27.03.2005 · Der verzweifelte Versuch, alle Rechtsmittel ausnutzen, machte den Kampf um das Leben der Komapatientin Terri Schiavo zu einem unwürdigen Spektakel. Die deutschen Bischöfe sprachen sich angesichts dessen strikt gegen aktive Sterbehilfe aus.
Von Matthias RübWir können sicher sein, auch an der Beerdigung „live“ teilnehmen zu können. Selbst wenn wir vielleicht nicht sehen werden, wie der Sarg in die Erde gesenkt wird, wie die Eltern und der mit ihnen tief zerstrittene Ehemann von Terri Schiavo sich bei der Trauerfeier und der Grablegung anblicken werden oder auch nicht, wir werden „live“ dabeisein.
So wie wir seit Wochen „live“ den Lebens- beziehungsweise Sterbensweg einer bedauernswerten Frau verfolgen, um deren Schicksal die ganze amerikanische Nation und die halbe Welt streitet. Wir können sicher sein, daß alles über den Tod Terri Schiavos ans Licht der wißbegierigen, aber angesichts eines das menschliche Vorstellungsvermögen überfordernden Problems auch perplexen Öffentlichkeit gezerrt werden wird.
„Grenze überschritten“
So wie wir in Echtzeit erfahren haben, daß die Eltern von Terri Schiavo, Mary und Bob Schindler, am Samstag an den zuständigen Bezirksrichter George Greer in Pinellas Park bei St. Petersburg in Florida einen Eilantrag gestellt haben, die Magensonde bei ihrer Tochter wieder einzusetzen. Die Eltern begründeten ihren Antrag damit, ihre Tochter habe auf die Bitte, den Satz „Ich will leben“ zu wiederholen, mit den Lauten „Ahhhhh“ und „Waaaaa“ geantwortet. Das könne man als den Versuch verstehen, „I want“ (Ich will) zu sagen, und als überraschende Besserung ihres geistigen Zustands betrachten.
Die Anwälte von Ehemann Michael Schiavo, der sich vor allen Gerichten mit dem Argument hatte durchsetzen können, seine Frau, die seit 15 Jahren im Wachkoma liegt, habe ihm zu Lebzeiten versichert, sie wolle keine „künstliche“ Verlängerung des Lebens, wenn keine Aussicht auf Besserung oder gar Heilung bestehe, warfen den Eltern Terri Schiavos vor, mit dieser Behauptung eine „Grenze überschritten“ zu haben: Sie hätten, statt rechtlicher und medizinisch vertretbarer Argumente vorzubringen, einen „rein emotionalen Aufruf“ ausgestoßen.
Verschiedene Sichtweisen
Zuvor, am Morgen des Karfreitags, hatte Bob Schindler den Journalisten, die sich vor dem Hospiz zu einer Art permanenter Pressekonferenz zusammengefunden haben, folgendes mitgeteilt: „Terri wird schwächer. Es stehen ihr die letzten Stunden bevor. Etwas muß getan werden, und zwar schnell.“ Nach einem weiteren Besuch um die Mittagszeit sagte der Vater: „Ich habe ihr gesagt, daß wir noch immer um sie kämpfen und daß sie nicht aufgeben solle, weil auch wir nicht aufgeben. Aber ich glaube, jene Leute, die sie sterben sehen wollen, werden ihren Willen durchsetzen.“
Die Anwältin von Mary und Bob Schindler, Barbara Weller, teilte mit, Terri Schiavo, die seit der Entfernung der Magensonde am 18. März nicht mehr mit Flüssigkeit und Nahrungsmitteln versorgt wird, leide sichtbar unter Dehydrierung. Ihre Zunge sei geschwollen und blute, die Augen säßen tief in den Augenhöhlen, aus denen ebenfalls Blut sickere, die ausgetrocknete Haut platze auf. Dagegen will der Anwalt von Ehemann Michael Schiavo eine friedlich im Bett liegende Frau gesehen haben, an der man keine Zeichen des körperlichen oder seelischen Leidens erkennen könne.
Die Menschenwürde wird nicht geachtet
Seit Tagen verbreiten die Eltern Terri Schiavos immer mehr Videos, die sie bei Besuchen der Tochter in dem Hospiz aufgenommen haben. Natürlich kann niemand wissen, ob Terri Schiavo es will, daß Großaufnahmen von ihrem Bauchnabel, durch den die Magensonde eingeführt war, daß Bilder ihrer unbedeckten Beine, an denen man wunde Stellen zu erkennen glaubt, ihres Gesichts, über das entweder ein Reflex oder ein Lächeln huscht, ihrer sonderbar abgeknickten Hände, ihres offenstehenden Mundes von Millionen Menschen gesehen werden.
Niemand weiß mit Bestimmtheit, wie es Terri Schiavo geht, was und ob sie etwas fühlt, ob sie Hunger und Durst leidet oder längst vom fühllosen Grau des Grenzlands zwischen Leben und Tod umschlossen ist. Aber alle Welt verfolgt, rechtzeitig zur Passionszeit, die Leidensgeschichte dieses Menschenkindes. Auch über das „normale“ Leben der jungen Frau sowie über ihr „unnormales“ Leben, das nach dem Herzanfall im Alter von 26 Jahren begann, ist eingehend informiert, wer sich für den „Fall Terri“ interessiert.
Man kann wissen, daß Michael Schiavo seit acht Jahren mit einer Lebensgefährtin zusammenlebt und mit ihr zwei Kinder hat, sich aber dennoch nicht, wie von den Schiavo-Eltern gewünscht, von seiner Frau scheiden lassen will. Man kann lesen, daß nach Ansicht von Vater Bob Schindler die Ehe zwischen Terri und Michael kurz vor dem Herzanfall nicht mehr glücklich war. Man wird, wenn Terri Schiavo gestorben ist oder wider Erwarten doch wieder künstlich ernährt werden sollte, noch vieles andere über ihr Leben und Leiden erfahren. Was immer Terri Schiavo zu wünschen imstande sein mag, der Wunsch, man möge ihre Menschenwürde achten oder sie einfach nur in Ruhe lassen, wird nicht erfüllt.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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