21.06.2010 · Ein Jahr nach dem Tod des „King of Pop“ sind Verschwörungstheoretiker mehr und mehr davon überzeugt, dass Michael Jackson keines natürlichen Todes gestorben ist. Nun steht Jacksons Arzt vor Gericht.
Von Christiane Heil, Los AngelesSchon seit Tagen hört Erin Jacobs nur noch „Don't Walk Away“, eine der schwermütigsten Balladen ihres Idols Michael Jackson. Der Trennungsschmerz, die abgeklärte Hoffnungslosigkeit und auch die geplatzten Träume, die Jackson in dem autobiographischen Titel besingt, scheinen dem Gefühlschaos der Kalifornierin ein Jahr nach dem Tod des „King of Pop“ in allen Nuancen zu entsprechen. „Ich muss weiterhin jeden Tag hart daran arbeiten, mich von der Trauer nicht unterkriegen zu lassen“, gesteht die Zweiundvierzigjährige, die ihren Wehmut hinter einem besonders robusten Auftreten und einer verspiegelten Sonnenbrille zu verbergen sucht. „Fast wie Michael.“
Seit dem Tod des Musikers, der vor zwölf Monaten nach einer Überdosis des Narkotikums Propofol in Kombination mit einem Medikamentencocktail in Los Angeles starb, steht das Leben der alleinstehenden Reiseveranstalterin auf dem Kopf. Dabei war ausgerechnet der 25. Juni 2009, an dem Dutzende von Hubschraubern über Jacksons Villa in den Holmby Hills kreisten, während die Rettungskräfte mit dem bewusstlosen Künstler ins Krankenhaus rasten, ausgesprochen ruhig an ihr vorübergegangen. „Ich war auf einer Klettertour im Dschungel von Costa Rica. Auf einem Vulkan und ganz ohne Internet oder Handy“, erinnert sich Jacobs. Als sie jedoch am nächsten Tag ins Hotel zurückkehrte und den Computer einschaltete, holte die Nachricht von Jacksons Tod sie umso heftiger ein. Nach einer panischen Recherche über die Details der Tragödie schlug das anfängliche Entsetzen fast augenblicklich in grenzenlose Wut um. Das pietätlose, unterdessen berühmte „letzte Foto“, das den leblosen Jackson an Schläuchen und Maschinen bei der Einlieferung ins Krankenhaus zeigt, empörte Jacobs fast ebenso wie die ständig neuen Spekulationen über die Todesursache. Hatte der Fünfzigjährige etwa zu viele Drogen konsumiert? Starb er an den Folgen der angeblich bei ihm diagnostizierten Autoimmunschwäche Lupus? Oder hatte den vereinsamten „Jacko“ gar der Druck der Organisatoren seiner geplanten Comeback-Tour „This is It“ zum Selbstmord getrieben?
„Die ersten Tage nach seinem Tod habe ich wie in Trance verbracht und ständig gegrübelt“, erzählt Jacobs. Besonders quälten sie dabei die Ungereimtheiten um Jacksons Hausarzt Conrad Murray. Da der „King of Pop“ seit Jahren unter chronischen Schlafstörungen litt, ließ er sich von Murray regelmäßig das Propofol injizieren, ein Sedativ, das eigentlich nur bei Vollnarkosen verabreicht wird. Auch unmittelbar vor Jacksons Tod hatte der Kardiologe dem „berühmtesten Mann der Welt“ eine Spritze mit der milchigen Flüssigkeit gesetzt. „Michael wurde ermordet, weil er tot mehr wert ist als lebendig“, glaubt Jacobs und spielt damit auf die Gerüchte über den vermeintlich fahrlässigen Umgang des „This is It“Konzertveranstalters AEG mit Jacksons fragiler Gesundheit an. Wie verschiedene amerikanische Internetdienste vor wenigen Tagen berichteten, hat Michael Jacksons Vater Joe mittlerweile einen Anwalt beauftragt, der das Unternehmen pünktlich zum ersten Todestag seines Sohnes verklagen soll. AEG habe gewusst, so Jackson senior, dass Michael drogenabhängig und krank gewesen sei, habe ihn aber dennoch zu erschöpfenden Proben für die geplante Tour gezwungen und ihm dabei Hausarzt Murray für 150000 Dollar monatliches Honorar zur Seite gestellt.
Auch Jacobs glaubt an ein ungutes Zusammenspiel des Konzertveranstalters mit Murray. Bei ihrer Rückkehr aus Costa Rica in das malerische Yorba Linda südlich von Los Angeles richtete sie deshalb umgehend die Internetseite „justice4mj.com“ ein, die sich seit September zur Anlaufstelle für Tausende von Jackson-Anhängern entwickelt hat. „Wir sind Fans aus allen Teilen der Welt, die Gerechtigkeit für Michael Jackson fordern“, heißt es dort. Die Hoffnung auf „justice for Michael“ hat Jacobs auch in der vergangenen Woche wieder zum Obersten Bezirksgericht von Los Angeles County geführt. Mit ein paar hundert Fans wartete sie am Montag stundenlang vor dem Gebäude auf den Prozessbeginn gegen den 57 Jahren alten Murray, den die Staatsanwaltschaft im Februar wegen fahrlässiger Tötung angeklagt hat. „Nur ein einziger Anklagepunkt“, schimpft Jacobs und vergleicht das Verfahren mit dem wegen des ehemaligen Playmates Anna Nicole Smith. Für den Tod des texanischen Models, das nach einem Notruf leblos in einem Hotel in Florida gefunden wurde, müssen sich ihr Freund Howard Stern und zwei Ärzte von August an zu fast zwei Dutzend Anklagepunkten in Los Angeles verantworten. Das Trio soll Smith jahrelang illegal mit Medikamenten versorgt haben. Dem kalifornischen Justizminister Jerry Brown, der anfangs versichert hatte, die Causa Jackson ebenso unnachgiebig zu verfolgen wie Smiths Tod, wirft Jacobs mittlerweile Verschleppung und Lethargie vor. „Sein Versprechen, gegen die Verantwortlichen vorzugehen, war ein reines Lippenbekenntnis“, glaubt sie. Als Richter Michael E. Pastor am Montag nach der knapp einstündigen Verhandlung zudem den Antrag ablehnte, Murray in Kalifornien vorläufig die Approbation zu entziehen, und auch noch einer weiteren Vertagung des Prozesses bis Ende August zustimmte, traten Jacobs unter der Sonnenbrille die Tränen in die Augen.
Engelsgleiche Züge
Mit der Präsenz in Gerichtssälen, Internetforen und Nachrichtensendungen wollen Jacobs und ihre Mitstreiter auch der Wiederkehr von Negativschlagzeilen entgegenwirken, die Jacksons Tod vor einem Jahr in den Vereinigten Staaten ausgelöst hatte. „Obwohl Michael 2005 in Santa Barbara freigesprochen wurde, porträtieren ihn viele Medien posthum wieder als pädophiles Monster“, klagt Jacobs. Für die gebürtige Kalifornierin, die als Zwölfjährige ihr erstes Jackson-Konzert in einem Stadion in Los Angeles besuchte und danach die Wände ihres Zimmers flächendeckend mit Postern ihres Idols beklebte, trägt der Sänger dagegen engelsgleiche Züge: „Er hat die Menschen mit seiner bescheidenen Art verzaubert und ihnen geholfen, wo er nur konnte.“ Die Liste von Jacksons Spenden für wohltätige Zwecke ist tatsächlich so lang, dass das Guinness-Buch der Rekorde den Megastar nicht nur wegen seiner musikalischen Höchstleistungen in den vergangenen 25 Jahren gleich mehrfach aufführte. Auch das karitative Engagement des umstrittenen Musikers gilt bis heute als einmalig. Kein Prominenter hat nach Information der britischen Rekordbeobachter mehr Geld für Aids-Forschung, Krebstherapien für Kinder oder die „Heal the World Foundation“ gespendet als Jackson. Die Jahrtausendausgabe des Guinness-Buchs ehrte ihn denn auch als „Popstar, der die meisten Wohltätigkeitsorganisationen unterstützt“.
Zu der sprichwörtlichen „cash cow“ ist der Musiker aber erst durch seinen Tod geworden. Seine bemerkenswert geschäftstüchtigen Nachlassverwalter haben in den vergangenen zwölf Monaten mehr Profit gemacht als die bis dahin rekordverdächtigen Finanzexperten des verstorbenen Elvis. Wie der englische „Mirror“ meldete, sollen die Anwälte John Branca und John McClain fast eine Milliarde Dollar erwirtschaftet haben, die später voraussichtlich Michael Jacksons Kindern Prince Michael, dessen Schwester Paris und Prince Michael II zugutekommen werden.
Ungebrochenes Nähe-Bedürfnis zu Jackson
Kritiker befürchten einen Ausverkauf. Schon vier Tage nach Jacksons Tod erschien die CD-Sammlung „The Collection“, die mittlerweile sechs Millionen Mal verkauft wurde. In den nächsten Monaten folgte die Veröffentlichung des Films „This is It“, wurden die Rechte von verschiedenen Jackson-Produktionen an Sony Music für etwa 250 Millionen Dollar abgetreten. Nicht zu vergessen die lukrative Kooperation mit dem kanadischen Zirkusriesen „Cirque du Soleil“, der mit einer Realityshow und abendlichen Aufführungen im Spielerparadies Las Vegas bei den Fans die Erinnerung an „Jacko“ wachhalten will.
Jacobs, Jacksons selbsternannter „Hardcorefan“ aus Yorba Linda, widmet sich derweil der Pflege des Mausoleums auf dem Friedhof Forest Lawn in Glendale bei Los Angeles. Bewunderer aus aller Welt schicken ihr jeden Monat etwa 400 Briefe und Päckchen, die sie am Dritten jedes Monats vor der Tür des Mausoleums „Holly Terrace“ dekoriert. Unter trauernden Fans in Los Angeles gilt der Tag inzwischen als fester Termin, um einander Trost zu spenden und Neuigkeiten auszutauschen. Neben gelben Sonnenblumen, den Favoriten des Pop-Idols, zieren meist Dutzende von Plüschtieren, Kerzen und stapelweise Briefe den Eingang zu der Grabstätte. Dass das Bedürfnis der Fans nach der Nähe zu Jackson nach seinem ersten Todestag abnehmen könnte, schließt Jacobs aus. „Solange der Prozess gegen Murray nicht abgeschlossen ist, müssen wir zusammenhalten“, sagt die Kalifornierin mit einem Blick gen Himmel. Und seufzt: „We are here for you, Michael.“
Diese Fans sind seelisch ärmere Menschen...
Marco Berg (Kommentar.exe)
- 21.06.2010, 19:27 Uhr