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Sonntag, 19. Februar 2012
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Marianne Rosenberg Singen und das Schweigen brechen

13.12.2004 ·  Seichte Schlager, mit viel Herzschmerz garniert - dafür wird Marianne Rosenberg von ihren Fans geschätzt. Jetzt hebt die Sängerin den Vorhang vor ihrer Familie und offenbart eine schwierige Vergangenheit.

Von Judith Lembke
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Ihre Stimme klingt rosenwassergetränkt. Sie singt so süß, daß man sich wundert, warum die Töne beim Singen nicht im Hals kleben bleiben. Wie ist eine Frau, die ein Herzschmerz-Organ besitzt? Deren Stimme Generationen verlassener Frauen und schwuler Männer getröstet hat?

Leidenschaftlich, sanft und duldsam, könnte man denken. Marianne Rosenberg, die einen ihrer größten Erfolge mit einem Lied feierte, in dem sie eine Unbekannte namens "Marleen" 1981 recht devot anflehte, ihr doch den Mann zu lassen, tritt aber selbstbewußt auf. Sie erscheint im Hotelrestaurant wie auf einer Bühne. Der Visagist, der Stylist, ihre Assistentin von der Plattenfirma parieren. Alle bewegen sich in den Bahnen des Rosenbergschen Universums mit Marianne als Gravitationszentrum. Frau Rosenberg hat einen Glitzer-Fingernagel verloren? Auf irgendeinem Hotelflur muß er doch zu finden sein! Der Visagist macht sich auf die Suche.

Das gesamte Liebesleid im Herzen

Marianne Rosenberg hat eine Stimme, die mit ihrer Verzweiflung ins Mark trifft. Aber ihre Aura ist unnahbar. Mißliebige persönliche Fragen blockt sie ab. Dabei lächelt sie ihr Eiskonfekt-Lächeln. Zuckersüß und eingefroren zeigen ihre angespannten Lippen die Grenzen auf. Wie man sie hört und wie man sie erlebt: nicht der einzige Widerspruch. Ihre ganze Karriere scheint ein Hin und Her aus Flucht und Flirt mit ihrem Außenbild. "Mein Image ist mir egal", sagt sie. Noch kurz zuvor hat sie ihren Ausbruch aus der Schlagerszene in den achtziger Jahren damit erklärt, daß sie das Bild von sich selbst in den Medien nicht mehr wiedererkannt habe.

Kaum jemand ist so lange in der deutschen Musikszene präsent wie sie. Anfang der siebziger Jahre war sie die niedliche Schlagerprinzessin, die ihre Lieder mit solch einer Inbrunst intonierte, als niste das gesamte Liebesleid der Welt in ihrem Herzen. In den achtziger Jahren dann der Bruch: Sie wollte nie wieder von Liebe singen. Sie suchte den Kontakt zur linken Berliner Polit-Rock-Szene. Sie sang mit Rio Reiser von "Ton Steine Scherben" und spielte in Programmfilmen mit. In den neunziger Jahren sang sie von der Mondgöttin Luna und wirkte auch äußerlich wie die Mystikerin des deutschen Schlagers.

Karamellblond und Glitzer

Nun ist sie zu den Anfängen zurückgekehrt: Sie hat eine CD mit alten Hits aufgenommen, die sie eigentlich nie wieder singen wollte, wie "Marleen" oder "Er gehört zu mir". Für das Album mit dem Titel "Für immer wie heute" hat sie ihre großen Erfolge neu eingesungen und moderner arrangieren lassen. Als Versöhnung mit der Vergangenheit darf man diese Rückkehr jedoch nicht verstehen, denn versöhnlich, sagt sie, sei sie keineswegs. Sie kehrt eher zurück, als würde sie in eine alte Rolle schlüpfen. Als Sängerin sei man auch immer Schauspielerin, sagt sie. Es gibt also einen Unterschied zwischen Marianne Rosenberg als Frau und Marianne Rosenberg als öffentlicher Frau.

Auch äußerlich hat sie sich verändert. Ihre schwarzen Locken sind einer karamellblonden Mähne gewichen. Ihr Stylist setzt auf Glitzer statt auf Glattleder. Weicher sieht sie aus, freundlicher. Fragen dazu beantwortet sie oberflächlich: Warum sie ihre Haare blondiert hat? "Weil ich von Schwarz gelangweilt war." Warum sie die alten Hits neu aufgenommen hat? "Weil es mich interessiert hat." Wer nach kommerziellem Interesse oder gar Fremdbestimmtheit fragt, wird abgeblockt: "Meine Entscheidung ist meine Überzeugung." Was andere Menschen von ihr denken sei ihr egal.

Sie riefen uns „Zigeunerpack“ hinterher

Von ihrer Kindheit spricht sie anders. Sie nimmt eine weitere Gauloise aus der Schachtel, ihr Blick schweift in die Ferne. Das eisige Lächeln taut auf. Ihr Vater war Sinto, seine Geschwister starben in Auschwitz - kaum einer weiß das. Ihr langes Schweigen, das sie erst vor wenigen Jahren brach, ist die Kehrseite des Schlagermärchens. "Mein Vater wollte am Anfang meiner Karriere nicht, daß ich sage, daß er ein Sinto ist", sagt Rosenberg. Er habe sie vor den Anfeindungen und Diskriminierungen schützen wollen, die er selbst im Dritten Reich erleben mußte.

Doch das Schweigen half nicht: "Zwei Mitschüler riefen mir und meinem Bruder ,Zigeunerpack' hinterher." Es waren die Kinder der Klassenlehrerin. Sie habe sich immer gefragt, woher die Kinder von ihrer Herkunft wußten, warum sie und ihre Geschwister anders waren als die anderen. Die Begründung fand sie, als sie sich das Klassenfoto genau anschaute: "Mein Bruder und ich waren die einzigen dunkelhaarigen Kinder auf diesem Bild. In Berlin gab es Anfang der sechziger Jahre kaum Kinder, die wie wir schwarze Haare hatten. Es klingt makaber: Aber die waren ausradiert."

Der Vater erzählte vom KZ

Sie habe immer gespürt, daß ihre Familie anders war als die anderen. Der sonst so eloquenten Sängerin fällt es schwer, das Anderssein in Worte zu fassen. Sie erzählt, daß sie und ihre Geschwister immer die Essenreste in den Ofenecken versteckt haben. "Wenn wir nicht aufgegessen haben, hat mein Vater uns vom KZ erzählt und wie die Kinder dort hungern mußten." Der Holocaust lag wie ein Schatten auf der Familie. In ihrem Elternhaus waren außer ihr, ihren Eltern und sieben Geschwistern auch die Ermordeten gegenwärtig. "Es gab diese Fotos von den in Auschwitz vergasten Familienmitgliedern an der Wand. Sie sahen so aus wie wir. Irgendwie lebten sie mit uns, an ihrem Geburtstag haben wir immer Kerzen angezündet."

Ihre Stimme stockt. Sie zündet sich eine weitere Gauloises an. "Irgendwann haben wir in der Schule einen Schwarzweißfilm gesehen, der zeigte, wie ein Bagger die Leichenberge in Auschwitz zusammenschob. In dem Moment dachte ich: Das ist ja meine Familie." Irgendwann sei sie die Geheimnisse leid gewesen: "Mir kam es immer komisch vor, nicht die Wahrheit zu sagen. Als mein Vater in den neunziger Jahren im Vorstand des Zentralrats der deutschen Sinti und Roma aktiv wurde, kündigte ich ihm an, mein Schweigen zu brechen. Er hat es akzeptiert."

Ganz Diva, ganz distanziert

Das Interview ist vorbei. Der Visagist scheint keine Zeit mehr zu haben und mahnt zur Eile. Man müsse noch Fotos machen und dann zum Flughafen. Aus der privaten schlüpft Marianne Rosenberg schnell in die öffentliche Rolle. Ganz Diva, streicht sie sich mit dramatischer Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Zum Abschied reicht sie die Hand und sagt noch schnell: "Wir hätten viel mehr über meine Arbeit reden sollen." Fast klingt es wie ein Vorwurf. Natürlich lächelt sie es jetzt auch wieder, dieses etwas unergründliche Lächeln, das wie gefroren wirkt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. Dezember 2004
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