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Künstler-Chamäleon : Die Macht, sich auszuprobieren

Man kann das jetzt richtig blöd finden: Eine Schauspielerin, die früher mal hauptberuflich Model war, mit einer Fanbase knapp halb so groß wie Deutschland, setzt ihren Namen auf einen Roman, den eigentlich jemand anderes geschrieben hat. Der sich daraufhin sicher so selbstverständlich verkaufen wird wie jedes andere Produkt, dem sie zu nahekommt. Also Tag-Heuer-Uhren, Burberry-Parfum, Rimmel-Mascara.

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Das Phänomen Cara Delevingne könnte mit diesem weiteren Großprojekt Schriftstellerei aber trotzdem eine Runde weiter sein, aus dem Star wird nach und nach ein Künstler-Chamäleon. Sie ist jung, sie ist mächtig, und sie ist für andere Menschen spannend. Diese Coming-of-Age-Geschichte ist schon mal nicht allzu weit entfernt von ihrer eigenen im echten Leben. Sie muss also mehr beigesteuert haben als ihren wertvollen Namen. Gut, es geht darin auch um einen Kriminalfall, ein 16 Jahre altes Mitglied einer Band, das Mädchen Naomi, ist verschwunden, und auf die Spur kommt anstelle der Polizei die Clique. Aber vor diesem Hintergrund probiert Red, die auch zu der Clique gehört, sich ähnlich aus, wie Cara Delevingne es nicht nur in Sachen Karriereplanung hält. Junge Menschen dürften sich ganz gut festlesen, wenn sich Red wie selbstverständlich in ein Mädchen verliebt, wenn ihr daraufhin Homophobie entgegenschlägt und sie sich zugleich besser um die kleine Schwester kümmert, als es die alkoholkranke Mutter könnte.

Cara Delevingne selbst geht so offen mit der Drogen-Vergangenheit der Mutter um wie mit ihrer Bisexualität. Sie habe nie ein echtes Coming-out gehabt, sagte ihre Exfreundin Annie Clark, besser bekannt als Musikerin St. Vincent, in einem Interview neulich der britischen „Vogue“. „Als was soll man denn sein Coming-out haben? Als man selbst? Wo ist das Problem?“

Cara Delevingnes Zeit in der Mode hinterlässt dabei ebenso ihre Spuren an den Charakteren, Red ist in jedem Fall eine der äußerlich besser beschriebenen Figuren der Literaturgeschichte. Sie, die drei Tattoos trägt, wobei eines selbstgestochen ist, das Ergebnis eines Youtube-Tutorials, und jetzt aussieht wie eine „angepisste Acht“. Red, die sich die Haare halb abrasiert hat, die Eyeliner, Piercings und Nasenring trägt und jeden Tag karierte Hemden. „Und ich habe aufgehört, in den Spiegel zu sehen, während ich mein Äußeres so umformte, dass es zu dem passte, wie ich mich innen drin fühlte.“

Die britische Schriftstellerin Zadie Smith hat in diesem Sommer während einer Podiumsdiskussion moniert, schon ihre sieben Jahre alte Tochter stehe zu lange vor dem Spiegel. Deren Bruder wiederum sei in der Zeit schon längst aus der Tür raus und würde was Richtiges erleben. Der Trend zu aufwendigen Konturen, auch genannt Conturing, wie Kim Kardashian sie trägt, sei schuld. Natürlich läuft etwas falsch, wenn eine Siebenjährige schon mit Identitätsfindung über ihr Äußeres beschäftigt ist. Aber wenn man für einen weiteren Moment vergisst, dass noch jemand anderes das Buch geschrieben hat, dann teilt Cara Delevingne in „Mirror, Mirror“ ihre Lebenserfahrung der jüngeren und länger zurückliegenden Vergangenheit mit Teenagern wie eine coole ältere Freundin. Als jemand, der ihre Begeisterung für äußerliche Experimente wie ihr Gefühl von Orientierungslosigkeit versteht.

Es ist deshalb auch kaum ein pädagogisch sensibles Jugendbuch. Es ist zugleich aber, um beim Thema Promis und Bücher zu bleiben, immerhin besser als, sagen wir, Pippa Middletons vielverrissener Party-Schmöker vor einigen Jahren („Celebrate“).

Fast wäre man jetzt bei anderen Schauspieler-Kollegen und ihren Werken, bei James Franco („Palo Alto“) oder Miranda July („Der erste fiese Typ“), da kommt schon ein Überschwang von Danksagung. Geschrieben hat diese letzten Zeilen Cara Delevingne, und das glaubt man sogar. Cara Delevingne dankt Rowan Coleman, „die das Schreiben dieses Buches zu einer so unglaublichen Erfahrung gemacht hat“. Sie danke „aus tiefstem Herzen“. Die vorigen 364 Seiten waren anders, nüchterner und ehrlicher. Es wird wohl doch so sein: Colemans Fähigkeit, Delevingnes Erfahrung. Aber da Letzteres ein unerschöpflicher Quell ist, dürfte das Phänomen Cara Delevingne noch so einige Entwicklungen vor sich haben.

Quelle: F.A.S.

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