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Moritz Freiherr Knigge : „Mit der Begrüßung sollte man keine Spielchen treiben“

Wenn Begrüßungen zum Politikum werden: Donald Trump (links), Emmanuel Macron und Angela Merkel in Brüssel Bild: AP

„Furchtbar“, „unmöglich“, „wie ein kleiner, trotziger Junge“: So erlebt Moritz Freiherr Knigge, Experte für Umgangsformen, das Auftreten von Donald Trump. Auch an Emmanuel Macron hat er einiges auszusetzen. Ein Interview über das Händeschütteln.

          Herr Knigge, seit Donald Trump amerikanischer Präsident ist, hat der Handschlag eine politische Bedeutung bekommen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nannte den dominanten Griff, mit dem er Trump begrüßt hatte, einen „Moment der Wahrheit“. Ist er das?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Zunächst mal ist der Handschlag als Begrüßungsritual in unserer Kultur sehr wichtig. Das merkt man schon an Redewendungen wie „die Hand reichen“ oder „die Hand ausschlagen“. Da gab es ja auch den Moment, in dem Trump Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht die Hand gereicht hat, obwohl er dazu aufgefordert wurde. Ungeheuer unhöflich. Im normalen Leben würde ich einen Handschlag zur Begrüßung aber nicht „Moment der Wahrheit“ nennen, das ist doch sehr überzogen.

          Moritz Freiherr Knigge ist ein deutscher Autor und Redner: „Mein Thema ist: Mensch bleiben – wie wir besser miteinander klarkommen“, sagt er.

          Aber hat der Handschlag unter Politikern oder Managern nicht doch eine andere Bedeutung, gerade vor wichtigen Verhandlungen?

          Das stimmt, deswegen ist Macrons Einschätzung berechtigt. Es werden Spielchen mit der Begrüßung getrieben, das habe ich selbst schon erlebt. Ich habe einen bekannten deutschen Manager, der auch viel mit Politikern zu tun hat, sogar mal darauf angesprochen und ihm gesagt, dieses Auftreten ist sehr unhöflich. Er sagte, das könne sein, aber in Berlin gelten andere Regeln. Für mich ist das keine Entschuldigung. Die Begrüßung hat eine wichtige Bedeutung, damit sollte man keine Spielchen treiben. 

          Donald Trump reißt seinem Gegenüber manchmal fast den Arm ab, so sieht es zumindest aus. Was halten Sie von solch einem Handschlag?

          Das ist tatsächlich weniger ein Gruß als ein Spiel. Trump reißt die Leute an sich heran, wie ein kleiner, trotziger Junge. Dabei sagt man mit einem Handschlag eigentlich: „Ich bin ein Mensch. Du bist ein Mensch.“ Und dann kann es weiter gehen. Es gibt wichtigere Dinge als den Handschlag.

          Es gibt eine Szene, in der Trump falsch abbiegt, ein Sicherheitsmann ihm den richtigen Weg weisen will und er die ausgestreckte Hand als Versuch missversteht, ihm die Hand zu geben. Das sieht lustig aus, kommt aber auch im Alltag vor: Was macht man am besten, wenn man die Hand ausstreckt, aber sie niemand nimmt?

          Ich rate zur Gelassenheit. Vielleicht hat das Gegenüber einfach nicht mitbekommen, dass man die Hand ausstreckt. Man darf nicht immer vom Schlechten ausgehen: 90 Prozent der Menschen wünschen sich in Deutschland einen besseren Umgang miteinander. Das ist doch absurd. Aber es liegt daran, dass die Schuld immer beim Anderen gesucht wird. Wenn sich jemand bei mir beschwert und sagt „Mein Kollege grüßt mich nie“, frage ich: „Begrüßen Sie ihn denn?“ Wenn ich etwas wichtig finde, muss ich es zunächst einmal selbst tun. Und man sollte Missverständnisse zulassen und möglichst tolerant sein. Hohe Ansprüche an sich selbst haben und nichts Schlechtes unterstellen, das ist ein guter Anfang

          Es gibt Menschen, die den Handschlag aus hygienischen oder religiösen Gründen verweigern. Was halten Sie davon?

          Es kommt darauf an, wie man das kommuniziert. Wenn man freundlich erklärt, warum man sich dabei unwohl fühlt, jemandem die Hand zu geben, wäre es unhöflich, auf dem Handschlag zu bestehen. Die Kulturen sind einfach ganz unterschiedlich. Ein Freund von mir war mal im Urlaub und wurde von einem Führer in der Wüste nachts an die Hand genommen. Ihm war das zuerst unangenehm, weil das bei uns ganz unüblich ist, aber nach einer Weile hat er es als extrem höflich wahrgenommen.

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