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Lausitz Nachts bei den Wölfen

Als der Wolfswanderer noch ein Kind war, lebten in der Lausitz keine Wölfe mehr. Doch dann kehrten sie zurück. Nun heult er mit ihnen.

© dpa Endlich sah er einen Wolf. Das Tier stand am anderen Flussufer und trank.

Das Sirren der Mücke kommt näher. Kreist über dem Schlafsack, entfernt sich wieder. Kehrt zurück. Dann ist es still. Der Körper nimmt es hin, er ist ganz starr vor Kälte. Und vor Furcht. Die Nacht im Lausitzer Wolfsgebiet ist sternklar. Der Mond wirft silbernes Licht auf Bäume und Büsche. Die Blätter rascheln und bilden unheimliche Schatten. Formen ein Augenpaar, spitze Ohren, ein aufgerissenes Maul mit scharfen Reißzähnen.

Der Hund schläft zusammengerollt in seiner Kuhle, ein argloses Fellknäuel. Wieder raschelt es in den Bäumen, diesmal ertönen Tritte auf dem Sandboden. Die Nachtschwalbe hört auf zu singen. Ein Schatten taucht auf, kommt näher, direkt auf den Schlafplatz zu. Die Umrisse werden deutlicher: mittelgroß, wuscheliges Haar, Jeans, Turnschuhe. Es ist der Wolfswanderer. Er hat einen Becher aus seinem Auto geholt, das zwanzig Minuten entfernt an einem Waldweg steht. Er schenkt Rotwein ein, setzt sich auf seinen Schlafplatz unter einer Kiefer. Andauernd übernachtet er in der freien Natur, Schlafsack und Zahnbürste, mehr braucht er nicht. So ist er näher beim Wolf. Hätten die Menschen mehr Kontakt zum Wolf, sagt er, würden sie sich nicht vor ihm fürchten. Im Mittelalter war die Angst vielleicht berechtigt. Weil die Wölfe Tollwut hatten und Menschen gebissen haben. Heute ist sie Unsinn.

Es gab keine Wölfe in der DDR

Als Kind kannte er, Stephan Kaasche, auch nur den Gruselwolf. Hatte Angst, sogar vor Hunden. Den Wolf stellte er sich noch größer vor, eine zähnefletschende Bestie. Es gab keine Wölfe in der DDR, sie waren alle erschossen worden. Nur im Zoo von Hoyerswerda lebte noch ein Rudel. Kaasche besuchte nach Schulschluss das Gehege und sah ihnen zu. Timberwölfe, mit schwarzem Fell und leuchtend gelben Augen. Er beobachtete, wie sie in der Hitze des Tages schlummerten und gegen Abend langsam wach wurden. Wie sie sich anstupsten, anbellten, und das Bellen in Heulen überging. Er hielt ihnen ein Stöckchen hin, das er zuvor Nachbars Hund ans Maul gehalten hatte, die Jungtiere schnupperten neugierig. Sie kannten keine Hunde. 1986, mit elf Jahren, bekam er ein Wolfsbuch geschenkt. Las, wie sich der Wolf verhielt, wenn er einem Wildschwein begegnete, einem Tiger oder einem Bären. Sah sich den Film „Wenn die Wölfe heulen“ an, über einen Wissenschaftler, der in der arktischen Tundra zelten muss, aber Horror vor dem Wolf hat. Mann und Wolf kommen sich langsam näher, und am Ende bedauert der Mann, dass er nicht so wahrhaftig lebt wie der Wolf. Sondern gefesselt ist, in den Zwängen des Menschseins.

Nach der Wende tauchten wieder Wolfsspuren auf. Stephan Kaasche sammelte alle Zeitungsartikel darüber. Die Wölfe, nun unter Artenschutz, kehrten zurück, auch in die stillgelegte Tagebaulandschaft der Lausitz, wo sie viel Wild und Wald fanden, aber kaum Menschen. Nur die Biologen, die aus ganz Deutschland anreisten, um sie zu fangen und ihnen Halsbänder mit Sendern anzulegen. Kaasche begleitete sie dabei. Eine Wölfin fanden sie, die sich sogar mit einem Hund gepaart hatte, der Nachwuchs hatte merkwürdig lange Ohren und einen abstehenden Schwanz. Wurden irgendwo Schafe gerissen, wartete Kaasche nachts bei den Ställen auf den Wolf. Er legte eine Prüfung zum Natur- und Landschaftsführer ab, wurde Referent im Lausitzer Wolfsbüro. Suchte Spuren, sammelte Wolfskot in Tupperdosen, hielt Vorträge. Darüber, dass der Wolf nicht gefährlich ist, sondern gut für das Ökosystem, weil er vor allem kranke und schwache Tiere frisst. Dass er nicht den Mond anheult, sondern Artgenossen.

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