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Krim-Flüchtlinge : Nie mehr Simferopol

  • -Aktualisiert am

Die aus Simferopol geflohene Krim-Tatarin Adele Reschitowa und ihre Töchter wollen in Lemberg ein neues Leben beginnen Bild: Pavlo Titko

Adele Reschitowa wurde die Angst auf der Krim zu groß, sie stieg in einen Zug und floh nach Lemberg. Wie bei vielen Krim-Tataren ist sie nicht die erste in der Familie, die plötzlich ihre Heimat verlor.

          Die Küche in Adele Reschitowas neuer Wohnung ist klein, so klein, wie man Küchen nur in der Sowjetunion vor 40 Jahren gebaut hat. Keine fünf Quadratmeter, ein Tisch, eine Eckbank, ein Kühlschrank, ein Gasherd aus sowjetischer Produktion, eine Spüle und eine uralte Waschmaschine, die nicht in das winzige Bad passt. Bald sind es zwei Wochen, dass Adele Reschitowa mit ihren beiden Töchtern in die Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand Lembergs gezogen ist. Adele, 27, schlank und zierlich, ist Krim-Tatarin.

          Die Mädchen spielen gerade im fast leeren Wohnzimmer. Sofia ist sieben, sie malt gern. Samia ist fünf und will unbedingt Ärztin werden. Ein Stethoskop auf dem Tisch zeugt davon, dass auch die Mutter mit der Medizin zu tun hat. Adele Reschitowa hat im Januar in Simferopol auf der Krim ihre Ausbildung zur Krankenschwester abgeschlossen. Sie lebte mit den Töchtern bei ihren Großeltern und hatte gerade eine Anstellung in einer kleinen Gesundheitsstation bekommen. Die Station lag etwa 25 Kilometer entfernt in einem Dorf bei Simferopol, dreimal umsteigen, zwei Stunden Fahrzeit.

          Die tatarische Siedlung dort hieß ursprünglich Suin Aci, nach der Deportation der Krim-Tataren im Mai 1944 wurde sie in Denisowka umbenannt. Die Station besteht aus einem Zimmer mit Ofen, dort werden die Kinder aus der Umgebung geimpft. Der Arzt schaut einmal in der Woche vorbei. Als auf der Krim die ersten bewaffneten „grünen Männchen“ ohne Erkennungszeichen auf der Bildfläche erschienen, brach der öffentliche Verkehr in Simferopol zusammen. „Überall auf den Straßen waren Männer mit Maschinenpistolen und Mannschaftstransportwagen“, sagt Adele.

          Was für ein Schutz?

          „Zu unserem Schutz, hieß es. Was für ein Schutz? Wir haben dort in Frieden gelebt, wir brauchten keinen Schutz.“ Sofia und Samia fragten immer wieder, warum so viele Soldaten in der Stadt herumliefen. Da werde ein Film gedreht, versuchte man die Mädchen zu beruhigen. Aber die Angst war überall. Adele Reschitowa beschloss, die Kinder in Sicherheit zu bringen. Als sie erfuhr, dass die Region Lemberg Flüchtlinge aufnimmt, stieg sie im März in den Zug.

          Aus dem Küchenfenster der neuen Wohnung sieht man einen neuen Kinderspielplatz. Im Innenhof sprießen die Blumen, in der Frühlingssonne trocknet Wäsche auf der Leine. Der Hof ist gepflegt, was in der Gegend nicht unbedingt zu erwarten war. Das Haus, eine Mietskaserne ohne Balkons, liegt an einer Ausfallstraße in Richtung Polen. Sie führt durch eine Landschaft mit zerrütteten Sowjetfabriken, aufkeimenden mittelständischen Kleinbetrieben und winzigen Einfamilienhäusern. Eine reiche Gegend ist das nicht.

          Doch Adele Reschitowa hat auch auf der Krim nicht reich gelebt. Als Krankenschwester verdiente sie 1200 Hrywnja. Vor zwei Monaten waren das umgerechnet 100 Euro, heute sind es nur noch 75. „Ich hätte auch als Hebamme in einem Krankenhaus in Simferopol gearbeitet, nur eine Viertelstunde von uns entfernt.“ Aber für diese Stelle hätte sie 1000 Dollar Schmiergeld zahlen müssen – utopisch. Die Hebammen-Stelle ist lukrativ. Die angehenden Mütter zahlen schwarz nach dem üblichen Tarif. Offiziell ist die Entbindung kostenlos. Korruption grassierte in der Ukraine schon immer, unter dem Präsident Janukowitsch hatte sie in den vergangenen Jahren dann perverse Ausmaße angenommen.

          Etwa 3000 Krim-Flüchtlinge

          In Lemberg fanden Adele Reschitowa und ihre Angehörigen zunächst bei einer Familie Unterschlupf. Antonina und Taras stellten der Flüchtlingsfamilie ein Zimmer ihrer geräumigen Drei-Zimmer-Wohnung zur Verfügung. „Die Hilfsbereitschaft war groß“, sagt Oleg Koljasa, der als Freiwilliger die Flüchtlingshilfe koordiniert. „Bei uns liefen in den ersten Tagen die Telefonleitungen heiß. Es meldeten sich viel mehr Menschen, die helfen wollten, als es Flüchtlinge gab.“ Manchmal stellten sogar Hotelbesitzer das ganze Hotel kostenlos für Krim-Flüchtlinge zur Verfügung. Knapp 1000 Menschen wurden in der Region aufgenommen, von der Krim geflohen sind bislang etwa 3000.

          Im normalen Leben unterrichtet Oleg an der Hochschule für Druckereiwesen, in seiner Freizeit widmet sich der junge Mann mit schwarzer Haarmähne den Flüchtlingen. „Vielleicht sind es die eigenen Erfahrungen vieler Westukrainer, die sie so hilfsbereit machen.“ Nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 begann in den neuen sowjetischen Gebieten der rote Terror, der viele Polen und Ukrainer das Leben kostete. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat das kommunistische Regime ganze Familien aus Lemberg und Galizien nach Sibirien deportiert und in die Straflager gesteckt.

          Viele starben schon auf der Fahrt in den Viehwaggons, wie der Großonkel Adele Reschitowas. Als ihre Familie 1944 von der Krim deportiert wurde, war die Großmutter Elnura erst vier Jahre alt. Die Schreckensbilder blieben ihr für immer im Gedächtnis. Irgendwo im Ural hielt der Zug an, zum „Entsorgen“ der Toten. Unter ihnen war auch der zwei Jahre alte Bruder Elnuras. Die Mutter versuchte vergeblich, im steinhart gefrorenen Boden mit bloßen Händen ein Grab für den Sohn auszuheben, der Zug fuhr weiter.

          Schon mit dem Eisberg kollidiert

          Adele Reschitowas Familie strandete in Usbekistan. Sie wuchs in Taschkent auf. Als die Familie Mitte der neunziger Jahre auf die Krim zurückkehrte, war sie acht. Die Heimkehrer wurden nicht gut aufgenommen. Adele Reschitowa hat nie vergessen, wie die Eltern eines Mädchens sie anfuhren: „Pack dein Spielzeug und komm nie wieder!“ Die Tochter sollte nicht mit einer Tatarin spielen. In einer herzförmigen Dose steht Parvarda auf dem Tisch. Die weißen Hartkaramell-Bonbons gehören zu den beliebtesten Süßigkeiten der Krim-Tataren. „Bujurynyz“ lautet auf Krim-Tatarisch die komplizierte Grußformel, die der Gastgeber spricht, bevor er sich mit den Gästen an den Tisch setzt.

          Tatarisch hat Adele Reschitowa erst auf der Krim gelernt. Genauso wie Ukrainisch. In Taschkent wurde nur Russisch gesprochen. In Lemberg berichtete sie in einem Interview für das ukrainische Fernsehen über ihre Angst und die bedrohliche Atmosphäre auf der Krim. Danach wurde sie in den sozialen Netzwerken als Verräterin beschimpft. Ihr Arbeitgeber kündigte ihr. Die beste Freundin rief sie an und fragte, wie viel Geld sie für das Interview bekommen habe. Und fügte hinzu: „Wir werden noch einige Gebiete von der Ukraine abspalten, dann wird alles gut.“Adele Reschitowa ist da anderer Meinung. Sie vergleicht die Krim mit der Titanic, die schon mit dem Eisberg kollidiert ist.

          Die Miete zahlt ein ferner Verwandter

          Die Passagiere ahnten aber noch nichts von ihrem Schicksal. Vielleicht seien die russischen Rentner dort im Augenblick glücklich, aber die Jugend habe keine Perspektive. Wie es mit den fast 300.000 Krim-Tataren weitergeht, wisse niemand. Mehr als einen Monat hat Adele Reschitowa bei der Gastfamilie verbracht, danach mietete sie ihre neue Wohnung. „Uns haben viele Menschen geholfen. Vom Staat gibt es kaum Unterstützung.“ Erst Ende Mai wird das Kindergeld weitergezahlt, wenn der Papierkram nach dem Umzug endlich erledigt ist. Sie rechnet mit 1200 Hrywnja.

          Die neue Wohnung kann sie sich nur leisten, weil ein ferner Verwandter, der heute in Deutschland lebt, die Miete zahlt, 2000 Hrywnja im Monat. Die alleinerziehende Mutter glaubt fest daran, dass sie fremde Hilfe irgendwann nicht mehr braucht und auf eigenen Füßen stehen kann. Notfalls in Lemberg. Auf die Krim will sie nicht zurück. Die Atmosphäre ist dort zu erdrückend. Wer nicht für den Anschluss an Russland sei, dem schlage Hass entgegen. Adele Reschitowa fragt: „Wie kann der Präsident eines fremden Staates bestimmen, was wir tun?“ Ihre Großeltern werden aber auf der Krim bleiben. „Für sie wäre der Umzug wie eine zweite Deportation.“

          Quelle: F.A.Z.

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