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Schneller als der Notarzt : „Leben retten macht regelrecht süchtig“

  • Aktualisiert am

Freiwilligenhilfe, die expandiert: Rettungsassistenten aus Panama, die für eine Schulung von United Hatzalah nach Israel gereist sind. Bild: Moshe Asulin

In Israel kümmert sich ein Dienst aus Freiwilligen schon um Notfälle, wenn der Krankenwagen noch unterwegs ist. Der Initiator Eli Beer erklärt, wie das geht und was andere Länder von seinem Helferteam lernen können.

          Herr Beer, was hat es mit der Organisation „United Hatzalah of Israel“ auf sich?

          Unser Name bedeutet übersetzt „Vereinigte Hilfe“. Wir sind ein Rettungsdienst und werden gebraucht, weil in Tel Aviv, Jerusalem und anderen großen Städten wahnsinnig viel Verkehr herrscht. Wann immer Sie unterwegs sind: Sie stehen im Stau. Das ist ärgerlich. Wenn ein Rettungswagen auf dem Weg zum Einsatz ist und im Stau steht, ist es aber lebensgefährlich. Dutzende Menschen sterben täglich, weil der Notarzt zu spät bei ihnen eintrifft. 2006 habe ich United Hatzalah of Israel gegründet, um das zu ändern.

          Wie machen Sie konkret seitdem?

          Wir sind ein zusätzlicher Rettungsdienst neben den ganz normalen Rettungswagen der Krankenhäuser. Wenn jemand einen Arzt ruft, werden immer die fünf Mitglieder von uns informiert, die sich am dichtesten am Einsatzort befinden. Meist ist ein Helfer nur einen Häuserblock davon entfernt. Er läuft dann zu Fuß zum Einsatz, fährt mit dem Rad oder dem Moped. So kommt man fast überall ohne lange Wartezeiten durch. Vor Ort führen unsere Leute lebenserhaltende Maßnahmen durch, bis der Notarzt eintrifft: beispielsweise jemanden wiederbeleben oder Blutungen stoppen. Dadurch kann praktisch jeder zum Rettungswagen werden.

          Wie erfahren Ihre Helfer von einem Einsatz, bei den sie eventuell gebraucht werden oder der in der Nähe ist?

          Als ich die Organisation gegründet habe, wollte ich mit dem ganz normalen Rettungsdienst zusammenarbeiten. Sie sollten uns über jeden Einsatz informieren, dann hätte jemand von uns hinlaufen und helfen können, bis der Notarzt kommt. Das wollte der Rettungsdienst aber nicht. Also habe ich Funkgeräte gekauft, die auch von der Polizei genutzt werden, und wir haben heimlich den Polizeifunk abgehört. Darüber laufen alle Notrufe. Mittlerweile bekommen wir diese Informationen legal und nutzen unsere Smartphones. Wir haben eine eigene App entwickelt, die jeder Helfer nutzt. Geht ein Notruf ein, ortet das System die fünf Helfer, die am nächsten am Einsatzort sind, per Satellitennavigation. Per Tastendruck können sie den Einsatz annehmen oder ablehnen.

          Wie schnell sind Ihre Leute dann vor Ort?

          Bevor es uns gab, dauerte es durchschnittlich acht Minuten, bis ein Arzt oder Sanitäter am Einsatzort war. Wir brauchen zwei bis vier Minuten. Durch uns hat sich die Wartezeit also mindestens halbiert. Bei Lebensgefahr kommt es auf Sekunden an. Viele Länder, besonders in der westlichen Welt, geben jedes Jahr Millionen aus, um Krankheiten zu bekämpfen. Dabei sterben Tausende Menschen einen ganz plötzlichen Tod: durch einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt oder einen Unfall. Viele dieser Todesfälle könnten verhindert werden.

          Wer arbeitet bei Ihnen?

          Unsere Organisation besteht komplett aus Freiwilligen quer durch alle Berufsgruppen: Banker, Putzfrauen, Journalisten, Friseure. Mittlerweile sind es mehr als 2500 im ganzen Land. Dazu kommt ein Organisationsteam, das Bewerber auswählt und sich um die Ausstattung der Notfallkoffer kümmert. Grundsätzlich kann sich jeder bei uns bewerben, ganz ohne medizinisches Wissen. Wir prüfen das Polizeiführungszeugnis eines Bewerbers und lassen ihn untersuchen, um festzustellen, ob er körperlich in der Lage ist, zu einem Einsatz zu rennen. Wir fragen auch genau nach, ob sein Chef es zulässt, dass er plötzlich vom Schreibtisch aufspringt, um zu einem Notfall zu laufen. Unsere Leute müssen bereit sein, an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr zu einem Patienten zu rennen.

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