Jerry Bruckheimer wirkt so, als ob ihn das alles nicht wirklich anginge: die vielen Kameras im Saal des Bayerischen Hofs in München. Die Journalisten, die angereist sind, um vom Produzenten mehr über seinen neuesten Film „Fluch der Karibik - Fremde Gezeiten“ zu erfahren. Der Moderator, der Bruckheimer gerade wegen seines Erfolgs als „Überproducer“ begrüßt hat. Und der Fragesteller aus der ersten Reihe, der sich mit Rastalocken und Dreispitz obenrum verkleidet hat wie Jack Sparrow, Hauptfigur der „Fluch der Karibik“-Reihe, untenrum wiederum als Meerjungfrau, und der nun tatsächlich die Frage stellt: „Wo ist mein Vater Jack Sparrow?“
Für Jerry Bruckheimer ist es selbstverständlich, seine Filme selbst zu bewerben und nicht nur Regisseure und Schauspieler zu schicken, wie in München Rob Marshall und Penélope Cruz. Schließlich hat er sich mit seinem Erfolg nicht nur selbst Starruhm erarbeitet, er mischt auch oft beim Drehbuch mit und am Set, wenn gefilmt wird. Deshalb ist er nach München gekommen, zur Premiere des vierten Teils der „Fluch der Karibik“-Reihe. Seitdem Bruckheimer vor fast vierzig Jahren seine Karriere begann, macht er das so.
Von Anfang an hatte Bruckheimer kein Interesse daran, den ganzen Ruhm den Studios zu überlassen. Mit seinem damaligen Partner Don Simpson erfand er ein eigenes Logo, das nach dem Signet des Studios eingeblendet wurde: ein einschlagender Blitz und der Schriftzug „Don Simpson/Jerry Bruckheimer Films“. 1995 starb Simpson an einer Überdosis Drogen. Seitdem erscheint nur noch Bruckheimers Name, doch der Blitz schlägt weiter ein.
Die Filmografie: eine Erfolgsgeschichte
Laut, schnell, explosiv - das war die Mischung, mit der Bruckheimer und Simpson Hollywood in den achtziger Jahren aufmischten. Der Tanzfilm „Flashdance“ war ihr Durchbruch, mit dem „Beverly Hills Cop“ begann ihr Aufstieg und der von Schauspieler Eddie Murphy. Und „Top Gun“, der vor Patriotismus strotzende Kampfpilotenfilm mit dem jungen Tom Cruise, spielte 1986 rund 300 Millionen Dollar ein und wurde der bis dahin erfolgreichste Film in der Geschichte der Paramount-Studios, für die Bruckheimer und Simpson arbeiteten.
Nach „Armageddon“, „Pearl Harbor“ und „Black Hawk Down“ und dem nicht minder erfolgreichen Ausflügen ins Fernsehgeschäft mit der Tatortermittler-Serienfamilie „CSI“ landete Bruckheimer bei den Piraten, die neue Superlative setzen sollten: Sowohl der zweite als auch der dritte Teil der Saga holte in den Vereinigten Staaten den Titel „Bester Filmstart aller Zeiten“. Wiederum rekordverdächtig ist nun der vierte Teil „Fremde Gezeiten“ gestartet: Nach Angaben der Disney-Studios spielte der Film an seinem internationalen Starttag am Donnerstag fünfzig Prozent mehr ein als der dritte Teil.
Das Geheimnis: einfache Dramaturgie plus Action
Wo Bruckheimer wirkt, sind Kritiker nicht fern - und auch Neider. Mit seinen dramaturgisch einfach gestrickten Actionfilmen, die vor allem auf Verfolgungsjagden und Explosionen setzen, habe er das große Erzählkino zerstört, heißt es. Doch bewundern wohl viele insgeheim, wie es dieser Mann schafft, immer wieder den Geschmack des Publikums zu treffen - und sei es mit einem als altbacken verschrienen Genre wie dem Piratenfilm. Er sei ein Mann, der seinen Finger „direkt an die kollektive Klitoris des Kinopublikums gelegt hat“, schrieb der „Guardian“ im Jahr 2000 - nicht der einzige Versuch, mit schlüpfrigen Worten Bruckheimers Massenkompatibilität zu diskreditieren.
Den König Midas des Blockbusters haben nach eigenen Angaben solche Sätze nie groß interessiert. „Ich mache Filme, weil ich es liebe. Dabei hart kritisiert zu werden ist Teil meines Berufs“, sagt Bruckheimer im Gespräch mit dieser Zeitung und nippt an einem Proteindrink, den ihm sein Assistent auf leisen, aber sehr bestimmten Hinweis gebracht hat. „Ich mache immer noch ausschließlich solche Filme, die ich selbst sehen will. Ich kann auch gar nicht herausfinden, was andere wollen.“ Schon weil sich die Großprojekte so lang hinzögen, sei dies anders gar nicht möglich: „Wenn du einen Film nach einem Trend machst, wirst du scheitern.“
Bruckheimer bleibt Außenseiter
Bruckheimer hat die Trends lieber selbst gesetzt - und sich dabei selten von anderen abhängig gemacht. So war für den „Beverly Hills Cop“ Sylvester Stallone als Hauptdarsteller eingeplant. Der wollte mehr Actionszenen, was aber das Budget gesprengt hätte. Also sprang Stallone ab und Eddie Murphy ein, und der Film avancierte gerade wegen Murphys komödiantischer Einlagen zum Prototyp eines eigenen Genres: der Krimi-Action-Komödie.
Bei allem Massenerfolg ist Bruckheimer im Hollywood-Mainstream ein Außenseiter geblieben. Während dort praktisch die gesamte Filmbranche politisch zu den Demokraten hält, ist er erklärter Anhänger der Republikaner - auch wenn er einmal sagte, dass er Personen unterstütze, nicht Parteien. Besonders heftige Kritik erntete Bruckheimer, als er das im Übermaß patriotische Kriegsdrama „Black Hawk Down“ produzierte, das die wahre Begebenheit eines Kampfhubschrauberabsturzes in Somalia schildert. Die amerikanische Armee lieferte Produktionshilfe und Statisten. Dafür nahmen die Filmemacher Rücksicht und strichen besonders grausame Szenen.
Bruckheimer zeigt sich seitdem vorsichtig, wenn es um Politik geht. Wenn man ihn auf den demokratischen Präsidenten Barack Obama anspricht, dessen Aufstieg aus der unteren Mittelschicht auch Thema eines Bruckheimer-Films sein könnte, reagiert er zurückhaltend. „Ich schätze ihn sehr, auch wenn ich einigen seiner Entscheidungen nicht zustimme.“ Punkt. Obamas Geschichte wird er wohl nicht mehr verfilmen.
Mit Unterhaltung Millionen machen
Inspiration für neue Stoffe holt er sich lieber auf altbewährte Art: Hier eine Nachricht aus der Zeitung, da ein Magazinartikel wie bei der wahren Geschichte zum Film „Die Journalistin“ über eine Irin, die von der Dubliner Mafia erschossen wurde. Oder er unterhält sich mit jüngeren Mitmenschen, um neues Wissen aufzusaugen, was ihn nach eigener Aussage jung hält.
Dass er den Geschmack der Kritiker dabei meist verfehlt - geschenkt. „Mein Job ist es, zu unterhalten. Dafür werde ich bezahlt.“ Überhaupt scheint ihm die ganze Diskussion über Anspruch und Unterhaltung aufgebauscht. „Das Schöne für uns Filmemacher ist doch, dass es alle möglichen Filme gibt, und die Leute sie auch sehen wollen“, sagt er. „Du kannst einen ,The King's Speech' machen oder einen ,Harry Potter'.“ Oder eben einen Bruckheimer. Dem ergeht es so ähnlich wie in Deutschland dem kürzlich verstorbenen Bernd Eichinger, dessen Filmen viele Kritiker wenig Gutes abgewinnen konnten - im Gegensatz zum Publikum. Wer von beiden Gruppen am Ende richtigliegt? Jerry Bruckheimer beantwortet diese Frage wie alle anderen zuvor professionell und diplomatisch. „Ich kann nichts Schlechtes daran erkennen, Hunderte Millionen Menschen rund um die Welt zu unterhalten.“ Schon gar nicht, wenn man damit wie er Millionen macht.