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Veröffentlicht: 17.06.2017, 11:02 Uhr

Kleine Meerjungfrau Die stille Dulderin

Kopenhagens Kleine Meerjungfrau ist – mal wieder – Opfer von Vandalen geworden. Warum schützt sie keiner?

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© Reuters Frische beschmiert: Die Kleine Meerjungfrau in Kopenhagen

Von allen Wahrzeichen, mit denen die Städte dieser Welt sich schmücken, ist sie wahrscheinlich das anrührendste. Nackt und schutzlos sitzt die zarte Gestalt auf dem großen Stein im Hafen von Kopenhagen, den Kopf in Richtung Meer gewandt, den sehnsuchtsvollen Blick in die Ferne gerichtet; über den Felsen sind ihre schlanken Beine ausgebreitet, die in Fischflossen übergehen. Seit mehr als hundert Jahren ist sie hier und trotzt Wind und Wetter sowie den Kopenhagen-Besuchern, die von der Uferpromenade Langelinie zu ihr hinüberklettern und nicht selten übergriffig werden.

Jörg Thomann Folgen:

Ginge es nur um Touristenpratzen auf Bronzehaut, man müsste sich um die Kleine Meerjungfrau nicht sorgen. Regelmäßig aber widerfährt ihr weit Schlimmeres – als wollte das Schicksal die Leidensgeschichte fortschreiben, die Hans Christian Andersen 1837 mit seinem Märchen begonnen hat. Zum zweiten Mal binnen kurzem ist die Statue jetzt von Vandalen verunstaltet worden: Am 30.Mai wurde sie mit roter Farbe beschmiert, am Mittwoch dieser Woche mit blauer und weißer. Unschön, doch noch vergleichsweise Lappalien mit anderen Angriffen, der sich die Nixe ausgesetzt sah: Zweimal war sie geköpft worden, einmal verlor sie den Arm, einmal wurde sie vom Felsen gesprengt. Warum, fragt man sich, gerade sie? Und warum kann oder will die Stadt Kopenhagen ihre berühmteste Bewohnerin nicht besser schützen?

47019007 © dpa Vergrößern Gegner des Walfangs vor den Färöern malten die Meerjungfrau im Mai rot an

Die erste der beiden Fragen kann Henrik Thierlein, Sprecher der Tourismuszentrale „Wonderful Copenhagen“, leicht beantworten: Die Meerjungfrau wird attackiert, eben weil sie so berühmt ist. „Sie ist ein leichtes Opfer, denn jeder weiß, dass ein Anschlag um die Welt geht“, sagt Thierlein. Zumindest die Adressaten der beiden jüngsten Angriffe sind dabei eher in Dänemark zu suchen: Diejenigen, die die Bronzeplastik blutrot bepinselten, hinterließen eine Botschaft, die den Walfang vor den zur dänischen Krone gehörenden Faröer–Inseln beklagte. Die Nixenschänder vom Mittwoch wiederum sprühten auf den Boden die allgemein als rätselhaft empfundenen Worte „Befreit Abdulle“. Medien spekulieren darüber, dass es sich bei besagtem Abdulle um ein angebliches Opfer der dänischen Psychiatrie handeln könnte.

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Man kann es der Meerjungfrau jedenfalls kaum verübeln, dass sie an so exponierter Stelle die melancholische Seite des eher heiteren dänischen Gemüts hervorkehrt. Schon ihr Schöpfer hatte ihr allerhand aufgebürdet. Als jüngste, stille und versonnene Tochter des Meereskönigs hatte sie einen jungen Menschenprinzen vom Ertrinken gerettet und daraufhin der Meerhexe ihre Beine, ihre Zunge und damit ihre herrliche Stimme geopfert, um an Land des Prinzen Liebe und die Unsterblichkeit der Seele zu erlangen. Alle Qualen – jeder Schritt schmerzte wie ein Messerstich – waren am Ende vergebens, da der Prinz eine andere Frau heiratete, die er für seine Retterin hielt. Statt zu Meerschaum zu werden, durfte Andersens tragische Heldin, weil sie so „gelitten und geduldet“ hatte, wenigstens zu den Töchtern der Luft aufsteigen, wo sie sich eine Chance auf die unsterbliche Seele bewahrte – vorausgesetzt, sie würde 300 Jahre lang Gutes tun. Bis heute vermag Andersens Märchen zu bewegen – selbst wenn man gar nichts weiß davon, dass der Dichter in der armen Meerjungfrau sich selbst porträtiert hatte, der einst stumm hinnehmen musste, dass der heimlich von ihm geliebte Freund eine Frau heiratete.

 
Kopenhagens Kleine Meerjungfrau ist – mal wieder – Opfer von Vandalen geworden. Warum schützt sie keiner?

Am 23. August 1913 war die Bronzefigur enthüllt worden; gestiftet hatte sie der Brauerei-Erbe Carl Jacobsen, erschaffen der Künstler Edvard Eriksen, inspiriert durch eine Primaballerina und die eigene Ehefrau. Mit 1,25 Metern ist die Sitzende weit zierlicher als andere Wahrzeichen: Die Freiheitsstatue ist gut 37-Mal größer, der Christus von Rio 24-Mal; das Brüsseler Manneken Pis überragt sie immerhin um das Doppelte. Sie ist weder vergnügt wie der pieselnde Knabe noch stolz wie die Freiheitsstatue oder feierlich wie Cristo Redentor, sondern wirkt verletzlich und – Flossen hin oder her – ziemlich menschlich. Und deshalb, vor allem dann, wenn sie mal wieder attackiert worden ist, so bemitleidenswert.

47019018 © AP Vergrößern 1964 (unser Bild) und 1998 wurde die Meerjungfrau geköpft

Das „harte Leben“ der Meerjungfrau hat die Tourismuszentrale in einer Liste dokumentiert, die elf Anschläge unterschiedlicher Schwere umfasst; tatsächlich dürften es einige mehr gewesen sein. Überführt wurde fast nie jemand – weder der prüde Zeitgenosse, der der Nixe 1961 BH und Höschen aufmalte, noch die Barbaren, die sie 1964 und 1998 enthaupteten; 1964 nahm sich gar die Mordkommission des Falles an. Heute sieht man in Kopenhagen die Sache weniger dramatisch: „Die Welt hat sich durch den Terror verändert, und dies hier hat damit nichts zu tun“, sagt Henrik Thierlein. „Es sind einfach nur Leute, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen – und wie einfach ist es, dafür unser Nationalsymbol zu benutzen.“

Warum aber muss es so einfach sein? „Wir können nichts dagegen tun, und wir wollen es auch nicht“, sagt Thierlein. Keine Option etwa sei es, die Figur weiter weg vom Zugriff der Menschen gen Meer zu rücken: „Das widerspräche der Idee. Sie wollte keine Meerjungfrau mehr sein, sondern menschlich. Deswegen können wir sie anfassen und werden sie nicht hinter Glas verstecken. Das wäre ein Desaster.“ Dauerhafter Polizeischutz ließe sich wohl ebenfalls nur schwer mit dem liberalen dänischen Geist vereinbaren. Allerdings hat der Kopenhagener Kulturbürgermeister Carl Christian Ebbesen, der der rechtspopulistischen Volkspartei angehört, nach dem jüngsten Anschlag die Installation einer Überwachungskamera gefordert.

Bis es so weit ist, wird Den Lille Havfrue, wie die Nixe auf Dänisch heißt, weiter still leiden und dulden. Und womöglich eines Tages, wenn das Schicksal befindet, dass es nun endlich genug sei, zu den Töchtern der Luft aufsteigen.

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