http://www.faz.net/-gum-9ff4s

Frauenvolksbegehren : „Nicht Frauen müssen sich ändern, sondern das System“

  • -Aktualisiert am

Eine Mobilisierungsaktion des Frauenvolksbegehrens Bild: Picture-Alliance

Fast eine halbe Million Menschen hat das österreichische Frauenvolksbegehren zur Gleichstellung unterzeichnet – mit kontroversen Forderungen. Projektleiterin Lena Jäger erklärt, warum deren Umsetzung keine Utopie sein kann.

          Verglichen mit anderen EU-Staaten liegt Österreich in Gleichstellungsfragen nur im Mittelfeld. Bis Anfang dieser Woche konnten sich die Österreicherinnen und Österreicher deshalb für das Frauenvolksbegehren eintragen. Es enthält zahlreiche, teils kontroverse Forderungen: gleiche Bezahlung für Frauen und Männer, eine Frauenquote, die Arbeitszeitverkürzung auf eine 30-Stunden-Woche und den kostenlosen Zugang zu Verhütung und Abtreibung.

          Frau Jäger, Sie konnten 481.906 Unterschriften sammeln und haben die Hürde von 100.000 Stimmen für ein Volksbegehren erfolgreich genommen. Wie geht es nun weiter?

          Der Nationalrat muss sich jetzt innerhalb der nächsten sechs Monate mit unseren Forderungen beschäftigen. Wir werden an den Gesprächen teilnehmen.

          Wie bereiten Sie sich darauf vor?

          Wir werden nochmal mit allen Parteien sprechen und ausloten, wer uns bei welchen Punkten unseres Volksbegehrens unterstützen wird. Ich habe den Eindruck, dass die Gespräche mit einigen Menschen und einigen Parteien jetzt viel leichter sind als vor einem Jahr. Zum Beispiel mit den Neoliberalen, die haben uns zu Beginn ziemlich abgelehnt. Wir brauchen die Oppositionsparteien, von den Regierungsparteien wird es kaum Unterstützung geben. Wir treffen uns auch noch mal mit der Frauenministerin.

          Die Frauenministerin Juliane Bogner Strauß (ÖVP) hat ihr Begehren nicht unterstützt. Warum?

          Für uns war eigentlich klar, dass sie das nicht unterschreiben wird. Denn wenn eine Regierung ein Volksbegehren zu 80 oder zu 100 Prozent unterstützt, dann muss man sie natürlich fragen: Warum habt ihr das nicht schon längst umgesetzt? Ihr seid’s ja eh an der Regierung.

          Lena Jäger ist Projektleiterin des Frauenvolksbegehrens in Österreich.

          Eine Kritik am Volksbegehren war die Vielzahl der Forderungen. Warum haben Sie es nicht erst eine Nummer kleiner versucht?

          Weil all unsere Punkte, von Gewaltprävention bis zu gleicher Bezahlung, nötig für die Gleichstellung sind. Ich habe den Kritikern immer eine Gegenfrage gestellt: Mit welchen zwei Forderungen müssen wir nicht, wie vom Global Gender Gap Report vorhergesagt, 170 Jahre auf die Gleichstellung warten? Ich kenne sie nicht.

          Einige Ihrer Forderungen wurden auch als utopisch kritisiert, wie beispielsweise die Arbeitszeitreduzierung auf 30 Stunden, damit Familie und Beruf besser vereinbar sind.

          Ich verwehre mich dagegen zu sagen, irgendetwas aus unserem Programm sei Utopie. Es kann keine Utopie sein. Wir Frauen sind 51 Prozent der Bevölkerung. Wir wollen die Hälfte, nicht mehr. Wenn unsere Gesellschaft ein Leben, in dem alle die gleichen Chancen haben, als Utopie ansieht, dann haben wir ein ernsthaftes Problem. Und was Forderungen wie die Arbeitszeitreduzierung angeht: Unser Ziel ist nicht, dass all unsere Forderungen eins zu eins in den nächsten fünf Jahren umgesetzt werden. Das Ziel ist es, den Diskurs anzuregen.

          Haben Männer und Frauen unterschiedlich auf das Begehren reagiert?

          Ja, definitiv. Wir haben aber von Anfang an versucht, auch Männer mit ins Boot zu holen. Ich denke, das ist uns auch gelungen. Wir haben auch einen männlichen Sprecher. Das haben wir bewusst so gewählt. Echte Gleichwertigkeit der Geschlechter wird es nicht im Kampf gegen Männer, sondern nur mit ihnen geben. Auch wenn wir dafür Kritik aus der feministischen Bewegung bekommen.

          Sie wurden kritisiert, weil Sie die Unterstützung von Männern haben?

          Ja, da hieß es: Warum spricht jetzt ein Mann für eure Anliegen? Ganz einfach: Unsere Forderungen sind für alle Menschen. Wir haben immer auch das dritte Geschlecht sowie Mehrfachdiskriminierung anerkannt, zum Beispiel durch eine andere Hautfarbe oder einen anderen kulturellen Hintergrund als den westeuropäischen.

          Wenn das Begehren für alle ist, warum heißt es dann Frauenvolksbegehren?

          Ich habe am Anfang auch nach einem anderen Namen gesucht. Aber Frauen sind in Österreich mit 51 Prozent die größte Gruppe, die aufgrund eines Merkmals, nämlich dem Geschlecht, diskriminiert wird. Ein Beispiel: Wir haben in Österreich einen Pensionsunterschied von 43 Prozent. Das zeigt: Frauen verdienen weniger Geld, Frauen sind weniger wert. Das ist doch eine ganz klare Message, wenn ich mich entscheide, der einen Hälfte der Bevölkerung weniger Geld zu bezahlen als der anderen. Und das ist der Grund, warum wir das Frauenvolksbegehren Frauenvolksbegehren genannt haben und auch dazu stehen können.

          Hinsichtlich der Bezahlung und der Pensionen heißt es ja oft, Frauen seien selbst schuld, wenn sie keine Führungsposition anstreben oder schlecht verhandeln. Was sagen Sie dazu?

          Es ist einfach gelogen, zu sagen, jede Frau hätte aus dem Stand die Möglichkeit, ihren Lebenstraum nach einer abgesicherten Existenz zu erreichen. Wenn das so ist, muss ich doch überlegen, woran das liegt. Ist das Frauen angeboren, dass sie weniger Geld möchten? Als Pädagogin glaube ich: Das ist etwas, was uns von klein auf beigebracht wird. Mädchen lernen, bescheiden zu sein, Burschen, dass es gut ist, wenn sie fordernd sind. Ich verneine biologische Unterschiede nicht, aber Fakt ist, dass Burschen und Mädchen systematisch in völlig andere Richtungen erzogen werden. Später heißt es dann über Frauen: Die hat nicht genug Ellenbogenqualitäten.

          Also müssen Frauen sich ändern?

          Nein. Wir wollen, dass das System sich so verändert, dass auch Frauen darin Platz finden. Frauen selbst entscheiden können, wie sie ihr Leben gestalten wollen, und dann auch abgesichert sind.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wartet auf eine Eingebung: Gesundheitsminister Jens Spahn

          Debatte um Migrationspakt : „Jens Spahn hat Panik“

          Abstimmung auf dem Parteitag und möglicherweise eine spätere Unterzeichnung – CDU-Vorsitz-Kandidat Jens Spahn sieht den Migrationspakt skeptisch. Führende Parteifreunde haben eine andere Meinung. Ein Politiker stimmt ihm jedoch zu.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.