31.01.2012 · Die „Kelly Family“ will ihre Wasserburg Gymnich loswerden – doch die angesetzte Zwangsversteigerung schlug erst einmal fehl.
Von Reiner Burger, BrühlWarum der Balthasar-Neumann-Platz in Brühl Balthasar-Neumann-Platz heißt, erschließt sich jedenfalls architektonisch nicht auf den ersten Blick. Die weitläufige, betonbepflasterte Fläche ist so hermetisch von Plattenbauten umstellt, dass der große Barockbaumeister und auch sein kaum 300 Meter entferntes Schloss Augustusburg in phantastische Fernen entschwunden sind. Wäre nicht auch das Amtsgericht am Balthasar-Neumann-Platz 3, kein Mensch würde hier gar einen Gedanken an Schloss Gymnich in Erftstadt verschwenden, das Neumann, während er Schloss Augustusburg in Brühl baute, parallel und sozusagen „schwarz“ auf den Resten einer ehemaligen Ritterburg errichtet haben soll.
Die geballte mediale Aufmerksamkeit sichert Gymnich am Dienstagmorgen allerdings nicht der Name Neumann, sondern der Name einer gewissen Familie Kelly, die darum bemüht ist, Gymnich im Zuge einer Zwangsversteigerung loszuwerden. Saal acht ist einer der größeren Säle des Brühler Amtsgerichts. Doch sind so viele Interessenten zu dem Termin gekommen, dass Rechtspflegerin Andrea Zaverberg einfach die große Flügeltür offen lässt. Für die Fotografen und Kamerateams ist das ein überaus fairer Kompromiss, denn vom Türrahmen aus können sie anders als sonst bei Gericht üblich die ganze Zeit Aufnahmen machen. Und so ist auch sichergestellt, dass die kleinen Show-Einlagen, die sich der 39 Jahre alte Joey Kelly ausgedacht hat, fotografisch dokumentiert werden können.
Schloss Gymnich, das eigentlich kein Schloss, sondern eine Wasserburg ist, war vor 14 Jahren von Dan Kelly, dem Oberhaupt der singenden „Kelly Family“ ebenfalls im Rahmen einer Zwangsversteigerung am Amtsgericht Brühl für 6,7 Millionen Euro erworben worden. Dan Kelly und seine weitläufige Familie lebten eine Zeitlang in schöner Eintracht in dem Anwesen. Für die alteingesessenen Gymnicher allerdings war das keine einfache Zeit. Horden von Fans nervten die Anwohner. Vor allem junge Mädchen lauerten sommers wie winters vor dem Schlosseingang. Und weil es keine Toiletten gab, verrichtete manch hartgesottener Fan sein Geschäft einfach in einem der Vorgärten der Anwohner. Auch dieses Problem löste sich von selbst, als ein Kelly-Kind nach dem anderen auszog, um eigene Wege zu gehen. 2002 starb dann Dan Kelly. Seither versuchen die Kelly-Geschwister vergeblich, das Anwesen zu verkaufen. Auch auf eine Nachnutzung konnten sich die Kellys nicht einigen. Bei so vielen Miteigentümern sei es nicht leicht, sich zu einigen, gab Joey Kelly vor ein paar Tagen einer Nachrichtenagentur zu Protokoll. Neben ihm und seinen acht leiblichen Geschwistern hätten auch noch drei Halbgeschwister einen Teil von Gymnich geerbt.
Ungetrübten Glanz gab es in der jüngeren Geschichte Gymnichs nur in der Zeit von Anfang der siebziger bis Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. 1973 mietete die Bundesregierung das gut 40 Kilometer von Bonn entfernte ochsenblutfarbene Backsteinschloss vom damaligen Eigentümer Jörg Freiherr Holzschuher von Harrlach, um ausländische Staatsgäste einigermaßen standesgemäß unterbringen zu können. Zwei Tage dauerte es jeweils, bis das Miet-Schloss zur umfassend servicefähigen Staatsherberge ausgebaut war, denn nicht nur die roten Läufer, das Podest, auf dem Gast und Gastgeber die Hymnen anhörten, musste jeweils herangeschafft werden, sondern auch jedes einzelne Glas. Doch auf Extrawünsche ging man ohne Umschweife ein. Als Breschnew erwartet wurde, ließ das sowjetische Protokoll wissen, der Staatschef benötige zur Nachtruhe viele Kissen. Auch Georges Pompidou, König Olaf von Norwegen, der rumänische Staatschef Ceausescu, die amerikanischen Präsidenten Nixon und Reagan betteten ihre Häupter in Gymnich.
Jörg Freiherr Holzschuher von Harrlach genoss den Glanz - und war doch unzufrieden. Der Mietzins, den ihm die Regierung zahle, decke kaum seine umfangreichen Aufwendungen, klagte er. Schlösser seien der Grund für den sozialen Abstieg vieler Adeliger. „Ich hatte keine Lust, mich an ein solches standesgemäßes Ding zu klammern, wenn die Unterhaltung meines Schlosses mein Vermögen aufzehrt“, sagte der Freiherr schließlich, als er Gymnich 1987 an einen japanischen Investor verkaufte. Aber auch der Japaner wurde mit dem Schloss nicht glücklich und veräußerte es an ein Wiesbadener Unternehmen - das wenig später Insolvenz anmelden musste.
Nun bringt Joey Kelly vor, die laufenden Kosten für das Gebäude seien „unwirtschaftlich“ für seine Familie. Auch deshalb habe er die Zwangsversteigerung forciert. Um so verblüffender ist, dass Kelly am Dienstag im Amtsgericht, wo er zunächst in Trainingsjacke, kurzer Trainingshose und mit einer roten Kappe auftritt, ein Gebot abgibt. Rechtspflegerin Zaverberg prüft eingehend seine Papiere und verkündet dann, ein Joseph Maria Kelly sei bereit, 1,7 Millionen Euro zu bezahlen. Während Kelly den Raum verlässt, schaut Frau Zaverberg erwartungsfroh in die Reihen. Doch vergeblich, niemand sonst will bieten. Kurz bevor die vorgeschriebene 30-Minuten-Frist verstrichen ist, erscheint ein nun in einen Nadelstreifenanzug gehüllter Joey Kelly. Dann gibt die Rechtspflegerin bekannt, dass die Versteigerung gescheitert ist, weil nicht wie vorgeschrieben die Hälfte des ermittelten Verkehrswertes in Höhe von 5,3 Millionen Euro erzielt wurde. In drei bis sechs Monaten werde das Gericht einen weiteren Termin ansetzen, bei dem die Hürde dann nicht mehr gelte.
Joey Kelly will dann leider weder etwas zu seinem kleinen Auftritt noch zu seinen Gymnich-Absichten sagen. Will er wirklich bald allein Schlossherr sein? Mit scharfem Schritt stürmt er aus dem Gericht auf den Balthasar-Neumann-Platz. Irgendwo zwischen den Marktständen mit Wurst und Gemüse und dem Bäckerwagen aus der Eifel verliert der Medienpulk den Anschluss.
Schnäppchen
Alexander Hemp (Widerstaendler)
- 01.02.2012, 09:11 Uhr