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M.I.A. im Interview : „Flüchtlinge haben nicht den Luxus, hassen zu können“

  • -Aktualisiert am

M.I.A. im Juli beim französischen Festival „Les Vieilles Charrues“ Bild: EPA

Sängerin M.I.A. kam als Zehnjährige aus Sri Lanka in ein Londoner Flüchtlingsheim. Für ihre politischen Songtexte wird sie gefeiert und kritisiert. Im Interview spricht sie über Kulturen, die zusammenwachsen.

          M.I.A., Sie sind polyglott und verweben alle möglichen Disziplinen und kulturellen Einflüsse in Ihrer Arbeit. Wie machen Sie all das zu einem Werk?

          Das Interdisziplinäre war zu Beginn reine Notwendigkeit. Ich habe Kunst und Regie studiert und meine eigenen Videos gemacht, weil kein Geld da war. Und wenn man gezwungen ist, alles selbst zu machen, dann wird man eben gut darin. Ich bin als Asiatin in die amerikanische Musikindustrie gekommen, die streng in Schwarz und Weiß eingeteilt ist. Das wird zurzeit durch Präsident Trump gesamtgesellschaftlich noch schlimmer. Man muss sich auf eine der beiden Seiten schlagen. Aber ich wollte mein eigenes Ding machen. Da geht es nicht darum, woher man kommt oder welche Hautfarbe man hat, sondern darum, verschiedene Einflüsse zusammenzubringen.

          Sie sind als Tochter eines tamilischen Aktivisten vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka nach England geflohen und verarbeiten in Ihrer Arbeit unterschiedlichste musikalische Einflüsse.

          Ja. Aber diese schwarz-weiße amerikanische Perspektive beherrscht die Welt noch immer. Es gibt fast 1,5 Milliarden Chinesen, fast so viele Inder und immer mehr Menschen gemischter Herkunft. Die Kulturen wachsen zusammen. Wenn ich morgens aufwache, höre ich ein mongolisches Lied, putze mir die Zähne mit einer deutschen Zahnbürste, mache ein spanisches Omelette und esse es mit einer russischen Gabel. Das ist die Realität. Und nicht die Spaltung, die durch rechtspopulistische Gruppen propagiert wird. Viele malen mit dicken Pinselstrichen. Das ist unfair gegenüber dem Rest der Welt.

          Arbeiten Sie nicht genauso plakativ? Schließlich verpacken Sie schwere politische Inhalte in leicht verdauliche Hüllen, die nach Popmusik klingen und zum Tanzen anregen.

          Nein. Ich spreche über die Farbpalette mit ihren verschiedenen Nuancen, über die finanziellen, politischen, sozialen und religiösen Bedingungen, die unsere Welt bestimmen. Ich will zeigen, dass man zusammenwachsen und nebeneinander bestehen kann. Ich wollte einen Beat machen mit Elementen aus fünf verschiedenen Ländern, der sich gut anhört, und ihn in Clubs spielen mit Menschen aus aller Welt, die jeweils einen Bezug zu den verschiedenen Einflüssen haben, seien es japanische Trommeln, amerikanischer Dance Hall oder jamaikanische Rhythmen. Und ich bin sehr froh darüber, dass meine Arbeit so viel in sich trägt.

          Und der politische Inhalt?

          Mittlerweile hat ja alles einen politischen Inhalt. Als ich anfing, war das kein Trend. Ich wollte über etwas reden, von dem die Leute noch nichts gehört hatten, den Kampf der Tamilen in Sri Lanka. Ich wollte, dass die Leute wissen, dass da ein Krieg tobt, weil ich dort gelebt habe und es beweisen konnte. Das Politische war meine eigene Sache, und ich habe meinem Label damals gesagt, dass ich mein eigenes Ding machen muss.

          Es war also eine persönliche Katharsis?

          Ja. Ich bin in Sri Lanka guten und schlechten Leuten begegnet. Und als wir nach England geflohen waren, lernte ich Leute aus allen Kulturen kennen. Ich habe die besten Leute zusammengenommen, die mich inspiriert und mir geholfen haben, und sie zu einem Teil meiner Geschichte werden lassen. Das war auch meine Art, danke zu sagen.

          M.I.A. bei einem Musikfestival im spanischen La Coruña im Jahr 2011
          M.I.A. bei einem Musikfestival im spanischen La Coruña im Jahr 2011 : Bild: dpa

          Manche nennen so etwas heute kritisch „kulturelle Aneignung“.

          Das mit der „cultural appropriation“ hat jetzt erst diesen Schlag ins Negative bekommen. Aber das ist schon wieder nur die beschränkte amerikanische Sicht, die alles in Schwarz und Weiß trennt. Kulturelle Aneignung gibt es, weil weiße Amerikaner in einer Welt leben, in der sie alles andere ausgrenzen. Mit den vielen kulturellen Einflüssen teile ich etwas mit. Das ist für mich die Zukunft. Menschen müssen miteinander leben, ob sie es wollen oder nicht.

          Sie haben immer wieder von Rassismuserfahrungen als Flüchtlingskind in England erzählt. In der Musikbranche wird nun immer öfter über Diskriminierung gesprochen. Hat sich seit dem Beginn Ihrer Karriere etwas verändert?

          Niemand will darüber reden, aber die Musikindustrie wird immer noch von denselben bestimmt: von Weißen. Die Musik spricht Themen wie Diskriminierung, Gewalt, Hass und Segregation an, weil sie vermarktbar sind. An den Strukturen hat sich nichts geändert. In der Führungsebene sitzen immer noch die gleichen Leute mit dem gleichen eingeschränkten Weltbild. Das ist in Ländern wie Singapur ganz anders. Da gibt es in der Bevölkerung Inder, Chinesen und Malaien, und die sind in den Schulen, in der Wirtschaft und in der Politik repräsentiert. Das ist cool.

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