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Veröffentlicht: 22.06.2013, 19:23 Uhr

Kre­a­ti­o­nis­mus Adam, Eva und der Stegosaurus

Gott schuf die Welt in sechs Tagen, am siebten ruhte er. Was die meisten Christen als Metapher verstehen, nehmen Kreationisten wörtlich. Und lehren es an privaten Bekenntnisschulen.

von Julia Kern
© ullstein bild Und Gott erschuf Adam: Kolorierter Holzschnitt von Michael Wolgemut aus der Schedelschen Weltchronik von 1493

Reinhard Junker war noch niemals in New York. Oder auf Hawaii. Der Mann mit der Föhnfrisur und dem verschmitzten Lächeln war überhaupt noch nie in den Vereinigten Staaten, erst recht nicht in Petersburg, Kentucky. Dabei ist die Welt dort genau so, wie sie ihm gefällt, auf den 70.000 Quadratmetern des „Creation Museum“: Gott schuf die Erde und all ihre Bewohner in sechs Tagen. Ausstellungsstücke zeigen Kinder, die mit Dinosaurierbabys spielen - bis die Sintflut kam und die Dinosaurier auf der Arche keinen Platz fanden. Für die Macher des „naturkundlichen Erlebniscenters“ ist die Welt wenige tausend Jahre alt und Evolution atheistische Ideologie.

Auch Reinhard Junker nimmt die Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich. Er ist Kreationist, und gemeinsam mit Gleichgesinnten bemüht er sich, diese Vorstellung von der Entwicklung der Welt auch in Deutschland weiterzuverbreiten. Nicht nur im privaten Wohnzimmer oder im freikirchlichen Gemeindehaus, sondern auch in Klassenzimmern.

Junker hat Lehramt studiert, Biologie und Mathematik, wurde aber nach dem Referendariat in den achtziger Jahren nicht übernommen. Seither widmete er sich der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, deren Geschäftsführer er ist und die als Dreh- und Angelpunkt der kreationistischen Bewegung in Deutschland gilt.

Die Schöpfungsgeschichte als Variante

Der „Kreationismus“ ist ein buntes Sammelsurium fundamentalchristlicher Ideen zur Entstehung des Lebens auf unserem Planeten: Während die einen die Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen und anhand der Bibel ein Erdalter von höchstens zehntausend Jahren errechnen, definieren die anderen die sechs Tage der Schöpfung als langjährige Zeiträume, um Fossilienfunde und Genesis in Einklang bringen zu können. Die beliebteste Variante in Amerika ist die des „Intelligent Design“, nach der statt Mutation und natürlicher Selektion eine allmächtige Intelligenz die Entstehung des Universums leitet.

Zusammen mit seinem Kollegen Siegfried Scherer, der Professor ist und Lehrstuhlinhaber für Mikrobielle Ökologie an der TU München, hat Junker 1986 ein Biologiebuch geschrieben. Es heißt „Evolution. Ein kritisches Lehrbuch“, seine siebte Auflage wird noch in diesem Jahr erscheinen. Bisher verkaufte es sich 48.000 Mal. 2002 gewann es den „Deutschen Schulbuchpreis“.

Ein seltsamer Erfolg für ein Werk, das nach Angaben von Herausgebern und Verlag überhaupt nicht für den Schulunterricht gedacht ist. Denn darin wird, verpackt in ansprechendes Design und schwerverständliche Fachsprache, die Darwinsche Theorie der Entwicklung aller Lebewesen aus einem gemeinsamen Vorfahren als fehlerbehaftet dargestellt; als eine vermeintliche Alternative wird präsentiert: die Schöpfungserzählung.

Die wirksamsten Argumente sind die ungeklärten Details der Evolutionstheorie

Für Schüler, Studenten und Lehrer bieten Junker und seine Studiengemeinschaft zahlreiche Vorträge und Seminare zu Themen wie „Schöpfung ohne Schöpfer“ an. Junker verweist zudem auf den Verband evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS), der damit wirbt, 168 Schulen mit 30.000 Schülern zu vertreten. Der Internetauftritt des Verbandes, in dem von der Grundschule bis zum Gymnasium alle Schulformen vertreten sind, annonciert schon auf der Startseite ein von Junker verfasstes Dokument mit dem Titel „Evolution und Schöpfungslehre an christlichen Bekenntnisschulen“.

An einigen dieser Schulen werde auch sein Lehrbuch verwendet, sagt Junker. Der VEBS selbst möchte keine Anfragen zum Thema beantworten. Die wirksamsten Argumente der Kreationisten sind die bisher ungeklärten Details der Evolutionstheorie und vor allem die Offensive gegen die konventionelle wissenschaftliche Methode: Deren Ergebnisse beruhten „auf bestimmten philosophischen Vorstellungen“, wie es in Junkers Dokument zur Schöpfung im Unterricht heißt. Weil die Wissenschaft eine göttliche Instanz von vornherein ausschließe, sei sie ebenso wenig beweiskräftig wie der Glaube selbst.

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