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Auschwitz-Überlebender : Er befreit sich durch Berichte

Bild: Edgar Schoepal

Leslie Schwartz hat Auschwitz und Dachau überlebt. Der Fünfundachtzigjährige kommt aber immer wieder nach Deutschland – um jungen Leuten seine Geschichte zu erzählen.

          Manchmal wundert sich Leslie Schwartz selbst darüber, dass er so was sagt: „Deutschland, meine zweite Heimat.“ Ausgerechnet Deutschland, in dessen Namen seine Mutter und seine zwei Schwestern ermordet wurden, Deutschland, wo er selbst mehrmals nur knapp dem Tod entkam.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Fast sieben Jahrzehnte lang versuchte Schwartz zu verdrängen, was er in Auschwitz und Dachau erlebte. Wie er im April 1945, kurz vor Kriegsende, mit mehr als 3000 anderen ausgezehrten KZ-Häftlingen in einem Güterzug eingesperrt auf Irrfahrt in Oberbayern war. Wie ihm – als endlich alles vorbei schien – von einem Hilterjungen in den Hals geschossen wurde.

          Aber seit fünf Jahren erzählt er nun seine Geschichte. Zu Hause in Amerika, in Dänemark und vor allem in Deutschland. Seine zweite Frau Annette kommt aus Münster. Immer im Sommer, wenn es in New York unerträglich heiß wird, wohnen die beiden für ein paar Wochen in der westfälischen Stadt.

          „Ich war ein Kind“

          Schwartz berichtet dann in Schulen sowie Gedenk- und Begegnungsstätten in ganz Deutschland von seinem Leben. „Ich muss Zeugnis ablegen, solange ich kann. Für die jungen Leute, aber auch für mich. Das Berichten befreit mich“, sagt Schwartz, als die ersten Schüler in die Aula des Anne-Frank-Berufskollegs in Münster kommen. „Ich habe spät damit begonnen.“

          Das erste Mal kam Laszlo, wie Leslie Schwartz damals noch hieß, 1944 nach Deutschland. Sein Weg führte über Auschwitz. Er war 14 Jahre alt und dem Tode geweiht. Laszlo gehörte zu den mehr als 400.000 ungarischen Juden, die nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen binnen weniger Wochen nach Auschwitz deportiert wurden.

          Immer im Sommer in Deutschland: Leslie Schwartz spricht mit Schülerinnen des Anne-Frank-Berufskollegs in Münster.
          Immer im Sommer in Deutschland: Leslie Schwartz spricht mit Schülerinnen des Anne-Frank-Berufskollegs in Münster. : Bild: Edgar Schoepal

          Auf der Rampe des Konzentrationslagers wurde seine Familie gleich nach der Ankunft getrennt: Frauen, Kinder und Alte in eine Reihe, Männer in die andere. Laszlo war hin- und hergerissen. „Ich war ein Kind und wollte einfach bei meiner Mutter bleiben. Aber ich hatte den Eindruck, die Reihe meiner Mutter verströmte Furcht. Das rettete mir wahrscheinlich das Leben.“

          Sie starb, er überlebte

          Laszlo wechselte in die Reihe der Männer und verlor seine Mutter, seine Schwester Judith und seine Halbschwester Eva aus den Augen. Die SS-Schergen schickten sie direkt ins Gas.

          Für die jungen Leute in Münster hat Schwartz eine kleine Rede über Anne Frank vorbereitet, die Namenspatronin ihrer Schule. Bevor er vorliest, glaubt Schwartz sich entschuldigen zu müssen. „Mein Deutsch is from the KZ Dachau“, sagt er lachend, um dann, nur wenige Worte weiter, die ersten Schüler zu Tränen zu rühren. „Anne war sieben Monate älter als ich. Sie kam mit 15 ins Todeslager, ich mit 14. Ihre Mutter wurde in Auschwitz getötet, so wie meine.“

          Anne und er erkrankten an Typhus. „Sie starb, ich überlebte.“ Laszlo Schwartz war nur wenige Tage in Auschwitz. Als er erfuhr, dass ein Transport mit KZ-Insassen nach Westen aufbrechen sollte, schlich er sich unter die Erwachsenen, die in Richtung Bahnhof marschierten. „Jetzt ging es also irgendwohin. An einen Ort, wo man sein bisschen Leben retten könnte, ich machte mir fast Hoffnungen.“

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