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Kosmetische Chirurgie in China Schönheitskonkurrenz

18.04.2006 ·  Schminke reicht chinesischen Frauen zur Verschönerung schon lange nicht mehr. Nun wollen und können sie Gesicht und Körper rundum aufbessern lassen. Die kosmetische Chirurgie wird in China zu einer blühenden Branche.

Von Petra Kolonko, Peking
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Sun Liming ist erst 26 und war schon dreimal beim Schönheitschirurgen in Zhongguancun. Das erste Mal ließ sie sich die Augenpartie verschönern, die Lider nach oben ziehen und die Tränensäcke entfernen. Nach der Geburt ihres Kindes zwei Jahre später fand sie ihre Brüste nicht mehr formvollendet. Sie ließ sich Implantate einsetzen. Nun seien die Oberschenkel zu dick. Dafür meldet sie sich jetzt zur Fettabsaugung.

Chinas Frauen tragen keine Schminke, sondern Waffen, dichtete noch Revolutionsführer Mao Tse-tung. Die Nachfahren der Rotgardistinnen kennen keine Waffen mehr. Und Schminke reicht ihnen zur Verschönerung schon lange nicht mehr aus. Während noch vor einer Generation selbst der Lippenstift verpönt war, träumen chinesische Frauen jetzt davon, Gesicht und Körper rundum aufzubessern.

„Wir verdienen mehr als in anderen Abteilungen“

Chinesische Kliniken bieten alles an, was technisch und medizinisch machbar ist: runderen Po, längeres Gesicht, höhere Nase, weitere Augen. Implantate, Lifting, Laserbehandlung. Auch gynäkologische Verbesserungen werden angeboten: In gewissen Kreisen ist die Wiederherstellung der Jungfräulichkeit gefragt. Und obwohl chinesische Frauen nach europäischem Standard kaum zur Körperfülle neigen, ist die Fettabsaugung zu einer gefragten Verschönerungsmaßnahme geworden.

In die Schönheitsklinik im Pekinger Universitätsviertel Zhongguancun kommen im Monat etwa 200 „Schönheitssuchende“, wie man die Patienten hier freundlich bezeichnet. Man sieht, daß hier gut verdient wird. Während die klassischen Abteilungen des renommierten staatlichen Krankenhauses schäbig in alten Wohnblocks untergebracht sind, zeigt sich die Abteilung für kosmetische Chirurgie präsentabel: eine schmucke Eingangshalle in ansprechenden Farben, modern ausgestattete Räume, überall Vorher-nachher-Bilder, die von der Kunst der Ärzte zeugen. Eine Hotline ist Tag und Nacht geschaltet für Auskünfte. Zeitungswerbung stellt die Ärzte vor. Auch für die Ärzte ist die kosmetische Chirurgie einträglich. Doktor Su bestätigt: „Wir verdienen mehr als die Ärzte der anderen Abteilungen.“

Hao Lulu, die „künstliche Schönheit“

Berühmteste Patientin der Zhongguangcun-Klinik ist Hao Lulu, die sich vor drei Jahren mit einer Serie von Operationen von oben bis unten verschönern ließ und als „künstliche Schönheit“ Schlagzeilen machte. Selbst nach der Serie der Operationen kam sie vor wenigen Monaten zurück und wieder unter das Messer. Das Zhongguancun-Krankenhaus macht Werbung damit: „Glückwünsche zur zweiten Aufbesserung von Hao Lulu in unserer Klinik“ steht auf einem Roten Banner über der Rezeption.

Auch Dokor Su hat an der Arbeit an Hao Lulu mitgewirkt. „Eine Art Sucht“, sagt er trocken. Viele Frauen, die einmal mit der künstlichen Aufbesserung ihrer Schönheit angefangen haben, könnten nicht mehr damit aufhören. Immer wieder kämen sie für Nachbesserungen. „Mehr Schönheit gibt mehr Selbstvertrauen“, sagt Doktor Su. Wenn man erst einmal weiß, wie einfach das ist, will man mehr. Auch die Angestellten des Krankenhauses hätten sich schon alle verschönern lassen.

Etwa eine Million Schönheitskliniken und Praxen

Die kosmetische Chirurgie ist eine der blühenden Branchen in China. Nach offiziellen Angaben gibt es in der Volksrepublik schon etwa eine Million Schönheitskliniken und Praxen, mit einer Wachstumsrate von zwanzig Prozent pro Jahr. Mit zunehmendem Wohlstand in den Städten leisten sich immer mehr Frauen und gelegentlich auch Männer eine künstliche Aufbesserung ihres Aussehens. Annoncen von Kliniken und Schönheitssalons füllen Seiten in den Zeitungen. Fernseh-Fragespiele setzen kosmetische Operationen als Hauptgewinn aus.

Das Fieber verbreitet sich nicht nur in den Städten. Chinesische Zeitungen berichten von einer Bauersfrau aus Chongqing, die ihre gesamten Ersparnisse von 20.000 Yuan (2.000 Euro) für Schönheitsverbesserungen ausgegeben hat, nachdem ihr Mann ihr gesagt hatte, sie sehe alt aus. Eine junge Frau ließ sich das Gesicht verändern, weil ihre künftige Schwiegermutter fand, daß ihre Gesichtsform nach den Vorgaben der Tradition des Gesichtsdeutung nicht glückbringend aussah. Die Schönheitsaufbesserung lockt auch Ältere. Selbst Frauen über 60 erscheinen noch zu Laserbehandlung und anderen Hautverjüngungsmaßnahmen in der Zhongguangcun-Klinik. Gerade wurde aus der Provinz ein neuer Altersrekord vermeldet: Eine 78 Jahre alte Frau aus der Hafenstadt Qingdao hat sich das Gesicht liften lassen. Sie sagte, sie fühle sich jetzt viel jünger.

„Neue Schönheit, neue Zukunft“

Die kosmetische Chirurgie ist nicht billig. Sun Liming hat allein für die Brustvergrößerung insgesamt 30.000 Yuan (3.000 Euro) bezahlt, das entspricht etwa einem halben Jahresgehalt einer Lehrerin. Es ist teuer, sagt Frau Sun, doch als Frau muß man doch gut aussehen, sie findet das einfach wichtig. Ihr Mann sei dagegen gewesen, sagt sie, aber jetzt finde er sie auch schöner. Die Schmerzen störten sie nicht. „Nach der Operation tat es ein bißchen weh, aber das macht nichts.“

Wie Frau Sun, so geben viele Frauen in China als Grund für die künstliche Verschönerung nicht an, nach einem Mann suchen oder einen Liebhaber beeindrucken zu wollen. Viele der jüngeren Frauen glauben, daß ein besseres Aussehen ihnen mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt bieten wird. „Neue Schönheit, neue Zukunft“, lautet denn auch der Slogan der Zhongguancun-Schönheitsklinik. Mütter bringen sogar ihre halbwüchsigen Töchter, um sie für den harten Kampf um den begehrten Arbeitsplatz schöner zu machen.

20.000 Beschwerden jährlich

Die große Nachfrage, Aussichten auf Gewinn und laxe staatliche Kontrolle haben in der Schönheitsindustrie zu einem Wildwuchs geführt. In der Werbung und in den Patientengesprächen wird nicht auf Risiken hingewiesen. Es gibt erst seit zwei Jahren staatliche Lizenzen für Schönheitschirurgen. Zur Zeit haben nur 1.000 Ärzte in China diese Lizenz. Immer wieder wird berichtet, daß Krankenschwestern und oder gar Personal ohne medizinische Ausbildung in kleinen Praxen riskante Eingriffe vornehmen.

Besonders viele Beschwerden über Nachwirkungen wurden nach der Brustvergrößerung durch die Injektion des Mittels „Amazing Gel“ registriert. Das Gel stammt ursprünglich aus der Ukraine, wird aber dort nicht mehr verwandt. Ärzte sagen mittlerweile, es könne zu Infektionen und sogar Krebs führen. Einigen Frauen mußten die Brüste amputiert werden. Das umstrittene Gel ist in China noch erlaubt, darf aber nur noch in Krankenhäusern injiziert werden. Wenn man die Erlaubnis jetzt zurückziehen würde, müßte ein Funktionär der Aufsichtsbehörde zugestehen, daß er einen Fehler gemacht hat, erklärt Doktor Song von der Zhongguancun-Klinik die Eigentümlichkeiten des Gesundheitswesens. Ein gut Teil der Operationen in der Zongguancun-Klinik sind Korrekturen mißglückter Eingriffe andernorts. Die Verbraucherorganisation zählt im Jahr etwa 20.000 Beschwerden über verunglückte kosmetische Operationen.

Quelle: F.A.Z., 18.04.2006, Nr. 90 / Seite 9
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Politische Korrespondentin für Ostasien.

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