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Kreativität : Und jetzt?

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Kreatives Chaos? Bild: dpa

Kreativ wollen wir heute alle sein. Viel mehr noch, wir müssen es sogar. So verlangt es das Miteinander – ganz nebenbei lässt sich auch gut Geld verdienen damit. Vom Umgang mit einem Phänomen unserer Zeit.

          Diese Behauptung Hermann Hesses, dass nämlich jedem Anfang ein Zauber innewohne, hat ja nur bedingt seine Berechtigung, wenn man gerade tatsächlich dabei ist, anzufangen. Wenn das Blatt leer und der Computerbildschirm fleckig ist. Wir holen ein feuchtes Tuch und polieren gründlich. Wir könnten natürlich gleich noch den Schreibtisch aufräumen, was vielleicht angemessen wäre, würde es in diesem Text um die hohe Kunst der Übersprunghandlung gehen. Aber wir sprechen hier nun einmal über Kreativität. Und das ist wahrscheinlich genau das Problem.

          Eine Geschichte über Kreativität lässt sich wohl kaum nichtkreativ beginnen. Da müssen neue Erzählperspektiven her, da erwartet der Leser doch Sprachbilder und Zugänge jenseits des journalistischen Satzbaukastens, Sätze also, die erfrischen und etwas wagen. Und jetzt haben wir hier im ersten Satz also den Hesse stehen. Das ist mit Blick auf die zahlreichen Poesiealben, die von seinen „Stufen“ generationenübergreifend beseelt wurden, vor allem: alles andere als originell.

          Bringen wir rasch Experte Eins ins Spiel: „Kreativität wird ganz allgemein als die Erschaffung neuer und brauchbarer Formen definiert“, sagt Kreativitätsforscher Rainer Holm-Hadulla. Das erste Verb der Bibel, creavit, spiegelt die abendländischen Schöpfungsvorstellungen wider, schreibt er in seinem Buch „Kreativität zwischen Schöpfung und Zerstörung“: „Ein souveränes Individuum ist in freier Selbstverfügbarkeit schöpferisch tätig.“ Ein anspruchsvoller Selbstentwurf.

          So genial wollen wir doch alle sein

          Das Bild eines Sturm-und-Drang-Typen ploppt auf, eher männlich, der Blick eher wirr, aber scheinbar aus dem Nichts vermag er noch nie Dagewesenes zu schöpfen. Einen „Faust“ beispielsweise. Zuvor: eine Decke der Sixtinischen Kapelle. Später dann: die Glühbirne, eine Zwölftontechnik, „Guernica“ oder einen iPod. Göttergleich vollbringen diese Erfinder kulturelle und wissenschaftliche Hochleistungen. Vorbilder. Ideale. So genial wollen wir doch alle sein.

          Und bringt man die Überlegungen von Experte Zwei ins Spiel, dann müssen wir heute sogar so sein wie die Genies. Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz spricht von einem „Kreativitäts-Imperativ“, der die Gesellschaft etwa seit den siebziger Jahren immer stärker im Griff habe, indem Kreative zu Leitbildern avanciert seien.

          Kreativität galt zunächst als Gegenutopie zur rationalisierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, erzählt Reckwitz. Die Genie-Ästhetik als Gegenmodell zum braven Bürger. Der Bohemien trieb das Ganze noch auf die Spitze, hatte er sich doch vorgenommen, die gesamte Lebensführung kreativ zu gestalten – was heißt: ganz bestimmt jenseits bürgerlicher Vorstellungen von Arbeit, Familie oder Kleidungsstil. Ein Leitbild war das damals noch längst nicht, eher galt der Kreative noch als Schmuddelkind, dem man ob seiner zur Schau gestellten Normabweichung nur zu gerne die eine oder andere Psychomacke andichtete.

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