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Holocaust-Gedenktag : „Auschwitz – das war auch unser Leben“

  • -Aktualisiert am

Die Auschwitz-Überlebende Alina Dabrowska konnte auf einem Todesmarsch flüchten. Bild: Sofia Dreisbach

Alina Dabrowska hat Auschwitz und Buchenwald überlebt. Dabei geholfen hat ihr, dass sie sich ans Leben geklammert hat – selbst im Schmutz der Lagerbaracken, frierend und verlaust. Zum 71. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz kehrt sie dorthin zurück.

          Wenn Alina Dabrowska von ihrer Zeit in Auschwitz erzählt, ist sie ruhig. Keine Tränen, kein Stocken. Nur wenn sie erklärt, warum das so ist, wird ihr Atem schneller, die Stimme wird lauter. Sie ist vorsichtig mit sich. Sie könnte nicht jedes Jahr nach Auschwitz fahren, wenn sie „große Gefühle“ zuließe, sagt Alina Dabrowska, die im Jahr 1923 als jüngstes von vier Kindern in der Nähe von Lodz geboren wurde.

          Im vergangenen Jahr war sie zum ersten Mal wieder in dem Block im Stammlager Auschwitz, in dem der KZ-Arzt Josef Mengele seine Experimente an ihr vornahm. Auch nach all den Jahren hielt sie es an diesem Ort nicht lange aus. „Das sind selektiv begrabene Gefühle, die sind sehr stark.“

          71 Jahre danach : Gedenken an Auschwitz-Befreiung

          Ein halbes Jahrhundert dauerte es, bis die Polin an den Ort ihrer Leiden zurückkehren konnte. In den Neunzigern begleitete sie eine Freundin, eine Deutsche, die Auschwitz zum ersten Mal besuchen wollte. „Ihre Gefühle waren damals wichtig für mich.“ Auschwitz war ihr lange Zeit unerträglich. „Ich habe immer die Toten gesehen, die Haufen von Toten.“ Die Leute, die nicht wussten, dass sie in den Tod gehen, die Kinder. Kopfschüttelnd sagt sie: „Aber das war nicht mein eigenes Leid.“

          Sie klammerte sich ans Leben

          Alina Dabrowska fand aus Auschwitz in ihr Leben zurück. Sie beendete das Gymnasium, studierte Völkerrecht und arbeitete lange im polnischen Außenministerium. Vergangene Woche feierte sie mit ihrem Mann den 59. Hochzeitstag. Das Haus sei immer voll, so erzählt es der Schwiegersohn, mit den drei Enkeln und den jungen Freiwilligen, die ihr bei der Arbeit für die Überlebenden-Verbände zur Hand gehen.

          Vielleicht konnte sie zurückfinden, weil sie sich ans Leben klammerte – selbst im Schmutz der Lagerbaracken, frierend und verlaust. „Viele sagen, in Auschwitz waren nur Tränen, nur Leiden. Nein, das war auch unser Leben.“ Dabrowska suchte nach dem Normalen in dem Wahnsinn.

          Sie lernte Französisch von drei mitgefangenen Jüdinnen und schrieb für die Frauen in ihrer Baracke auf Deutsch Briefe an deren Familien – eine andere Sprache war nicht gestattet für die Post, die anfangs zwei Mal im Monat erlaubt war. Auch die Wahrheit nicht. Dabrowska, die mit zweitem Vornamen Katharine heißt, unterschrieb die eigenen Briefe mit „Kascha“. Damit die Familie wusste, dass sie wirklich von ihr sind.

          1943 wurde sie bei der Arbeit verhaftet

          Deutsch lernte sie auf dem Gymnasium. Heute nennt sie es „ein Zeichen der Vorsehung“, dass sie gerade diese Sprache gelernt hat. Wenn sie von den Erfahrungen in Auschwitz erzählt, hat sie auf Deutsch alle Vokabeln parat. Auch wenn sie sieben Sprachen spricht: außer Polnisch und Deutsch noch Englisch, Französisch, Ungarisch, Chinesisch und Russisch.

          Alina Dabrowska erzählt jungen Journalistinnen im Januar 2016 von ihrer Zeit im Konzentrationslager.
          Alina Dabrowska erzählt jungen Journalistinnen im Januar 2016 von ihrer Zeit im Konzentrationslager. : Bild: Sofia Dreisbach

          Unter jungen Journalisten aus Osteuropa und Deutschland, die dieser Tage auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werks in Oswiecim und Auschwitz sind, blüht Alina Dabrowska auf. Während der Vorstellungsrunde sitzt die kleine Frau mit der weißen Bob-Frisur in der Mitte des Stuhlkreises (sie hört nicht mehr gut), wendet sich jedem zu, fragt und scherzt.

          Die Zuhörer sind Mitte Zwanzig, nur wenig älter als Alina Dabrowska, als ihr Leiden begann. Im Mai 1943 verhaftete die SS die junge Frau bei der Arbeit in den Lohmann-Werken, einer deutschen Rüstungsfabrik bei Lodz im besetzten Polen. Sie habe geheime Dokumente weitergegeben über die Arbeit. Auf dem Papier, das sie nach einem Jahr im Frauengefängnis Litzmannstadt (heute Lodz) unterschreiben musste, stand Hochverrat.

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