07.05.2010 · In kurzer Zeit wurde aus einer Schülerin unser Star für Oslo. Seither bricht sie alle Rekorde und verzückt eine ganze Nation. Man kann sie einfach gern haben. Muss man auch? Ein Portrait.
Von Peter-Philipp SchmittMan kann sie einfach gern haben. Muss man auch? Irgendwie schon. Wie sie sich da auf dem Sofa fläzt, in schwarzer Gymnastikhose, grauem Sweat-Shirt, die dunklen Haare hochgesteckt. Um den Hals trägt sie ein Lederband mit schwarzem Kreuz, dazu eine lange Silberkette. Sie gähnt ungeniert. War ein bisschen viel an diesem Tag und überhaupt – in der letzten Zeit. Noch im Januar war sie nur eine von vielen hoffnungsfrohen Abiturientinnen in Deutschland. Im Februar schon die Favoritin für „eine nationale Aufgabe“ (Stefan Raab). Im März: Unser Star für Oslo. Seither ist sie Rekord-Chart-Stürmerin (mit auf Anhieb drei Liedern unter den Top-Fünf), die bekannteste Achtzehnjährige des Landes und – nach Meinung nicht nur britischer Wettbüros – heiße Kandidatin für den ersten Platz beim Grand Prix in Norwegen. Im April folgte das Abitur, danach nahm sie in nur einer Woche ihr erstes Album „My Cassette Player“ auf. An einem Teil der Lieder hat sie mitgeschrieben, meist übers Telefon mit ihrem Mentor Stefan Raab. Nun ist Mai – und für Lena Meyer-Landrut hat der große Endspurt für das Finale des 55. Eurovision Song Contest begonnen.
„Hallo, ich bin Lena“, sagt sie zur Begrüßung. Selbstbewusst duzt sie ihr Gegenüber – und wirkt doch ein wenig unsicher. Vorsichtig ist sie sowieso. Zu viel will sie keinesfalls von sich preisgeben. Selbst das Buch, in dem sie gerade noch gelesen hat, dreht sie um, als wolle sie den Titel verbergen. Wer weiß, was sonst in der Zeitung steht. Ein Fotograf ist nicht zugelassen, die Zeit, als es noch Bilder des ungeschminkten Backfisches gab, sind vorbei.
„Bin ich dir zu stressig?“
Lena ist bekanntermaßen schlagfertig, und sie kann spontan die schrägsten Sachen sagen. „Bin ich dir zu stressig?“, fragt sie nach einer Weile und lacht. Dann fügt sie leicht ironisch hinzu, dass sie ja nur so schnell rede, weil sie die Fragen schon alle zu kennen meine. Allerdings kann sie durchaus auch schweigen. Wer ihr im Gespräch zu nahe kommt, den speist sie kalt lächelnd (das kann sie: kalt lächeln!) mit einem: „Dazu sage ich nichts“ ab. Privates ist tabu. Dass viele das bedauern, versteht sie – natürlich. Andererseits habe sie „keinen großen Output“ an Privatsphäre, den sie geben könnte. „Und eigentlich hat’s ja auch keinen zu interessieren.“
Ihre Zurückhaltung erinnert sehr an Stefan Raab, der zum derzeit alles bestimmenden Faktor in Lena Meyer-Landruts Leben geworden ist. Der Moderator, der nicht immer zimperlich mit seinen Mitmenschen umgeht, selbst aber höchsten wert auf die Privatheit seines Privatlebens legt, weiß wie kaum ein anderer, musikalische Talente zu entdecken und zu fördern. Er fungiert dann als Freund, Berater und ist – zusammen mit seiner Firma Brainpool TV – ein geradezu unüberwindlicher Schutzwall, hinter dem sich nun auch Lena sicher und geborgen fühlen kann. Seit Wochen schon ist sie in einem Hotel in Köln zu Hause, die meiste Zeit des Tages verbringt sie in der Brainpool-Zentrale im Stadtbezirk Mülheim.
„Und dann war ich plötzlich weiter“
Offenbar war Lena schon ein Fan von Stefan Raab, lange bevor sie sich das erste Mal begegneten. Eine Freundin hatte ihr im vergangenen Jahr eine Eintrittskarte für „tv total“ geschenkt. Wenig später entdeckte sie auf der Internetseite von Raabs Pro-Sieben-Sendung das Logo zu „Unser Star für Oslo“. „Ich hab’s angeklickt und mich dann sofort angemeldet, ohne groß darüber nachzudenken.“ Eine Woche später sei sie schon zum Casting gefahren. „Und dann war ich plötzlich weiter.“ Eingeweiht hatte sie zunächst nur ihre Mutter, die von der Idee zwar nicht begeistert war („weil sie Castings, die man sonst so kennt, für nicht gut befand“) und darum die Reise von Hannover nach Köln auch nicht bezahlte. „Inzwischen“, sagt die „USFO“-Gewinnerin verschmitzt, „hat sie ihre Meinung aber geändert.“
Über die Mutter gibt Lena zumindest ein bisschen Auskunft. Über den Vater redet sie nicht. Er spielt in Lenas Leben allerdings auch keine Rolle. Dass das Einzelkind nie Gesangsunterricht hatte und auch keine Noten lesen kann, ist mittlerweile allgemein bekannt. Beim Singen verlässt sie sich auf ihre Intuition. Als Oberjuror Raab ihr in einer der Sendungen ironisch eine „abenteuerliche Atemtechnik“ bescheinigte, erwiderte sie: „Ich habe überhaupt keine.“ Dass sie damit nicht nur kokettierte, nahm ihr das Publikum ab. Und sie hatte mal wieder die Lacher auf ihrer Seite. Seither sagt sie oft, dass sie keine „Mörderstimme“ habe. Ein Grund, jetzt noch einen Gesangslehrer für Oslo einzuspannen, sei das aber nicht.
Das Abitur ist ihr wichtiger als ein Sieg in Oslo
Warum auch? Gerade die Art, wie sie singt, hat sie nach ganz oben geführt. Dafür hat sie schon beim deutschen Vorentscheid so viel Lob bekommen, dass sie gar nicht wusste, wohin damit, wie sie sagte. So habe sie die guten Worte in ein kleines Säckchen gepackt, um sie später wieder hervorzuholen. Sie hatte sie nötig – in der Zeit vor dem Abitur. „Ich hatte ja nur zwei, drei Wochen Zeit, mich vorzubereiten.“ So lange und so viel habe sie noch nie in ihrem Leben gelernt. „Ich hätte irgendwann nur noch auf meinen Schreibtisch brechen können.“ Das Abitur aber war und ist ihr wichtig, wichtiger, als ein Sieg in Oslo. „Ich habe jetzt 13 Jahre in dieser blöden Schule gesessen, das muss sich doch irgendwie gelohnt haben.“ Nach vier schriftlichen und – erst vor wenigen Tagen – einer mündlichen Prüfung (Biologie, Sport, Geschichte, Englisch und zuletzt Deutsch) steht nun nur noch das praktische Examen im Sport an: Laufen, Springen, Badminton und Tanzen. Die Abiturnote erfährt sie erst nach dem Finale in Oslo am 29. Mai. Bis dahin erlaubt sie sich keine Gefühle dazu. „Wenn ich jetzt ein gutes Gefühl habe, und dann ist die Note schlecht, wäre ich total enttäuscht. Und wenn ich ein schlechtes Gefühl hätte, dann hätte ich bis zur Verkündung der Note ein schlechtes Gefühl. Und das wäre ja auch nicht gut.“
Tanzunterricht hatte Lena seit ihrem fünften Lebensjahr. Lange war sie Teil der Company „Link2Dance“ mit ihren vor allem erfolgreichen Hip-Hop-Tänzern, die bereits Deutsche Meister, Vize-Europameister sowie Vize-Weltmeister sind. Wenn sie bei „USFO“ sang, tanzte Lena aber nicht. Ihre Bewegungen erinnerten eher an den stets etwas verkrampft wirkenden Joe Cocker. Schritte einstudiert hatte sie bislang für ihre Auftritte nicht, auch da verließ sie sich auf ihre Intuition. „Ich habe von Anfang an in der Musik den Weg gewählt, mich so zu präsentieren, wie ich bin, weil ich glaube, dass es später noch genug Möglichkeiten gibt, sich zu inszenieren, sei es bei schauspielerischen Sachen oder – im Karneval.“ Geschauspielert hat sie schon: als Komparsin in Fernsehserien wie „K11 – Kommissare im Einsatz“, „Helfen Sie mir!“ und „Richter Alexander Hold“. Dass sie dabei auch eine freizügigere Rolle gespielt hat, ist alles andere als ein Skandal. Sie sagt dazu: „Mir passt alles, was in meinem Leben passiert ist, ich kann mit allem mit mir im Reinen sein.“ Dass ein Künstler mit Schlichtheit weit oben (Platz acht) landen kann, habe ja Max Mutzke schon mit seinem Auftritt 2004 mit dem von Stefan Raab geschriebenen Grand-Prix-Titel „Can’t Wait Until Tonight“ bewiesen. Er ist zugleich Lenas Lieblingslied aus 54 Jahren ESC-Geschichte. „Wenn ich mich jetzt verkleiden würde, mit Klavierhemd und Nilpferdhose, und um mich herum würden 20 türkische Tänzer stehen, das würde ja wohl nicht zu mir passen. Deswegen machen wir alles wie bisher.“
Sie war Sängerin in einer Schulband mit dem Namen Stenorette 2080
Auch als Sängerin in einer Schulband mit dem Namen Stenorette 2080 soll Lena schon Bühnenerfahrung gesammelt haben. Doch sie winkt ab: „Das war gar nichts. Wir haben uns fünf Mal getroffen und fanden es dann witzig, ein Lied ,Das Mädchen vom Ponyhof‘ zu nennen.“ Das sei eine Flachsidee gewesen. „Eine richtige Band war das überhaupt nicht.“ Die seit Wochen andauerndenDiskussionen über ihre englische Aussprache amüsieren sie: „Das ist das totale Pseudoenglisch. Ich kann mich ausdrücken und ich kann auch reden, gar keine Frage, aber ich bin keine gute Englischsprecherin, ich bin Durchschnitt.“ Ihre Aussprache sei so, wie sie es von ihrem Lehrer gelernt habe. In England sei sie noch nie gewesen. „Ich eifere auch keinem nach, ich habe das wie einen Dialekt von meinem Englischlehrer angenommen.“ Es liegt also zum Beispiel nicht an der Sängerin Kate Nash aus London, von der sie sich, wie viele glauben, den merkwürdigen Akzent abgehört habe. „Nee“, sagt sie, „zum Beispiel nicht. Die kannte ich in der siebten Klasse noch gar nicht.“
So singt sie ihr Grand-Prix-Lied „Satellite“ über ein junges Mädchen, dass alles für ihren Liebsten tut, in einem „british English“. Damit erreicht sie die Jugend. Schon jetzt steht fest, dass der ESC in Oslo eine rekordverdächtige Einschaltquote unter deutschen Schülern erreichen wird. Lena weiß, dass das auch ihr Verdienst ist. Nicht dass Musiker wie Roger Cicero oder Texas Lightning schlecht gewesen wären, aber der Grand Prix sei zu deren Zeit einfach alt und „nicht mehr gepflegt“ gewesen. „Wie ein Oldtimer. Und wenn Oldtimer nicht gepflegt sind, dann sind sie nichts wert. Aber wenn sie ganz doll gepflegt werden, dann haben sie einen unheimlichen Wert.“ Jetzt wurde der ESC gepflegt, durch Raabs Initiative, so dass plötzlich wieder ganz viele Menschen Interesse daran zeigten. „Wäre der Vorentscheid damals auch mehr gepflegt worden, hätten die mit Sicherheit national auch mehr Zuspruch erhalten.“ Denn, und davon ist sie überzeugt, wenn ein ganzes Land voll hinter einem stehe, gebe das dem Künstler ein anderes Maß an Sicherheit.
Zu Nicole, der einzigen deutschen Grand-Prix-Siegerin, in deren Nachfolge viele Lena bereits sehen, fällt ihr nicht viel ein: „Ich bin kein Riesenfan, ich mag sie aber auch nicht nicht.“ Nicole war 1982 beim Finale in Harrogate 17, Lena feiert am 23. Mai ihren 19. Geburtstag – und zwar schon in Oslo. Mit dabei: „bunte Hütchen und Ballons“. Und ihre Mutter? „Dazu sage ich nichts.“ Auch den Großvater lässt sie außen vor. Andreas Meyer-Landrut war Staatssekretär im Außenministerium von Hans-Dietrich Genscher und Leiter des Bundespräsidialamts unter Richard von Weizsäcker. Auf die Frage, ob denn der Großvater stolz auf seine Enkelin sei, variiert sie wenigstens ihr „Dazu sage ich nichts“ mit einem: „Na, jetzt überleg’ Du Dir mal ’ne Antwort darauf.“
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Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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