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Kinofilm über Kerkeling: Ich bin dann mal Hape

Ich bin dann mal Hape

Von JÖRG THOMANN
Foto: Julia Terjung

31.07.2017 · Deutschlands beliebtester Komiker Hape Kerkeling war ein vergnügter Junge – bis ihm Schreckliches widerfuhr. Aus seinen Erinnerungen soll nun ein großer Kinofilm werden. Wie aber findet man einen kleinen Hape? Über die Suche nach Germany’s Next Kerkeling.

W ir alle haben manchmal Tage, die nicht eben glorreich verlaufen, und Luis, acht Jahre jung, hat definitiv so einen erwischt. Er soll jetzt mal in die Kamera sprechen, doch aus dem blonden Jungen kommt kaum was heraus. Da kann sich Melanie, die das Casting hier durchführt, noch so mühen. Wo er wohnt? Fällt ihm grad nicht ein. Hat er einen Witz auf Lager? Auch nicht. Ach doch, einen: Ein Polizist trägt eine Schere, um den Weg abzuschneiden. Na ja. Ein Lied weiß Luis auch keines, er versucht sich an „Alle meine Entchen“, kommt aber nicht sehr weit. Und dann soll er Melanie auch noch einen Sketch vorspielen, den er sich vorher auf einem Bildschirm angeguckt hat. „Soll es witzig sein?“, fragt er. „Wir machen das zweimal“, schlägt Melanie vor, „einmal normal und einmal witzig, okay?“ Luis allerdings bleibt skeptisch: „Müssen wir witzig?“, fragt er verdrossen.

Ja, wir müssen. Wenn nämlich Luis, der in Wahrheit anders heißt, die Rolle bekommen möchte, wegen der er sich wie knapp zwei Dutzend andere Jungs bei der Ufa in Potsdam-Babelsberg eingefunden hat, dann muss er jetzt einfach witzig sein, denn gesucht wird niemand anderer als der neue Hape Kerkeling. Genauer: Gesucht wird ein kleiner Junge, der den Entertainer, Bestseller-Autor und beliebtesten lebenden Komiker dieses Landes in einem Kinofilm über dessen Kindheit spielt. Und witzig, das kann man in seiner Autobiographie nachlesen, war Kerkeling schon als Knirps. Luis hingegen ist es nicht, jedenfalls nicht am heutigen Tag, und daher wird er beim Casting keine Chance haben. Er passt aber auch aus einem anderen, schmeichelhafteren Grund nicht: Er ist einfach viel zu schlank.

Kerkeling in den Achtzigern als „Hannilein“ Foto: Imago

„Gerne etwas kräftiger, pummelig bis dick“ nämlich soll der sieben bis elf Jahre alte Junge sein, den die Ufa gemeinsam mit der Castingagentur Rietz sucht; gewünscht sind außerdem ein „rundes Gesicht, blonde Haare, helle Augen“ und „gern ein leichter Ruhrpott-Dialekt“, kurz: Ein echter „Wonneproppen“ soll es sein. Und dieses schöne, fast in Vergessenheit geratene Wort beschwört schon das Bild einer seligen Vergangenheit herauf, in der wohlgenährte Kinder noch nicht übergewichtig oder gar adipös geschimpft wurden, in der man ohne Kalorienzählerei Kaffeekränzchen zelebrierte.

„Ich komme aus einer Familie, in der gemütliche dicke Menschen beheimatet sind“, hat Hape Kerkeling in einem Interview gesagt. Wie so viele, die in den sechziger und siebziger Jahren geboren wurden, hat Kerkeling, Jahrgang 1964, solch eine gemütliche, unbeschwerte Kindheit erlebt, zumindest anfangs. Spätestens an einem strahlenden Sommertag im Jahr 1973 aber war seine Kindheit auf grausame Weise beendet. „Diese Geschichte ist herzzerreißend traurig und unglaublich“, hieß es 2014 in dieser Zeitung über Kerkelings Buch „Der Junge muss an die frische Luft“, und weil es viele Leser ebenso sehr berührte, ist es kein Wunder, dass es nun verfilmt wird.

Seitenscheitel und karierte Hemden

Von dem, was dem kleinen Hape widerfahren ist, werden die zumeist gutgenährten kleinen Jungen, die sich an diesem Sonntagvormittag im April mit ihren Müttern oder Vätern aufgemacht haben nach Babelsberg, kaum etwas wissen; überhaupt dürfte ihnen Kerkeling, der vor einigen Jahren von der Showbühne abtrat, nicht viel bedeuten – ganz anders als der Generation ihrer Eltern, von denen zumeist wohl auch der Anstoß kam, hierher zu fahren. Bis ihr Sprössling zum Einsatz kommt, warten die Familien auf Holzbänken. Viele Seitenscheitel bei den Kandidaten, viele karierte Hemden, Jeans und Sneaker. Eine Obstschale steht unbeachtet auf dem Tisch, ein Junge mampft entspannt ein belegtes Brot. Ein anderer stellt sich gerade in Positur, in der Hand ein Stiel mit einer kleinen Tafel, auf der mit Kreide Name, Alter und Körpergröße notiert sind. 1,35 Meter, das ist schon knapp an der Obergrenze.

Ein wahrer Wonneproppen: Hape Kerkeling Anfang der siebziger Jahre. Foto: Piper Verlag

Im Gang laufen auf einem Monitor zwei Sketche in Endlosschleife, die der sehr junge, sehr schmale Hape Kerkeling Mitte der Achtziger als Rotznase Hannilein für die Sendung „Känguru“ drehte; einmal geht es um Klaus, den angeblich intelligentesten Goldfisch der Welt, der aus seinem Glas durch einen Ring springen soll, was ihm aber viel zu blöd ist, beim zweiten Sketch um einen Haufen Gummibärchen, dem Hannilein nach kurzem Ringen mit sich selbst nicht widerstehen kann: „Der Kampf war unfair, sie waren so viele, und ich war ganz allein.“ Die Höhepunkte in Kerkelings Schaffen, das darf man getrost feststellen, sollten erst später kommen. Die Sketche jedoch sind gerade kurz und schlicht genug, dass Kinder sie sofort verstehen und nachspielen können. Jedenfalls die meisten. „Ich esse sie doch, weil sie so viele sind“, variiert Luis die Pointe.

Im kleinen Studio warten auf die Kinder ein Stuhl und ein Tisch, eine gläserne Vase mit orangenfarbener Stoffblume drin als Goldfischglas-Ersatz, viele Gummibärchen sowie Melanie Waelde mit ihrer Kamera. „Ich bin die Melanie und mache heute das Casting. Das dauert nicht lange und tut auch nicht weh“, begrüßt sie den Kandidaten Max, zehn Jahre, der als Hobbys „Fahrradfahren, Traktorfahren und Zeitschriftenverteilen“ nennt. „Red mal in die Kamera“, fordert ihn Waelde auf, „guckst du manchmal Youtube-Videos?“ – „Ich hab’ ’nen eigenen Kanal“, erwidert Max. Ein Erweckungserlebnis, wie es dem jungen Hape Kerkeling einst das Farbfernsehen bescherte, welches ihm „das Tor zu einer neuen, überwältigenden Welt“ öffnete, ist den Kindern heute nicht mehr möglich.

Bei den Sketchen zeigt Max Geschick im Improvisieren, indem er Sperriges kurzerhand aus dem Weg räumt („Klaus ist der itelli... der schlauste Goldfisch der Welt“), und freudig trällert er einen Ella-Endlich-Schlager. Der nächste Bewerber Marvin, der mit dreizehn eigentlich schon zu alt und auch zu groß ist, beichtet: „Oh, ich bin so angespannt. Ich zitter.“ Bei den Sketchen ist davon wenig zu spüren, allerdings zieht sich seine Gummibärchen-Nummer weit mehr in die Länge als das Original. Fynn, sieben Jahre alt, hat ebenfalls Spaß an der Sache: „Cool! Gummibärchen.“ Sein Witz ist der mit der Oma, die dem Enkel strengstens verbietet, Sachen vom Boden aufzuheben, was sich rächt, als sie selbst stürzt. „Bist du auch so gemein zu deiner Oma?“, fragt Melanie Waelde. „Nö. Die fällt ja nie um.“ Das geht schon ein wenig in Richtung Hape-Humor.

Hape Kerkeling, der Verwandlungskünstler. Hier bei seiner Verwandlung in die Journalisten-Charge Horst Schlämmer Foto:dpa

Strenge Größenregeln, verlorener Schneidezahn

„Respekt, dass die das hinkriegen“, wird Waelde später über alle Kinder sagen. Drei Jungen freilich hat man gleich wieder heimschicken müssen, weil sie zu groß waren. Sämtliche Videos werden nun von den Castern, der Regie, den Produzenten gesichtet, ebenso wie die Videos der Castings, die zur gleichen Zeit in Bochum, Köln und Wuppertal über die Bühne gingen; dort waren noch deutlich mehr Bewerber erschienen als in Babelsberg. „Wir melden uns auf jeden Fall. Es kann lange dauern, aber auch ganz kurz“, gibt man den Jungen mit auf den Weg. Ihr Mann, erzählt eine Mutter, male sich bereits aus, wie es wäre, den Jungen, wenn er ausgewählt würde, überallhin begleiten zu können.

Träumen ist nicht verboten, das hat Hape Kerkeling ja auch getan. Schon im zarten Kindesalter, schreibt er in „Der Junge muss an die frische Luft“, wollte er mit aller Macht „berühmt werden“, und zwar im Fernsehen: Ausgerechnet die dort übertragene Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten Gustav Heinemann hatte ihn für das Medium eingenommen. Mit zwölf bewarb er sich bei Radio Bremen für eine Kinderrolle bei Loriot, doch Dicki Hoppenstedt durfte dann jemand anderer spielen, ein Mädchen. Mit sechzehn schickte er für einen Talentwettbewerb der „Hörzu“ Kassetten mit selbst ausgedachten Sketchen ein, begleitet von weiteren Kassetten, auf denen er besagte Sketche erklärte, und gehörte zu den Siegern.

Bei der Satire „Kein Pardon“ führte Kerkeling 1993 Regie Foto: dpa

Doch auch Debakel hat der junge Kerkeling durchlitten: Beim Versuch, ein festklemmendes Mikrofon aus dem Ständer zu ziehen, rammte sich der Siebzehnjährige auf der Bühne des Kölner Sprungbrett-Theaters das Mikro in den Mund und schlug sich den rechten Schneidezahn aus; das löste beim Publikum zwar „Begeisterung, Lachen, frenetischen Applaus“ aus, doch der Talentwettbewerb war verloren. Ebenso wie der Zahn. Seine Casting-Traumata arbeitete Kerkeling 1993 in seinem Kinofilm „Kein Pardon“ auf, dessen Held Peter Schlönzke die Jury mit seiner engagierten Darbietung des „Biene Maja“-Songs nicht wirklich packen kann.

Dass Hape Kerkeling zum Star wurde, verdankt er zweifellos seinem Talent, seiner Hartnäckigkeit – sogar das DDR-Fernsehen bedachte er damals mit seinen Kassetten – und der Tatsache, dass es einen wie ihn zuvor noch nicht gab. Bei der Suche nach dem kleinen Kino-Hape ist das ganz anders, da hat jeder ein Bild vor Augen. „Es ist eine doppelte Herausforderung, man möchte es so vielen Leuten wie möglich recht machen“, sagt Jacqueline Rietz. „Unsere Hoffnung ist, dass im Verlauf des Films jeder Zuschauer seine eigene Vorstellung vergisst und dieser kleine Junge, den wir da finden, zum Hape wird.“

Kein Low-Budget-Kino

Rietz, für die auch Melanie Waelde arbeitet, zählt zu den führenden Casterinnen für Schauspielnachwuchs im Lande. Ihre Agentur hat aus 2000 Bewerberinnen die „Bibi & Tina“-Darstellerinnen ausgesucht, den jungen „Tschick“ für die Leinwand entdeckt und den neuen „Timm Thaler“ gefunden. Was muss der neue Hape mitbringen? „Der kleine Junge braucht ein gewisses Energielevel, der darf kein kleiner, ganz langsamer Introvertierter sein“, so Rietz. Pech für Luis, er ist draußen. Und wo findet man pummelige kleine Energiebündel? „Es ist ein bisschen Detektivarbeit“, sagt Rietz. Ihre Leute haben in den Agenturen gesucht, in Schultheatergruppen und Karnevalsvereinen und auch in der Fußgängerzone Jungen angesprochen. Nun, inzwischen ist es Anfang Mai, haben die diversen Castings eine Auswahl von knapp 400 Jungen ergeben, „die mehr oder weniger den gesuchten Kriterien entsprechen. Das ist schon eine ganze Menge.“

Wohl einer seiner berühmtesten Scherze: Hape als Beatrix Foto:dpa

Aus diesen 400 gilt es nun den einen, den wahren Hape herauszupicken, indem man schaut: Ist das Kind auch beim zweiten oder dritten Casting noch mit Spaß dabei? Funktioniert das Zusammenspiel mit den anderen Schauspielern, stimmt die Chemie mit der Regisseurin, die in diesem Fall Caroline Link heißen wird? Am Ende, sagt Jacqueline Rietz, „hat man einen Glücklichen und ganz viele traurige Kinder“. Letzteren, auch das ist Aufgabe einer Casting-Agentur, wolle man vermitteln, den gesamten Prozess als wertvolle Erfahrung zu betrachten und sich nicht als Versager zu fühlen.

Der Auserwählte wird, was ihm selbst gar nicht bewusst sein dürfte, eine enorme Verantwortung tragen: Mit ihm steht und fällt der Film. Zwar waren schon in der Verfilmung von Kerkelings Megaseller „Ich bin dann mal weg“ zwei Jungen in kurzen Rückblenden als Knabe Hape zu sehen, der kleine Held des neuen Films aber dürfte in nahezu jeder Szene auftreten. Und es wird gewiss kein Low-Budget-Kino. Die Produzenten Ufa Fiction, Feine Filme und Warner Bros. erhoffen sich einiges, mit Kerkeling schließlich erreicht man die Massen.

„Ich bin dann mal weg“, 2006 veröffentlicht, ist das erfolgreichste deutsche Sachbuch der Nachkriegszeit, mehr als fünf Millionen Leser folgten dem von einer existentiellen Krise gebeutelten Künstler auf dem Jakobsweg. Die Verfilmung durch Julia von Heinz sahen 2015 im Kino mehr als zwei Millionen Menschen. Insgesamt 975.000 Käufer fand das Buch „Der Junge muss an die frische Luft“. „Wir haben grundsätzlich das Ziel, mit unseren Filmen eine Million Zuschauer zu erreichen“, sagt Ufa-Fiction-Geschäftsführer Sebastian Werninger. Er hofft, mit dem Film „ein Publikum zwischen 30 und 70, sehr breite Schichten der Bevölkerung“ erreichen zu können – und mit wem, wenn nicht mit Hape Kerkeling, sollte das gelingen?

Im auf dem gleichnamigen Bestseller basierenden Film „Ich bin dann mal weg“ spielt Devid Striesow den erwachsenen Hape Kerkeling Video: Warner Bros. Deutschland

Zwischen Kerkeling und den Deutschen hat sich über seine Jahrzehnte währende Karriere eine ganz besondere Liebesbeziehung entwickelt. Kerkeling ist das seltene Exemplar eines Stars, dem man es abnimmt, gemäß des Titels einer seiner Erfolgssendungen „Total normal“ geblieben zu sein. Ein Ausnahmetalent und zugleich ein Jedermann, dessen anarchischer Humor auf dem soliden Fundament der klassischen Fernsehunterhaltung ruhte. Offen hadernd mit körper- und seelischem Gleichgewicht, aber niemals aufdringlich, ein Mann, der so menschenscheu wie volkstümlich ist. „Ganz nah dran zu sein an den Leuten“, darum gehe es ihm, sagte er einmal: „Eigentlich sind alle meine Shows Familienfeiern, die ich immer wieder neu gestalte. Sogar das Buch ist so etwas.“

Das Buch, über das Kerkeling 2006 sprach, war „Ich bin dann mal weg“, doch auf „Der Junge muss an die frische Luft“ passt es noch viel mehr. Kerkelings Kindheitserinnerungen sind, jedenfalls zu Beginn, eine liebevolle, nostalgische Feier seiner Familie, beheimatet in der Bergarbeiter-Siedlung Herten-Scherlebeck bei Recklinghausen, dominiert von den zupackenden, optimistischen Frauen; kein Matriarchat indes, sondern, dank der charismatischen, exzentrischen Großmutter Änne, ein Omiarchat. Ännes Tante-Emma-Laden war Hans-Peters Lebensschule; Tag für Tag saß „der kleine dicke Buddha auf dem Verkaufsaltar“ und studierte die Kunden. Probleme wurden beherzt beiseitegeräumt; als Hans-Peter zur Bestürzung seiner Mutter darauf bestand, sich im Karneval 1971 als Prinzessin zu kostümieren, begleitete ihn eben die unerschrockene Oma Änne zum Rosenmontagszug.

Kerkelings Mutter Margret war „humorvoll, stark und selbstbewusst“, jedoch fehlte ihr „die seelische Robustheit“ ihrer Mutter Änne. Durch die vielen Dienstreisen des Mannes praktisch alleinerziehend, gepeinigt durch eine chronische Kiefer- und Nebenhöhlenentzündung, verlor sie zusehends die Kontrolle, wurde gewalttätig gegenüber den beiden Söhnen und büßte bei einer Operation durch einen Arztfehler Geruchs- und Geschmackssinn ein; sie verlor, schreibt Kerkeling, „die Sinne des Lebens“. Die Folge war, was man seinerzeit noch nicht so nannte, eine Depression. Stunden verbrachte Margret nun täglich „geistesabwesend und wie angeklebt“ auf einem Stuhl vor dem Küchenfenster und starrte die Küchentür an, während ihr jüngerer Sohn versuchte, sie aufzumuntern – mit Nummern von Roy Black, Peter Alexander, Hans Moser: „Ich weiß, ich muss es besonders gut machen und mir immer etwas Überraschendes und gänzlich Unerwartetes einfallen lassen, sonst lacht sie nicht.“ Nicht um sein Leben spielte der Junge, sondern um das seiner Mutter.

Entertainer Hape Kerkeling als Bestseller mit seinem Werk „Der Junge muss an die frische Luft“ Foto: dpa

Die Tragödie, die dieses Leben und auch seine Kindheit beendete, hat Kerkeling in seinem Buch erstmals beschrieben. Margret, ungewöhnlich heiter, hatte ihm gesagt, er dürfe an diesem Abend so lange fernsehen, wie er wolle, sie selbst gehe schlafen. Nachdem Hans-Peter brav bis zum Sendeschluss vorm Gerät verharrt hatte, legte er sich neben die Mutter, die plötzlich verstörende Laute von sich gab. Sie hatte eine Überdosis Schlaftabletten genommen, und der acht Jahre alte Sohn lag überfordert und verängstigt neben ihr im Bett, bis am Morgen endlich der Vater von der Nachtschicht zurückkam. Tage später starb Margret Kerkeling im Krankenhaus. Auf ihrer Beerdigung beschloss Hans-Peter, der in die Obhut seiner zweiten Oma Bertha kam, dass sein Leben „ein großes Fest“ werden solle, er entschied sich „ganz bewusst für das Lachen und für die Fülle des Lebens“.

Trotz der positiven Botschaft, die der junge Protagonist aus dem schrecklichen Geschehen zog, wird eine Verfilmung keine Gute-Laune-Nummer werden, wie man sie mit Kerkelings Namen verbinden mag. „Dieser Film wird keine Komödie. Aber in diesem Film wird es viel zu lachen geben“, sagt Hermann Florin, der mit Feine Filme Mitproduzent ist. „Er setzt dramaturgisch sehr hart sehr leichte und sehr witzige Momente gegen tief emotionale Momente, wo eine Figur plötzlich in Abgründe stürzt.“ So etwas zu spielen ist schon für einen Schauspielprofi herausfordernd, erst recht aber für ein Kind. Es anzuleiten und durch die Höhen und Tiefen zu führen wird die Aufgabe von Caroline Link sein.

Perfekte Regisseurin mit Parallelen zu Kerkeling

Für die Verfilmung des Buches ist die Regisseurin, die für „Nirgendwo in Afrika“ 2003 einen Oscar gewann, eine verblüffend schlüssige Wahl. Mit Kerkeling teilt sie nicht nur die Herkunft aus einfachen, eher kunstfernen Verhältnissen – ihre Eltern betrieben ein Restaurant in Bad Nauheim –, sondern sogar das Geburtsjahr, und so wie zumindest Kerkelings früheste Jahre war auch ihre Kindheit, wie sie einmal sagte, von Sorglosigkeit und einem positiven Lebensgefühl geprägt. Ihre Filme erzählen häufig nicht alltägliche Familiengeschichten, und im Blickpunkt stehen oft Kinder; die kleine Heldin ihres Kinodebüts „Jenseits der Stille“ etwa wuchs mit gehörlosen Eltern auf. Als einfach und direkt hat sie ihre Filme bezeichnet oder, um es mit Kerkeling zu sagen: ganz nah an den Leuten.

An einem Junitag in Berlin sitzt Link in einem kleinen Apartment vor einem Laptop, neben ihr wartet Rhys Martin, ein Choreograph. Link startet ein Youtube-Video, „Spaniens Gitarren begleiten die Familien seit ewigen Zeiten“, trällert das Schlagerduo Cindy und Bert, und aus dem Schlafzimmer kommt ein Junge angetänzelt: blond, ein klein wenig kräftig, Schalk in den Augen, zwei Lücken in der oberen Zahnreihe und eine Pfingstrose im Haar. Er spielt beide, Cindy und Bert: sie mit der Blume im Haar, ihn mit der Blume in der Hand als Mikro. „Cindy! Bert! Cindy!“, kommandiert der Choreograph, und mit spürbarer Freude wechselt der Junge die Rollen. Als Nächstes möchte Martin, dass er die Blüten abzieht, wie bei „Du liebst mich, du liebst mich nicht“, ob er das kenne? Nö, sagt der Junge fröhlich: „Aber ich habe schon mal unseren Hahn gerupft.“ Wild fliegen die Blüten durchs Zimmer. „Wer räumt denn hinterher auf?“, fragt Caroline Link. „Du!“, ruft der Junge.

Spätestens jetzt versteht man, warum die Beteiligten sich so sicher sind: Der neue Hape ist gefunden. Er heißt Julius Weckauf, ist neun Jahre alt und kommt aus einem kleinen Ort im Ruhrgebiet, in dem jahrelang Braunkohle abgebaut wurde. Seine Eltern haben, wie einst Kerkelings Oma Änne, einen Laden, sie verkaufen Schreibwaren.

„Der Junge darf jetzt nicht krank werden“: Regisseurin Caroline Link mit Julius. Foto: Julia Terjung

„Es ist ein großer Unterschied zwischen albern und witzig“, erzählt Caroline Link. „Die allermeisten Jungs kommen zum Casting und können Quatsch machen, aber es geht darum, dass der Junge wirklich witzig ist – und zwar nicht nur für seine Oma und seine Mama, die ihn sehr liebhaben und über ihn lachen.“ Außerdem müsse der Junge gescheit und sprachlich sehr weit sein. Bei Julius, der sich mit einem eingeschickten Video beworben hatte, ist das alles der Fall. „Die Entscheidung war relativ deutlich, wir hatten am Ende nicht die Wahl zwischen drei tollen Jungs. Es war tatsächlich dieser eine, und der darf jetzt auch bitte nicht krank werden.“

Dass die Suche so schwer sein würde, hatte die Regisseurin nicht gedacht: „Vielleicht liegt es auch daran, dass pummelige Kinder nicht unbedingt so viel Selbstbewusstsein mitbringen, um vor der Kamera aus sich herauszugehen.“ Generell habe sie den Eindruck, dass es „viel schwerer ist, einen Jungen zu finden als ein Mädchen. Neunjährige Mädchen wollen alle gern mal einen Film drehen, Jungs wollen das gar nicht unbedingt.“ Julius hingegen ist augenscheinlich Feuer und Flamme. „Es macht Spaß, und ich möchte das auch gerne weitermachen“, erzählt er, während er vom Balkon des Apartments über Berlin blickt, wo er nun schon ein paarmal für die Proben gewesen ist. Wohnen möchte er aber nicht hier, die Stadt ist ihm zu groß. In seinem Heimatort hingegen fühlt er sich pudelwohl, er liebt Pflanzen und erzählt begeistert, dass er für das Geld vom Dreh bald ein eigenes Gewächshaus bekommt.

Obstgemetzel im Berliner Apartment

Hape Kerkeling hat über Julius gesagt, er „hat Witz, Charme und ist sehr talentiert“.

Der erwachsene Kerkeling, der sich aus dem Casting weitestgehend herausgehalten haben soll, hat über Julius gesagt, er „hat Witz, Charme und ist sehr talentiert“. Wird der Junge aber auch den ernsten Szenen gewachsen sein? Wie führt man ein argloses Kind heran an Themen wie familiäre Gewalt, Depression und Tod? „Mit Kindern ist es eine ganz andere Arbeit als mit Erwachsenen“, sagt Caroline Link. „Mit dem kleinen Hape habe ich die Szene geprobt, in der er neben der sterbenden Mutter liegt, und ihm ganz genau gesagt, was er tun soll – das Kissen krampfartig an seinen Bauch pressen und mit sehr schwacher Stimme nach seinem Vater rufen. Ich habe es ihm vorgemacht, und er hat es nachgemacht. Ich kann von einem Neunjährigen nicht verlangen, dass er sich das Sterben der eigenen Mutter vorstellt. Ich helfe ihm, äußerlich einen verzweifelten Eindruck herzustellen. Ich führe ihn da durch.“

Im Berliner Apartment findet nach dem Pfingstrosenmassaker jetzt ein Obstgemetzel statt. Um seine Mutter zu erheitern, hatte Hans-Peter einst auch auf Gemüse und Früchte gesetzt, doch der Dekorationsrosenkohl, den sich Julius auf die Augen setzen soll, hält nicht. Regisseurin, Choreograph und Hauptdarsteller probieren nun alles aus, was der Garten hergibt. „Wie findest du das?“, fragt Link, die sich Mohrrübensticks wie Seeelefantenzähne zwischen Lippe und Zähne geklemmt hat, doch das tut Julius weh, er isst die Möhren lieber auf. Petersilie hinter den Ohren und zwischen Nase und Mund sieht auch ganz lustig aus. „Versuch mal ’ne Erdbeere“, bittet Link, und Julius meint: „Das habe ich vorhin schon gemacht, ich hab’ die glitschig gequetscht mit meinem Auge.“ Bei Link selbst halten die Erdbeeren auch nicht, und als sie sie an den Jungen weiterreicht, sagt der: „Nee, die sind jetzt carolinifiziert.“

Ins Kino kommt der Film vermutlich im Dezember 2018, neben Julius Weckauf werden unter anderem Luise Heyer, Sönke Möhring, Joachim Król und Diana Amft zu sehen sein. Für den Dreh, der sich von diesem Juli bis in den September hinziehen wird, hat Julius seine Sommerferien opfern müssen, dafür erlebt er anderes Schönes. Weil Kerkelings Oma diesem einst ein Pferd kaufte, wird Julius zum Beispiel reiten lernen. Und als Caroline Link ihn fragt, ob er beim letzten Treffen mit der Sprachtrainerin eigentlich geübt habe, nicht mehr ganz so hoch zu sprechen, sagt Julius mit ganz tiefer Stimme: „Dooch.“

Wenn nicht alles täuscht, wird das Publikum an dem neuen Hape Kerkeling seine Freude haben.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 29.07.2017 18:25 Uhr