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Kida Ramadan im Interview : „Die Leute denken, ich bin ein böser Mensch“

Kida Ramadan: „Ohne Selbstbewusstsein kannst du alles vergessen.“ Bild: Helmut Fricke

Vom Flüchtlingskind in Kreuzberg zum Anwärter auf den Deutschen Fernsehpreis: Kida Ramadan spricht im Interview über Gangstergeschichten, Gentrifizierung, Deutsche auf dem Bouleplatz und seine Wut auf die AfD.

          Herr Ramadan, wann haben Sie das letzte Mal Boule gespielt?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Puh ... Vor einem Jahr. Aber nur eine halbe Stunde. Die Leute gehen mir auf die Eier. Sind zu verbissen, können nicht verlieren. Das war früher schöner. Wir sind aus dem Libanon geflohen und aus dem Asylantenheim nach Kreuzberg gezogen. Direkt vor dem Haus gab es eine Boulebahn. Das war eine Anlaufstation im Sommer. Wir haben mit Akademikern gespielt, Politikern.

          Was haben Sie dabei über die Deutschen gelernt?

          Dass sie sehr verbissen sind, sehr diszipliniert und ehrlich auf eine Art. Das war ein super Kontrast zu meiner arabischen Community. Ich habe mit meinem Bruder ganz Deutschland abgeklappert. Ich kenne jedes verdammte Dorf. Zwei- bis dreihundert Mark haben wir jedes Wochenende gewonnen. Mein Bruder ist richtig gut, einer der besten im Land, heute noch.

          Für Ihre Rolle als Boss eines kriminellen libanesischen Familienclans in der Serie „4 Blocks“ sind Sie als bester Schauspieler für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Auch in Ihrem neuen Film „Nur Gott kann mich richten“ spielen Sie einen Gangster. Was gefällt gerade Akademikern so an Gangstergeschichten?

          Das ist ein Mythos, den man kennt, aber die Tür ist sonst zu. Jeder findet es doch geil, wenn du einen Gangster als Freund hast, damit wird in der Bar geprahlt: Ich kenne den coolsten Typen. Mich fragen die Kids auf der Straße nach Jobs. Ich bin aber nur Schauspieler. Meine Kinder gehen auf die Montessori-Schule. Ich zahle meine Steuern wie ein deutscher Mann. Ich sag den Kids: Nehmt das nicht als Vorbild, das ist alles fiktiv. Ich kann auch einen Bademeister spielen.

          Kinotrailer : „Nur Gott kann mich richten"

          Aber Sie kennen das Milieu, haben mit fast allen deutschen Gangsterrappern gedreht. Viele von denen sind vorbestraft. Da ist der Übergang zwischen Wahrheit und Fiktion fließend. Hat das keinen schlechten Einfluss auf die Jugend?

          Doch, auf jeden Fall. Bei mir ist irgendwie immer ein Rapper dabei, wenn ich drehe. Dabei bin ich nicht so Fan von „Ich ficke deine Mutter“- oder „Ich verkaufe das Kokain“-Rap. Das verführt die Kinder. Bessere Vorbilder sind Leute wie Franck Ribéry, die es durch ihren Ehrgeiz geschafft haben, aus einer schwierigen Situation heraus ihren Traum zu verwirklichen. Nicht aufhören zu träumen – das will ich den Kids weitergeben.

          Wie ist es, wenn Sie heute durch Kreuzberg laufen?

          Die Leute denken, ich bin ein böser Mensch. Dann schnappe ich mir sie und sage: Was ist los? Hast du Angst vor mir? Ich kläre sie auf, ich will, dass die wissen, dass ich ein guter Typ bin – und kein Gangster. Aber wer meine Filme sieht, der liebt mich als Gangster. Ich bringe zehn Leute um und du liebst mich dabei.

          Ist das ein Segen oder ein Fluch? Wahrscheinlich müssen Sie Ihr Leben lang den Gangster spielen.

          Kein Problem damit, Bruder. Roger Federer spielt auch immer dasselbe Tennis und gewinnt jedes Turnier. Wenn du der Beste bist, wirst du gebucht. Du kannst Ronaldo nicht auf die Ersatzbank setzen.

          Wie wichtig war Selbstbewusstsein auf Ihrem Weg?

          Ohne Selbstbewusstsein kannst du alles vergessen. Wenn du in der Ecke sitzt und rumheulst, passiert nichts. Ich bin mit sieben Jahren in den Fußballverein gekommen und habe gesagt: Ich bin jetzt Kapitän. Das war ich bis zu meinem 16. Lebensjahr. Als mich ein Sozialarbeiter mit 19 gefragt hat, ob ich in seinem Film mitspiele, habe ich gesagt: „Digga, ich bin der Beste. Ich bin Schauspieler.“ Beim Cast habe ich alle an die Wand gespielt, die anderen waren meine Tischtennisbälle. Bevor meine Mutter weint, weint deine Mutter – so ist das bei uns, ich bin Kreuzberger Junge.

          Wie sah Ihre Kindheit in Kreuzberg aus?

          Ich habe auch kriminelle Freunde gehabt, das war halt das Umfeld. Aber kurz bevor es angefangen hat zu brennen, bin ich immer abgehauen. Die anderen hatten Geld von ihren Einbrüchen oder was auch immer – aber ich konnte meinen Eltern weiter in die Augen gucken. Das war mir wichtiger. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Sie hatten einen weiten Weg auf sich genommen, um ein neues Kapitel aufzuschlagen. Da kann ich nicht als Krimineller im Knast sitzen, und meine Mutter wartet auf mich und heult.

          Sie haben in der neunten Klasse die Schule abgebrochen und danach bei Ihrem Vater im Restaurant gekellnert. Wie muss man Sie sich als Kellner vorstellen?

          Das war eine gute Schauspielschule. Wir haben uns als Argentinier ausgegeben, ich hieß Julio. Mir war das zu langweilig, die Leute zu bedienen, ich habe die immer auf den Arm genommen: Schau mal das Fleisch, das kommt aus einem argentinischen Dorf, die Kuh war noch Jungfrau. Da waren die ganz beeindruckt. Alles Psychologie, Placebo. Ich habe an jedem Tisch zehn Mark Trinkgeld rausgeholt: „Du bist Hertha-Fan? Ich auch, Bruder!“

          Oben angekommen: Kida Ramadan (links), Moritz Bleibtreu (mitte) und Edin Hasanovic auf dem roten Teppich vor dem 45. Deutschen Filmball im Bayerischen Hof in München.
          Oben angekommen: Kida Ramadan (links), Moritz Bleibtreu (mitte) und Edin Hasanovic auf dem roten Teppich vor dem 45. Deutschen Filmball im Bayerischen Hof in München. : Bild: dpa

          Wann konnten Sie von der Schauspielerei leben?

          Mein erster Film ist gefloppt. Ich bin in ein schwarzes Loch gefallen. Ich war ein Nichts. Ein Produzent hat gesagt: Ich rufe dich irgendwann an. Ich saß 24 Stunden vor dem Telefon, ich bin nicht mehr raus gegangen. Nach zwei Monaten kam der Anruf: „Wir schicken dir jetzt mal ein Buch zu.“ Zehn Tage habe ich jeden Tag den Postboten genervt: „Hast du was für mich?“ Nichts. Als es endlich kam, habe ich es verschlungen und angerufen: „Wann soll ich kommen?“ Danach hat Deutschland langsam verstanden: Der Libanese kann es. Jetzt kommt ein Buch nach dem andern, ich kann sagen: „Ja, nein, nein, ja, vielleicht.“

          Ihnen hat ein Sozialarbeiter den Weg in die Schauspielerei geebnet. Kann man mit Sozialarbeit etwas erreichen in Problemvierteln?

          Und wie! Mich hat das gerettet. Wir hatten Jugendhäuser, damit die Kids nach der Schule auf der Straße keine Scheiße bauen. Wir haben Kicker gespielt, Tischtennis, sind schwimmen gegangen, haben irgendwas mit Ton gemacht, gemalt und so. Ich habe das geliebt. Heute geht es nach der Schule in die Shisha-Bar, den Späti oder Haschisch kaufen. Geld wegzuschmeißen für allen möglichen Mist, das können die Menschen, aber für die Kids wird nichts mehr gemacht. Wir haben früher die neuesten Brettspiele gecheckt. Heute gehen die Kids in die Shisha-Bar und fragen, welcher Tabak grade draußen ist. Jeder Dreizehnjährige hat ein Messer in Berlin. Wir hatten Tischtennisschläger.

          Wie erleben Sie als ehemaliger Flüchtling die Aufregung um Flüchtlinge?

          Früher gab es keine sozialen Medien, da wurde nicht so ein Trara um die Flüchtlinge gemacht. Wir hatten es schwer, aber es gab diese Hetze nicht. Die Leute, die hierher fliehen vor Krieg und Terror stehen so krass unter Druck. Und wer die Hetzer beleidigt, macht sie nur größer. Deswegen schnappe ich mir diese AfD-Typen lieber direkt und sage: Lass uns ein Diktat machen, ich mach' weniger Fehler als du. Lass uns zu „Wer wird Millionär“ gehen, ich komme weiter als du. Lass uns schauen, wer mehr Steuern gezahlt hat. Wer ist mehr Deutscher? Ich scheiße auf die AfD.

          Eben haben Sie noch gesagt: Mit Beleidigungen macht man Populisten erst groß.

          Ja, deswegen sage ich es den Typen sonst nur direkt. Ich habe nicht das Leid gesehen, das mein Vater im Bürgerkrieg im Libanon gesehen hat. Ich war drei Monate alt, als wir hier ankamen. Aber er musste mit uns das Land verlassen, sonst wären wir gestorben. Das macht man nicht zum Spaß. Es ist nur Glück, wo du geboren wirst. Und hier in der Bar, in der wir gerade sitzen, ist Platz für 20 Leute mehr. Wie kann ich da sagen: Du darfst hier nicht rein.

          Ärgert es Sie nicht besonders, wenn Flüchtlinge hier kriminell werden?

          Das kann genauso ein Finne sein, ein Südkoreaner, ein Chinese. Wenn dieser Mensch schlecht ist, ist dieser Mensch schlecht. Aber ich mache keine Kategorien auf: Skandinavier sind dreckig, Flüchtlinge sind Diebe, Libanesen sind Drogenhändler. So denke ich nicht.

          Ein anderes Reizthema, das Sie am eigenen Leib erlebt haben, ist die Gentrifizierung. Wie war das in Kreuzberg?

          Brutal, Bruder. Mein Vater hat unser Haus selbst mitgebaut. Jetzt kriegst du in der Straße keine Dreizimmerwohnung für weniger als 2000 Euro im Monat. Das ist die teuerste Straße Berlins. Am Anfang habe ich mich über diese Lactosefrei-Fanatiker, Ingwertee-Trinker und Ei-im-Glas-Esser aufgeregt. Aber es ist alles okay. Ich kann nicht entscheiden, ob ein Mensch seine Hose hochzieht bis zur Brust. Jeder wie er will.

          Sie haben früh Kinder bekommen, heute haben Sie fünf. Das ist zumindest für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich.

          Wenn du Deutsche fragst, warum hast du keine Kinder, sagen die: Ich will erst mal Karriere machen. Was für Karriere, frag ich: Du sitzt Zuhause vorm Laptop, keine Ahnung, was du machst. Und deswegen willst du keine Kinder? Die haben einfach keine Eier. Ein Kind kannst du immer machen, wo ist das Problem? Wenn du deine Frau liebst, wenn du Kinder liebst, dann machst du welche. Egal ob du 20 oder 35 bist. Wenn es nach mir ginge, würde ich jedes Jahr ein Kind machen. Aber meiner Frau reicht es. Und sie ist die beste Frau der Welt.

          Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist bei Ihnen auch enger, oder?

          Naja, das ist auch so ein Klischee. Ich glaube, auch deutsche Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder mit 18 ausziehen. Die Kids wollen ihr scheiß MDMA nehmen, ihr scheiß Speed ziehen und morgens besoffen nach Hause kommen. Kein Vater sagt: Du bist 18, jetzt geh mal. Wenn mein Kind mein Leben lang bei mir bleibt, ich meine Tochter jeden Tag sehe: Das wäre das Schönste auf der Welt.

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