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Im Männerwohnheim : Das Leben ist ja nicht vorbei

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„Hier kann ich existieren“: Früher arbeitete Herr Dore als Koch, heute betreut er die Bibliothek im Männerwohnheim. Bild: Jan Roeder

Es ist die letzte Hoffnung für ältere, alleinstehende, gescheiterte Männer: ein Wohnheim in der Münchner Maxvorstadt. Zu Besuch in einem außergewöhnlichen Haus.

          Herr Stocker* schiebt seinen Rollator in den Speisesaal. Sieben Männer sitzen hier, jeder an seinem eigenen Tisch. Sie pellen gewissenhaft ihr hartgekochtes Ei, vor ihnen welkt eine Blume, an der Wand hängt Jesus von Nazareth. Es ist Abendbrotzeit, neben dem Ei gibt es zwei Scheiben Brot und ein Stück Räucherkäse. „Guten Abend zusammen!“, ruft Herr Stocker. Herr Mehwald nickt, der Rest schweigt. „Jetzt hat es den alten Kalmund auch erwischt. Junge, Junge, nee.“ Niemand reagiert. Nur Herr Dore gesellt sich zu ihm: „Das war abzusehen. Der hat so abgebaut. Das war offensichtlich. Mehr oder weniger.“ Herr Stocker ignoriert ihn, legt Brot, Käse und Ei in seinen Korb und verlässt den Saal. „Bis morgen in alter Frische!“

          München, Maxvorstadt, Gabelsbergerstraße 72. Ein grünes Haus, vier Stockwerke hoch, im Erdgeschoss befindet sich ein Antiquariat. „Hier herinnen / Preise in DM“ steht an der Tür. Links daneben eine unscheinbare Eingangstür, kein Klingelschild. Das „Haus an der Gabelsbergerstraße“ ist ein Männerwohnheim. Hier leben Männer, die ihr 50. Lebensjahr längst überschritten haben, Männer, die sonst nichts und niemanden mehr haben, kein Zuhause, keine Ersparnisse, keine Familie. Hier fangen neue Leben an. Hier enden sie.

          Von der Straße ins Wohnheim

          Am Vormittag sitzt Herr Stocker, ein dünner, bärtiger Mann, auf seinem Bett und dreht sich eine Zigarette. Sein gut zwölf Quadratmeter großes Zimmer ist aufgeräumt, im Regal liegen alte The-Doors-Kassetten, im Fernsehen richtet Alexander Hold. Stockers altes Leben endete vor gut zehn Jahren, damals in seiner Heimatstadt Bochum: Er war LKW-Fahrer und für längere Zeit nicht bei seiner Familie. „Eines Tages komm ich nach Hause. Wat is? Da ist keiner mehr da. Keine Frau, keine Kinder, niemand.“ Seine Frau hat ihn mit beiden Kindern verlassen. Stocker konnte die zuvor angehäuften Schulden nicht mehr zahlen, musste seine Wohnung aufgeben, verlor seine Arbeit und landete auf der Straße. Seine Erzählungen verfangen sich immer wieder im Zigarettenrauch und werden von einem starken Husten unterbrochen. Von Bochum kam er über Umwege nach München. „Jedes Mal habe ich einen kennengelernt, der wusste, wo man was zu futtern kriegt.“ In München lebte er zunächst in einer Zwischenunterkunft. Dann kam er in die Gabelsbergerstraße.

          Seither ist Herr Stocker einer von 42 Männern im „Haus an der Gabelsbergerstraße“, dessen Träger der Katholische Männerfürsorgeverein München e.V. (KMFV) ist. Weitere 20 wohnen in einem Apartment schräg gegenüber, acht weitere in der sogenannten Außenwohngruppe in München-Trudering. „Kein einziger Mann wohnt hier, weil er sich das gewünscht hat“, sagt Michaela Ebert. Seit dem vergangenen Jahr leitet sie die Einrichtung. Sie steht im Dachgeschoss und führt durch das Haus. „Hallo, Herr Klein“, grüßt sie einen älteren Herrn, der gerade ein Hemd bügelt. Die Betreuer siezen die Männer und sprechen sie mit ihrem Nachnamen an.

          Ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Frau

          Ein Dach finden hier „Männer mit sozialen Schwierigkeiten“, so Ebert: Männer, die ihre Wohnung und ihre Arbeit verloren haben, von ihrer Frau verlassen wurden, ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten oder krank wurden. Und spätestens dann oft mit dem Alkohol anfingen. So individuell die Lebensbiografien auch sind: Was die Männer gemeinsam haben, ist das Scheitern.

          Trotzdem scheint die Institution des Männerwohnheims nicht so verbreitet zu sein. Allein in großen Städten gibt es einige dieser Anlaufstellen. Das ist ein Problem. Denn mit einer immer älter werdenden Gesellschaft, die noch dazu dem Leistungsstreben stärker denn je verhaftet ist, stellt sich die Frage: Was macht eine so wohlhabende Gesellschaft wie die unsere mit Männern, die an diesem Wohlstandsstreben gescheitert, die abgehängt und sozial isoliert sind?

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