Karl Lagerfeld hatte den Zeichenstift längst aus der Hand gelegt, als am Samstagabend die ersten Wahllokale in den französischen Überseegebieten öffneten. Aber seine Kommentare zum sozialistischen Präsidentschaftskandidaten François Hollande und zum Ganz-Links-Kandidaten Jean-Luc Mélenchon, die er für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gezeichnet hat, gelten in geradezu klassischer Manier auch für die Zeit nach Schließung der Wahllokale am Sonntagabend.
Hollande stellt er in der Monumentalpose der „Iphigenie“ des Malers Anselm Feuerbach dar, die in der Verbannung sehnsüchtig nach Griechenland schaut. Lagerfeld lässt Hollande das Goethe-Zitat ergänzen und stellt so die Griechenland-Liebe der Klassiker sarkastisch der vorausgeahnten Pleite-Politik des Sozialisten gegenüber. Der arme Mélenchon, der sich als Globalisierungsgegner viel auf seinen Nationalstolz zugute hält, kommt noch schlechter weg. Der linke Volkstribun, der ausgerechnet an der Place de la Bastille seine größte Wahlkampfveranstaltung abhielt, wo die Französische Revolution einst begann, ist erst recht von der Geschichte gezeichnet.
Mélenchon, der einst geradezu jakobinisch bekannte „Ja, ich bin gefährlich“, wird mit Robespierre gleichgesetzt, dem brutalsten Vollstrecker der Revolution. Sein Hang zum „Made in France“ erstreckt sich hier ausgerechnet auf die Guillotine, die netterweise mit Auffangkorb für den Kopf versehen ist. Nun hat der Modeschöpfer als Chanel-Designer gute Beziehungen zum Elysée-Palast und ist einer der Spitzenverdiener, die mit 75 Prozent besteuert werden könnten - mithin wäre er ein ausgemachtes Opfer der Revolution. Angst sollte er trotzdem nicht haben. Denn wie soll - beim heiligen Robespierre - ein Schafott beschaffen sein, das mit der lässigen Weltanschauung der 35-Stunden-Woche und der Rente mit 60 gebaut wird?
Griechenland...
Walter Popp (wappho)
- 24.04.2012, 11:34 Uhr