfolgen Sie in Brüssel?

          Das Ziel ist Rücktritt. Nach einem Monat. Und ich werde mich vier Wochen lang intensiv darauf vorbereiten.

          Gibt es nichts in Ihrem Wahlprogramm, das Sie noch umsetzen wollen?

          Ich glaube nicht, dass man als einfacher Abgeordneter etwas umsetzen kann. Sie haben da maximal die Möglichkeit, nichtssagende Resolutionen einzubringen. Nur als EU-Kommissionspräsident kann man etwas ändern. Das heißt, ich werde mich möglicherweise da noch aufzudrängen versuchen. Und wenn das nicht klappt, trete ich zurück.

          Und das entscheiden Sie schon in den ersten 30 Tagen?

          Der Plan ist, 60 verdiente Parteifreunde nach Brüssel zu schicken. Wir machen jetzt seit zehn Jahren Politik, das ist die Belohnung für ihre nationale Arbeit hier: gutdotiert, 33.000 Euro, Freiflüge, Bahncard und Kilometergeld.

          33.000 Euro sind hochgegriffen. Das Bruttogehalt eines Abgeordneten liegt bei 8020,53 Euro – abzüglich Steuern und Versicherung 6250,37 Euro.

          Ja, wir bekommen aber noch 4000 Euro Spesen ohne Nachweis dazu und dürfen noch rund 20.000 Euro für Büro, Fax, Kaffeemaschine ausgeben.

          Das heißt, jeder Partei-Abgeordnete richtet sich dann jeden Monat neu ein.

          Das nicht. Aber so wie jeder andere EU-Parlamentarier sich Mühe gibt, 33.000 Euro pro Monat unter die Leute zu bringen, so geben wir uns Mühe, diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

          Welche anderen Parteimitglieder stehen denn schon auf der Nachrückliste?

          Das sind 64. Zumeist altgediente Kader, nur dass bei uns selbst die altgedienten Kader noch unter 30 sind. Wir hatten 60 Mitglieder aufstellen wollen, damit wir sie fünf Jahre durchschleifen können. Theoretisch heißt das, jeden Monat sitzt ein anderer Abgeordneter der „Partei“ in Brüssel und kassiert das Geld. Die weiteren vier sind nominiert, falls es jemand nicht vier Wochen im Parlament aushält.

          Um Anspruch auf Übergangsgeld zu haben, müsste man aber erst einmal ein Jahr das Mandat ausgeübt haben.

          Nee, das stimmt nicht. Der Rücktritt reicht. Normalerweise gibt es für jedes Jahr einen Monat Übergangsgeld. Aber der Mindestsatz liegt bei sechs Monaten. Und das bekommt man auch, wenn man nur drei Tage da war.

          Laut Abgeordnetenstatut, Artikel 13, müssten Sie das ein Jahr lang machen.

          Ich beziehe meine höchst brisanten Informationen von Google und dort steht, dass wir ganz, ganz viel Geld bekommen.

          Na dann...

          Ich betone an dieser Stelle auch gern noch einmal, dass wir nicht die Irrsten sind, die dort sitzen werden.

          Wen halten Sie denn für noch irrer?

          Bestimmt 30 Prozent. Also mehr als im Bundestag, das will schon was heißen.

          Haben Sie denn schon eine Fraktion?

          Nein. Aber ich werde versuchen, eine Fraktion der Irren und Verrückten und EU-Gegner auf die Beine zu stellen.

          Gab’s schon erste Glückwunsch-Telegramme von Anwärtern, die sich Ihnen anschließen wollen?

          Bisher noch nicht. Aber ich nehme an, dass Martin Schulz da nochmal auf uns zukommt.

          Was sagen Sie den Wählern, die Sie wegen Ihrer Wahlversprechen wählten?

          So viel Blauäugigkeit gehört bestraft. Außerdem war unser Wahlkampf klar gegen Frau Merkel gerichtet. Und das genügt bereits, um die Sympathien auf sich zu ziehen.

          Die Fragen stellte Maria Wiesner.

          Quelle: F.A.Z.

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