21.02.2011 · Im Trickfilmstudio SOI in Ludwigsburg entstand der Film zum Kinderbuchklassiker „Grüffelo“. Nun sind die Regisseure für den Oscar nominiert - in der Kategorie, in der sonst fast immer Walt Disney gewinnt.
Von Peter-Philipp Schmitt, LudwigsburgDie Höhle des Grüffelo-Kindes ist verwaist, die Tür zur Höhle abgeschlossen. Die Grüffelogen sitzen allesamt in der Polizeikantine. Es ist schon kurz nach zwölf am Schnitzel-Donnerstag. Da heißt es sich beeilen, denn der Andrang in der Kantine nebenan ist groß. Jakob Schuh aber verzichtet dieses Mal dann doch auf das wöchentliche Ritual mit seinen Kollegen. Für Routine hat er sowieso kaum mehr Zeit, seit er und sein Co-Regisseur Max Lang für einen Oscar nominiert wurden. „Dabei“, und das sagt er gleich mehrfach an diesem Tag, „machen wir doch nur öffentlich-rechtliches Kinderfernsehen.“
Ein Oscar für seinen „Grüffelo“ erscheint ihm noch immer abwegig. Schon auf die Idee, den animierten Kurzfilm für die Auszeichnung ins Rennen zu schicken, wäre er nie gekommen. Das übernahm einer der Produzenten, Michael Rose (“Chicken Run“, „Wallace & Gromit“), der sich schon früh die Rechte an dem so erfolgreichen Bilderbuch von der Britin Julia Donaldson und dem deutschen Illustrator Axel Scheffler gesichert hatte. Der Film „The Gruffalo“ ist ebenfalls eine britisch-deutsche Koproduktion, die zuerst in der BBC und dann an Heiligabend 2010 im ZDF zu sehen war. Regie beim ersten Teil führten Jakob Schuh und Max Lang: Darum dürfen sie am Sonntag kommender Woche mit ihren Freundinnen über den roten Teppich ins Kodak Theatre in Hollywood gehen. Für Jakob Schuh keine angenehme Vorstellung: „Ich mag es nicht besonders, fotografiert zu werden.“
Die Grüffelo-Welt existiert tatsächlich
„Der Grüffelo“ hat das kleine Ludwigsburger Studio mit dem Phantasienamen SOI international berühmt gemacht. Plötzlich konkurriert es mit den ganz Großen der Branche - unter anderen mit Pixar (“Toy Story“), das für „Day & Night“ nominiert ist - um die bedeutendste Filmauszeichnung. „Es gibt bei uns die Zeit vor ,Grüffelo' und danach“, sagt denn auch SOI-Geschäftsführer Carsten Bunte. Und die Erfolgsgeschichte geht weiter. Gerade wird der zweite Teil der Bilderbuch-Saga gedreht: „The Gruffalo's Child“. Die Regie übernahm dieses Mal Jakob Schuhs Kollege Johannes Weiland.
Im zweiten Teil geht es um die Tochter jenes gewaltigen Monsters, das sich die kleine Maus zum Schutz vor Fuchs, Eule und Schlange ausgedacht hat, damit sie von den Raubtieren nicht aufgefressen wird. Plötzlich aber steht der nur erfundene Grüffelo leibhaftig vor ihr, und der isst am liebsten Butterbrot mit kleiner Maus. Am Ende aber kann die schlaue Maus selbst das große Ungeheuer in die Flucht schlagen, weil das Monster glaubt, Grüffelo-Grütze sei tatsächlich die Lieblingsspeise des Nagers. Das Ungeheuer flieht. Im zweiten Buch warnt der Grüffelo seine Tochter davor, in den Wald zu gehen, weil dort die gefährliche, große Maus haust. Doch sie hört nicht auf ihn.
„Der Mensch macht schöne Fehler, der Computer hässliche“
Der Wald ist längst wieder abgebaut, derzeit wird in der Höhle des Grüffelo-Kindes gefilmt. Genauer: Es wird fotografiert. Für die Kamerafahrt aus der Höhle, knapp 15 Sekunden lang, werden rund 350 Einzelbilder benötigt. Schuh, der am Morgen noch in seinem Büro in Berlin war, kann um kurz nach eins das wieder aufgeschlossene Set betreten und einen Blick in die Monster-Behausung aus Hasendraht und Bauschaum werfen, in der nur einige abgenagte Knochen liegen. Die Grüffelo-Welt existiert tatsächlich, Wald, Hügel, Fluss, selbst die Baumkronen für die Eichhörnchen werden genauestens nachgebaut - die Modelle sind bis zu fünf mal fünf Meter groß. Das Szenenbild wird dann fotografiert. „Wir müssen jede Einstellung genau planen“, sagt Schuh. Denn aus Platzgründen müssen die Kulissen, wenn sie abfotografiert sind, sofort wieder abgebaut werden. Die Figuren hingegen - Maus und Fuchs, Eule, Schlange und all die anderen Tiere - existieren nur im Computer. Die dreidimensionalen Wesen werden später einfach in die zweidimensionale Grüffelo-Welt hineingepaust. Für einen animierten Trickfilm ist das ungewöhnlich und neu. Die Sets vorzubauen ist dabei nicht nur preiswerter, es hat auch menschliche Wärme, wie Regisseur Jakob Schuh sagt: Denn der Mensch arbeite nicht perfekt, was man dem Szenenbild durchaus ansehen darf. „Der Mensch“, meint Schuh „macht schöne Fehler, der Computer eher hässliche.“
Eine besondere Herausforderung war es auch, aus den nicht einmal fünf Minuten langen Dialogen im Bilderbuch einen halbstündigen Trickfilm zu machen. „Wir mussten uns natürlich Wort für Wort an die Dialoge halten“, sagt Jakob Schuh. Denn Zigtausende Kinder vor allem in Großbritannien und Deutschland kennen den millionenfach verkauften „Grüffelo“ auswendig. Sonst aber konnten die Regisseure ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Die „Story“ haben sich Schuh und Lang gemeinsam ausgedacht, für die sogenannten „Storyboards“ übernahm Max Lang den Löwenanteil der Arbeit. Dafür nahm sich der Student, der im Moment nach London zieht, vor vier Jahren eigens ein Freisemester. Im Team entwickelten die beiden die vielen Szenen, die im Buch überhaupt nicht erscheinen - so läuft die Maus zum Beispiel über eine Brücke. Die vorgezeichneten Skizzen wurden dann zusammengeschnitten, nach und nach entstand ein Film vor dem Film.
Premiere im Beisein der Autorin
Eine der Ersten, die ihn zu sehen bekamen, war die Grüffelo-Mutter Julia Donaldson. Schuh und Lang war nicht ganz wohl bei ihrem Besuch im schottischen Edinburgh. Denn das Bilderbuch sei „sanft und mild“. Im Film aber wollten die Regisseure zeigen, dass ein Zusammentreffen mit Fuchs, Eule und besonders Schlange für eine Maus auch schlecht ausgehen kann. Dabei hofften sie, Donaldsons Geschmack getroffen zu haben: „Bei unserem ersten Treffen hatte sie uns den ganzen Grüffelo vorgespielt“, erzählt Schuh. „Sie schrie und tobte, es war richtig befreiend für uns.“ Und so wagten Schuh und Lang auch im Film etwas. Unter anderem lassen sie die Maus durch hüfthohes Wasser flüchten, während im Hintergrund allerlei Tiere gefressen werden: eine Mücke von einer Spinne, eine Fliege von einem Frosch, ein Fisch von einem Reiher. „Über das Gemetzel hat sich Julia kaputtgelacht. Sie meinte sogar, wir sollten doch ruhig noch mehr Tiere sterben lassen.“ Schuh und Lang aber beließen es dabei.
In England werden bis heute wöchentlich rund 1500 Grüffelo-Bücher verkauft - ein geradezu unglaublicher Erfolg in einem Literatur-Genre, in dem Gesamtauflagen von 5000 normal sind. So war der Druck auf Schuh und Lang auch riesengroß: Der Film, schon an Weihnachten 2009 in der BBC zu sehen, müsse mindestens neun Millionen Zuschauer haben, hieß es im Vorhinein. Letztlich waren es dann sogar noch eine Million mehr. Demgemäß konzentrierten sich die Ludwigsburger zunächst ganz aufs englische Original. Als dann der Film ins Deutsche synchronisiert werden musste, wurde ihnen plötzlich klar, dass es größere Schwierigkeiten geben würde. So ist im deutschen Bilderbuch von „Grüffelo-Grütze“ die Rede. Im Englischen isst die Maus hingegen am liebsten „Gruffelo-crumble“ - also Streuselkuchen. Das Backwerk ist auch im Film zu sehen. Klar, dass das den jungen Fans nicht entgehen konnte. „Doch wir beließen es bei Grütze, auch wenn es nicht zu dem Bild im Film passt“, sagt Schuh. „Denn für die Kinder sind die Worte wichtiger als die Bilder.“
Konkurrenz für Walt Disney
Als Michael Rose 2003 erstmals auf das Studio SOI zukam und von einem „Grüffelo“-Film sprach, glaubte Jakob Schuh nicht recht daran. Viele Produzenten kamen und gingen auch wieder mit ihren Projekten, wie das Studio im Nachhinein feststellen sollte. „Michael aber blieb.“ Schuh, Jahrgang 1976, hat wie alle im Studio SOI an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg studiert. Nach dem Studium wechselte er nur die Straßenseite und gründete 2002 mit sechs anderen Hochschulabsolventen seine eigene kleine Filmfabrik. Dazu stieß dann noch der Volkswirt Carsten Bunte, der ebenfalls an der Filmakademie studiert hat und sich als Produzent auch um die Finanzierung der Projekte oder die Nachverwertung kümmert.
Die Nähe zur Filmakademie, an der Schuh inzwischen unterrichtet, ist für beide Seiten gewinnbringend. 13 Absolventen und 16 Studenten arbeiten inzwischen fürs Studio SOI, das in neun Jahren mehr als ein Dutzend Trickfilme veröffentlicht hat, darunter auch Werbefilme für große Unternehmen. Bei so viel Kreativität mag man kaum glauben, dass der Name SOI so ganz ohne Hintergedanken gewählt wurde. „Es musste damals einfach schnell gehen“, sagt Schuh. So hätten sie „irgendwelche drei Buchstaben“ aneinandergereiht, die „total unglamourös“ waren. Allerdings gefiel ihnen dann der Klang, und auch die schöne Gestalt von Schlange, Kreis und Strich.
Erst im Laufe der Zeit fanden sie heraus, dass „soi“ durchaus eine Bedeutung haben kann. Im Französischen gibt es den Begriff „chez-soi“ für die eigenen vier Wände. In Thailand ist es ein Ausdruck für eine Nebenstraße, die von einer Hauptstraße abzweigt. Am lustigsten findet Jakob Schuh, dass ausgerechnet ein Buch, das vor den schädlichen Folgen von Comics warnt, mit genau den drei Buchstaben abgekürzt wird: „Seduction of the Innocent“ (Verführung der Unschuldigen) des deutsch-amerikanischen Psychiaters Fredric Wertham aus dem Jahr 1954. „Daran dachte ich damals überhaupt nicht“, sagt Schuh. Nun treten sie in genau der Kategorie (“Bester animierter Kurzfilm“) an, in der ausgerechnet Walt Disney mit seinen Comic-Figuren bislang am häufigsten gewonnen hat.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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