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Liebe in Zeiten der Pflegestufen Ineinander verloren

 ·  Galina, Ärztin aus der Ukraine, und Chaim, Arbeiter aus Polen, fanden einander erst im hohen Alter. Einfach alles das, was zwischen Mann und Frau vorstellbar ist, ist zwischen ihnen beiden, sagt Galina. Und Chaim sagt meistens: Wenn sie das sagt, dann ist das so.

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© Andreas Pein Beim Frühstück jeder für sich, das Abendbrot gemeinsam: Chaim und Galina in Berlin.

Galina findet ihn romantisch, weil Chaim sagt, dass sie die Liebe seines Lebens ist. Immer morgens um neun ruft sie ihn an. Ob es ihm gutgeht, ob alles in Ordnung ist. Nachmittags dann geht er zu ihr. Bis in den Abend hinein sind sie zusammen. Oft sehen sie dabei fern, sie liebt es fernzusehen, also liebt er es auch.

Sie ist mit ihm mit, als er vor sechs Jahren ins Seniorenzentrum musste. Zuerst hatten sie sich überlegt, nun vielleicht zusammenzuziehen, in eines der Zweizimmerapartments. Besser, jeder hat nach wie vor seins, haben sie schließlich entschieden, und jeder von ihnen hat ein eigenes Einzimmerapartment bezogen. Und so nimmt Chaim das Abendbrot stets bei Galina ein, das Frühstück aber jeder für sich, und auch zu Mittag essen sie außer sonntags nie gemeinsam. Sonntags, wenn sie für sie beide nach koscherer Art kocht.

Am äußersten westlichen Rand der Berliner Innenstadt liegt das Seniorenzentrum der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, abseits der Hauptstraßen, unweit des Funkturms, des Charlottenburger Schlosses und auch des Grunewalds. Chaims Apartment ist im Jeanette-Wolff-Haus, Galinas im Leo-Baeck-Haus gegenüber.

Aus den beiden Häusern besteht die Einrichtung, seit 1980, dazu ein Pflegeheim im begrünten Hof als Neubau von 2007. Zweihundert Bewohner im Ganzen, Juden und Nichtjuden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, aus Polen, aus Israel, aus Ländern Südamerikas, Juden und Nichtjuden aus Deutschland. Weil es Teil der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ist, wird das Zentrum von Polizeiposten bewacht.

Chaim zog ins Seniorenzentrum – Galina gleich mit

Galina ist Russin jüdischer Abstammung, Chaim ist polnischer Jude, so erzählen sie das, und damit, so sehen sie es, teilen sie eine Herkunft. Sie befolgen die hohen Feiertage, und zweimal die Woche gehen sie in die Synagoge, deren Eingang neben Galinas Apartmenttür ist.

Viele Jahre lang sind sie nun ein Paar, vierzehn, sagt Galina, und Chaim sagt, wenn sie das sagt, dann ist das so. Galina Ugoleva, 1926 in der Ukraine geboren, einen jüdischen Militärarzt zum Mann gehabt und selbst Ärztin gewesen, Dozentin, Professorin, seit 1995 in Berlin. Chaim Goldman, 83 Jahre alt, Geburtsort Warschau. Ghetto und Krieg bis hinter die Wolga entkommen, später eine deutsche Jüdin geheiratet und mit ihr nach Deutschland ausgewandert. Fünfundvierzig Jahre lang war er Maschinensetzer bei verschiedenen West-Berliner Verlagen.

Dann aber, 2006, sagt er, ging es nicht mehr. Er konnte nicht mehr für sich selbst sorgen, einkaufen, kochen, Wäsche waschen, die Räume sauber halten. Zu krank war er, zu schwach dazu, den Alltag zu bewältigen. Galina hatte ihre Wohnung in der Nähe; sich mit um seinen Haushalt zu kümmern, wäre jedoch zu viel für sie gewesen. Deshalb hatte er sich dazu entschlossen, seine Wohnung im Stadtteil Rudow aufzugeben und ins Seniorenzentrum im Bezirk Charlottenburg zu ziehen. Galina hatte gleich zu ihm gesagt, dass sie mit ihm ziehen wird. Das hat ihm den Entschluss leichter gemacht.

Er kann mit sich selbst allein sein, mit Galina aber ist es besser

Er erhält Rente, Grundsicherung sie. Er wohnt im Haus mit Betreuung. Frühstück und Mittagessen bekommt er ins Apartment, die Wäsche gewaschen, Zimmer, Bad und Küche gereinigt. In dem Haus, in dem sie lebt, gibt es keine Betreuung, sie braucht sie nicht. Sie kocht, wäscht, kauft ein, macht selbst sauber. Früher, als er jung war, so mit dreißig, vierzig, fünfzig, dachte er immer, bloß die anderen sind alt. Jetzt, sagt Chaim, ist er selbst so weit.

Er sagt auch, dass er mit sich selbst allein sein kann, er kann sich auch allein beschäftigen. Mit Galina zusammen ist es aber besser. Ihre vier Enkel, ihre Tochter und ihre Schwiegertochter, die Deutsche ist, hat sie in Berlin, und alle sind sie froh darüber, dass sie außerdem Chaim hat, ihn, der ständig bei ihr ist und an den sie ihr Herz hängen kann.

Ihre Familie hat ihn in ihren Kreis aufgenommen, meine Ersatzfamilie, sagt er. An Verwandtschaft hat er bis auf seine Tochter, die in Frankreich lebt, nur noch seinen jüngeren Bruder. Schmuel ist in Kanada, und beinahe täglich rufen sie einander an.

Bei einem Vortrag zu „Aspekten des Miteinanders“, den Galina 1997 vor russischen Juden gehalten hat, sind sie und Chaim sich zum ersten Mal begegnet. Während der Diskussionsrunde, die darauf folgte, saß er neben ihr. Er hatte Fragen bezüglich des Vortrags an sie, doch er schwieg. Bis sie ihn lange ansah und er deswegen den Mut hatte, sie um ihre Nummer zu bitten.

Telefoniert haben Galina und Chaim danach viele Male miteinander, trafen sich zum Kaffee, und die Gespräche drehten sich immer um russische Musik und russische Kultur, Dinge, die ihnen heilig sind. Nach Ablauf eines Jahres sind sie und er sich dann nähergekommen, so dass sie heute übereinander sagen können, dass sie seither ein Paar sind.

Angefangen hast du, sagt er zu ihr, ich wäre viel zu schüchtern dazu gewesen. Du, sagt sie daraufhin zu ihm, du hast mich um meine Nummer gebeten, nicht ich dich um deine. Auf die Feststellung legt sie Wert, woraufhin er wieder sagt, wenn sie das sagt, dann ist das so.

Sie hat Chaim schon vor dem Schlimmsten bewahrt

Bruder ist er für sie, Freund und Patient. Meist Patient, sagt sie. Einmal schon hat sie ihn vor dem Schlimmsten bewahrt. An einem Vormittag lag er auf dem Fußboden vor dem Sofa und konnte sich nicht rühren. Die diensthabende Krankenschwester fand ihn so vor. Galina hatte sie herbeigerufen, weil ihr Chaim die Tür nicht geöffnet hatte. Ohne Galina hätte er den Unfall wahrscheinlich nicht überstanden. Seit diesem Tag ruft sie jeden Morgen um neun bei ihm an.

Mein Chaim, sagt sie. Er geht ihr über alles. Freundschaft, Liebe, Hingabe, einfach alles das, was zwischen Mann und Frau vorstellbar ist, ist zwischen ihnen beiden, sagt sie. Manchmal bleibt er über Nacht bei ihr, und manchmal nennt sie ihn mit dem Vornamen ihres verstorbenen Mannes, Arkadi. Chaim gefällt das, er fühlt sich ihr dann ganz besonders nahe.

Mit ihrem Ehemann, dem Arzt beim Militär, war Galina viel in der Sowjetunion herumgekommen und war an allen seinen Standorten als Ärztin tätig. Dreißig Jahre lang Psychologin und Pädagogin, viele Publikationen und die Promotion, die Habilitation.

Ihr Sohn war bereits seit drei Jahren in Deutschland, als sie 1995 mit nichts als einem Rucksack in Berlin ankam. Er hatte ihr zu dem Schritt geraten. Dem Ungemach sollte sie entfliehen, das das Leben als Jüdin in der Ukraine mit sich bringt. Die Jahre vor Chaim wohnte sie in Berlin-Schöneberg, zog dann nach Gropiusstadt in Rudow um, in die Siedlung, in der er lebte.

Das Getto hat die Familie verschlungen

Er mag es, dass Galina auf jede seiner Regungen achtet und auch auf die Kleidung, die er trägt. Darauf, dass sie sauber ist und nicht etwa an falscher Stelle Falten wirft. Immer hat sie ein Staubkorn oder Ähnliches vom Stoff zu entfernen. Gelegenheiten, um Chaim zusätzlich zu berühren. Am Tisch sitzt sie dicht bei ihm und streichelt ihm die Hand, während sie zu ihm spricht.

Wie eine Mutter, sagt er über sie, wie eine Schwester. Mutter, um ihn zu bemuttern, Schwester, um ihm zuzuhören und Ratschläge zu geben. Sie ist um ihn herum, und dabei ist sie vor allem als Frau für ihn interessant. Wie schön du bist, Galitschka, sagt er zu ihr, und sie sagt wieder, wie sehr romantisch sie ihn findet, und küsst ihn auf den Mund.

Manchmal will er den Abend über allein sein, und sie lässt es zu. Seine melancholischen Momente, die sie kennt. Er verbringt sie in seinem Apartment, er bringt sie damit zu, Melodien auf seinen Keyboards auszuprobieren, die ihm eingefallen sind. Tonfolgen eher denn Melodien, die traurig und daher nach Tiefsinn klingen. Auf Band nimmt er sie auf, spielt sie sich immer wieder vor, kommentiert sie mit leisen Worten und gibt sich so seiner Stimmung hin.

Fünf Geschwister hatte er. Von ihnen ist ihm Schmuel geblieben. Mit ihm zusammen war er erst aus Warschau in die Ukraine und dann vor der Wehrmacht bis nach jenseits der Wolga geflohen. Auch der Vater hatte sich 1940 auf die Flucht begeben, weil es Gerüchte darüber gab, dass in Warschau ein Getto eingerichtet werde. Die Mutter und die Schwestern wollten die Stadt nicht verlassen. Das Getto, das bald kam, hat sie verschlungen.

Besser nicht zusammenziehen

1946 ist Chaim nach Warschau zurück, dort lernte er seine Frau kennen. Im Nachkriegspolen, sagt er, hat er keine guten Erfahrungen gemacht. Zu der Zeit, sagt er, hat es Pogrome im Land gegeben, und aus diesem Grund ist er gemeinsam mit seiner Frau nach Deutschland ausgewandert.

Galina kann kein Deutsch, und Chaim fürchtet, das Deutsche zu verlieren, das ihm von den Sprachen, die er spricht - Russisch, Polnisch, Hebräisch, Jiddisch und Deutsch -, die reichste ist. Selten nur kommt er dazu, sich mit jemandem auf Deutsch zu unterhalten, er bedauert das. Deutschland ist etwas für uns, sagt er für Galina mit, bei dem wir tagtäglich auf Positives stoßen.

Beim Spazieren, erzählt er, sprechen Leute Galina und ihn häufig als außergewöhnliches Paar an. Wollen sie fotografieren, wie sie gerade vor ihnen stehen, so Hand in Hand. Vielleicht liegt es daran, sagt er, dass wir uns in Harmonie ergänzen, und vielleicht sieht man uns genau das an.

Beide geben sie darauf Acht, geistig in Bewegung zu bleiben. In der Tora lesen sie zusammen, über Philosophie und Psychologie und darüber, wie es zwei Menschen dauerhaft gelingt, miteinander auszukommen. Galinas neueste Idee ist das. Ärztin war sie, ich Arbeiter, und wir kommen miteinander aus, sagt Chaim dazu. Haben sie einmal Streit, zieht er sich immer zurück, und sie entschuldigt sich beim Anruf am nächsten Morgen bei ihm dafür.

Besser nicht zusammenziehen. Unsere Liebe soll nicht sterben, sagt er. Einander zu verzeihen ist wichtig für die Liebe, und um Vergebung zu bitten oder sie zu gewähren, geht dann am besten, wenn jeder seins hat. Das sei ihrer beider Erfahrung dazu.

Wie lange haben wir noch, sagt Chaim. Pläne für die Zukunft machen sie nicht. So, wie wir jetzt jeden Tag zusammen erleben und wie wir nach Spanien oder nach Polen in den Urlaub fahren, ist es richtig für uns, sagt er. Die Jahre, die sie hoffen, noch gemeinsam vor sich zu haben, mögen in Eintracht und Glück für sie vorübergehen. Als Geschenk füreinander betrachten sie sich, als ineinander verloren.

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