Home
http://www.faz.net/-gun-xrb2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Leihmütter Kinder-Überraschung

 ·  Es ist ein neuer Trend im Showbusiness: Leihmütter tragen für Prominente den Nachwuchs aus - das schützt vor Morgenübelkeit und Schwangerschaftsstreifen. Doch wie viel Maß an Normabweichung gesteht die Gesellschaft Künstlern zu?

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (14)

Hat sich das Kinder-und-Karriere-Modell von Hollywoods Übermutter Angelina Jolie überholt? Erst floppt die schöne Fünfunddreißigjährige als Hauptdarstellerin im Film „The Tourist“, dann muss sie sich bei den Golden Globes vom Moderator verspotten lassen, und jetzt droht die Oscar-Preisträgerin auch noch ihren Status als Trendsetterin beim Kinderkriegen zu verlieren. Jahrelang hat die schmolllippige Hälfte des Megastar-Duos „Brangelina“ mit adoptiertem Nachwuchs aus Krisengebieten (Maddox, Pax Thien, Zahara) und biologischen Ablegern von Traummann Brad Pitt (Shiloh, Knox, Vivienne) viel Aufmerksamkeit erzielt. Doch nun muss sie erleben, dass Schauspielerinnen wie Sarah Jessica Parker und Nicole Kidman ihr bei der Familienplanung den Rang ablaufen.

Statt sich mit Morgenübelkeit zu Dreharbeiten zu schleppen und Schwangerschaftsstreifen zu erleiden, vertrauen Jolies Kolleginnen beim Austragen ihrer Kinder immer öfter auf Leihmütter, die dafür ein fünf- oder sechsstelliges Honorar sowie großzügige Boni erhalten und sich um Arztrechnungen nicht sorgen müssen. In Hollywood geht der Trend unverkennbar zum „surrogate“, wie die Pay-per-Baby-Mutter im Amerikanischen ganz unromantisch heißt.

„Einige Mütter sind einfach zu faul“

Die meist im Verborgenen ausgetragenen und daher oft ohne Vorwarnung präsentierten Kinder-Überraschungen provozieren aber selbst bei den brennendsten Verehrern der Stars nicht unbedingt Begeisterungsschreie, wie derzeit Nicole Kidman erleben muss. Nachdem sie vergangene Woche die frohe Botschaft verkündet hatte, sie habe gemeinsam mit Ehemann Keith Urban die kleine Faith Margaret von einer Leihmutter in Empfang genommen, brach in der Blogosphäre unerwartet ein Sturm der Entrüstung los.

„Einige Mütter sind einfach zu faul“, ließ „Belinda“ aus Kidmans australischer Heimat wissen. „Hatte sie etwa eine Geburt à la Camille Grammer, um sich die Figur und den Terminkalender nicht zu ruinieren?“, fragte „GoBruins“ ähnlich erbost mit einem Seitenhieb auf die Noch-Ehefrau des „Frasier“-Seriendarstellers Kelsey Grammer, die gleich zweimal eine Leihmutter anheuerte. Einige religiöse Fans wollten Kidman, die sich nach der Scheidung von Scientology-Anhänger Tom Cruise wieder dem Katholizismus zugewandt hat, angesichts der reproduktionsmedizinischen Nachhilfe gar zur persona non grata erklären lassen.

Dank an die „Schwangerschaftsträgerin“

Die Aggression schien durch eine Ungeschicklichkeit des Paares weiter zu eskalieren. Nach dem unverfänglichen „Unsere Familie ist wirklich gesegnet und dankbar für dieses Geschenk“ folgte bei der offiziellen Bekanntgabe von Faiths Geburt ein verbaler Fauxpas, der Kidman und Urban noch lange verfolgen dürfte. „Wir können die Dankbarkeit gegenüber allen, die uns unterstützt haben, besonders auch gegenüber der Schwangerschaftsträgerin, kaum in Worte fassen“, verkündeten die beiden.

Der von der Schauspielerin und dem Country-Musiker benutzte Terminus „gestational carrier“ klang ungelenk - und für viele nach Brutmaschine. Zu Unrecht wohl: Mit Hilfe des medizinischen Begriffes wollten Kidman und Urban offenbar lediglich mitteilen, dass ihre zweite Tochter auch genetisch ganz zu ihnen gehörte, da der Leihmutter eine mit der Samenzelle des Musikers befruchtete Eizelle seiner Frau eingesetzt wurde.

Da aber schon vor der Geburt von Kidmans erstem Kind, der heute zweieinhalb Jahre alten Sunday Rose, Gerüchte kursiert waren, die als Porzellanprinzessin verschriene Schauspielerin habe unter ihren Pullovern lediglich eine Bauchattrappe getragen und ihr Baby einer Leihmutter überlassen, stieß das mit der „Schwangerschaftsträgerin“ auf misstrauische Ohren. „Das Wort hört sich fast wie ein Krankheit an. Für einige Frauen scheint eine Schwangerschaft genau das zu sein“, höhnte der konservative Polit-Talker Rush Limbaugh.

Parker und Broderick gestehen öffentlich

„Sex and the City“-Darstellerin Sarah Jessica Parker dagegen wusste solche Urteile geschickt zu verhindern. Bevor im April 2009 die Illustrierten die Neuigkeit von der bevorstehenden Geburt der Zwillinge Marion Loretta Elwell und Tabitha Hodge durch eine Gastmutter vermeldeten, waren Parker und ihr Mann, der Schauspieler Matthew Broderick, in die Öffentlichkeit gegangen. In einem Fernsehinterview berichtete die Fünfundvierzigjährige nicht nur von der Hetzjagd der Paparazzi auf die Leihmutter, sondern erzählte auch freimütig über ihr eigenes Unvermögen, ein Baby auszutragen. „Wir haben jahrelang vergeblich versucht, unsere Familie zu vergrößern“, sagte Parker. „Ich hätte diese Wahl nicht getroffen, wenn ich in der Lage gewesen wäre, nach der Geburt meines Sohnes noch eine erfolgreiche Schwangerschaft zu erleben.“ Der sechsjährige James Wilkie sei derweil aber stolz darauf, durch eine Leihmutter zum großen Bruder geworden zu sein.

Auch als Details über die angebliche Bisexualität und den Lebensstil der Sechsundzwanzigjährigen aus einer Kleinstadt in Parkers Heimatstaat Ohio die Runde machten, wehrte sich die Emmy-Preisträgerin gekonnt: „Ich bin mit ihr mehr als zufrieden. Wir sind keinesfalls fahrlässig gewesen, und sie ist es auch nicht“, so Parker.

Eine Leihmutter kurz vor dem 52. Geburtstag

Bei ihren Kolleginnen Angela Bassett („Tina - What's Love Got to Do With It“?) und Katey Sagal, die als rothaarige Rabenmutter in der Fernsehserie „Eine schrecklich nette Familie“ bekannt wurde, verbot schon das Alter jede Spekulation über eine eventuelle Schwangerschaftsträgheit. Nach ihren Kindern Sarah und Jackson aus einer früheren Beziehung sowie einer Reihe von Fehlgeburten entschloss Sagal sich kurz vor ihrem 52. Geburtstag mit ihrem Ehemann Kurt Sutter, die Familie mit Unterstützung einer Leihmutter zu vergrößern. Als 2007 schließlich Tochter Esmé Louise auf die Welt kam, avancierte Sagal zur Galionsfigur aller Amerikanerinnen, die sich auch in der zweiten oder dritten Ehe noch einen Kinderwunsch erfüllen wollen.

Agenturen wie „Growing Generations“ in Los Angeles, die neben Parker auch dem Serienschauspieler Neil Patrick Harris („How I Met Your Mother“) zu Zwillingen verholfen haben soll, können Sagal kaum genug danken. Nicht selten lässt sich allein durch die Vermittlung eines „surrogate“ ein Vielfaches des Honorars erwirtschaften, mit dem Leihmütter für ihre neunmonatigen Mühen entlohnt werden. Das Geschäft mit den Babys hat sich daher in den vergangenen Jahren besonders in Kalifornien, das im Unterschied zu vielen anderen Bundesstaaten kaum rechtliche Grenzen für die Leihmütter und ihre oft prominenten Kunden kennt, zu einer lukrativen Branche entwickelt.

Leihmutter-Paradies Kalifornien

Besonders weil Kalifornien werdenden Eltern das Privileg bietet, sich schon vor der Niederkunft des „surrogate“ für die Geburtsurkunde als Vater oder Mutter vormerken zu lassen, ist der „Golden State“ zu einem Magneten für diese Art der Fortpflanzung geworden. Popstar Elton John und sein Lebensgefährte David Furnish reisten an Weihnachten eigens an die Pazifikküste, um - wie der puertorikanische Sänger Ricky Martin vor ihnen - mit Hilfe einer Leihmutter eine Familie zu gründen.

Daheim in England wurden angesichts der Nachricht, dass John der Leihmutter seines Sohnes Zachary Jackson Levon etwa 130.000 Dollar überwiesen habe, Vorwürfe laut. Es hieß, der 63 Jahre alte Sänger habe sich nach fehlgeschlagenen Adoptionsversuchen in der Ukraine nun einfach ein Kind „gekauft“. Die katholische Wochenzeitschrift „The Tablet“ verurteilte die Elternschaft des homosexuellen Paares umgehend als „Prostitution“ und „Ausbeutung“. „Zwei Männer haben die Körper von zwei Frauen benutzt, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Mindestens eine der Frauen haben sie auch dafür bezahlt“, empörte sich die Zeitschrift. Das Titelblatt des Magazins „OK!“, das vor einigen Tagen das erste Foto von John und Furnish mit ihrem schlafenden Zachary zeigte (“Wir werden ihn mit Liebe verwöhnen, nicht mit Geld“), hat einige Kritiker unterdessen wieder versöhnt.

Nach wie vor ein ein riskantes Unterfangen

Die Psychologin Olga van den Akker von der Aston University in Birmingham hat bei Befragungen britischer Frauen herausgefunden, dass die Leihmutterschaft bei vielen weiterhin stigmatisiert ist. Gerade für Celebritys, die auf die Anerkennung ihres Publikums angewiesen sind, scheint eine Schwangerschaft gegen Bezahlung daher ein riskantes Unterfangen. Oder gesteht man Künstlern ein gewisses Maß an Normabweichung zu? Dass das Showgeschäft fast ebenso rasant vergisst, wie es Moden annimmt, zeigen die Familienexperimente des 2009 verstorbenen Michael Jackson. Dass sein drittes Kind, Prince Michael II Jackson, von einer anonymen Leihmutter ausgetragen wurde, spielt heute kaum noch eine Rolle.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen