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Veröffentlicht: 04.11.2010, 13:48 Uhr

Keith Richards Machen Sie das bloß nicht nach!

Sex, Drogen und Rock'n'Roll: Keith Richards' Memoiren bieten das, was vom Stones-Gitarristen zu erwarten ist. Und sie erweitern die Sicht auf eine Ära, denn sie zeigen, dass es neben den großen Überlebenden des Rockzirkus auch noch die kleinen gibt.

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© dapd Keith Richards: Am schlimmsten waren die kleinen Mädchen

Am schlimmsten waren nicht die Drogen, nicht die jahrzehntelange Heroinsucht und die furchtbaren Entzüge. Auch nicht die Gewaltexzesse, die verheerenden Autounfälle oder die Wohnungsbrände, in die Keith Richards immer wieder verwickelt wurde. Selbst die vielen Stunden, die der meist wegen Rauschgiftbesitzes verhaftete Musiker auf Polizeiwachen aller Herren Länder verbrachte, mit der düsteren Aussicht, nun endlich doch für lange Zeit einsitzen zu müssen, waren für Richards nicht die misslichste Erfahrung. Am schlimmsten nämlich waren die kleinen Mädchen.

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„Einmal entfesselt, waren sie nicht zu stoppen“, schreibt der Rolling-Stones-Gitarrist in seiner soeben erschienenen Autobiographie „Life“ über die Jahre, in denen die Stones-Mania ihren Höhepunkt erreichte. „Ein Haufen weiblicher Teenager von dreizehn, vierzehn, fünfzehn Jahren, die sich zu einer Gang zusammenrotten - das ist eine unheimliche Macht. Unter dem Eindruck stehe ich noch heute. Diese Mädchen haben mich fast umgebracht, die haben mir Angst eingejagt wie nichts anderes in meinem Leben.“ Einmal wurde Richards so heftig von dieser „Killerwelle aus Lust und Sehnsucht“ überrollt, dass er fast erdrückt wurde und erst wieder erwachte, nachdem die Polizei die Meute zurückgedrängt hatte. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Richards dem Tod ins Auge blickte, nur änderten sich die Bedrohungen: Die hysterischen Mädchen wurden weniger, die harten Drogen mehr.

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Es ist ein unwahrscheinliches Buch, dieses „Life“. Einmal, weil sein Autor im Laufe der Jahrzehnte wenig dafür getan hat, 2010 noch am Leben zu sein. Zum Zweiten war nicht zu erwarten, dass Richards' Gedächtnis intakt genug wäre, um 736 Seiten zu füllen. Zum Dritten hat er, ganz anders als sein Kompagnon Mick Jagger, in seiner Karriere lange den Eindruck erweckt, sich nicht in den Vordergrund spielen zu wollen. Seit jeher gilt Keith als Liebling der „wahren“ Stones-Fans, als unermüdlich schlagendes Herz der Band und Gralshüter des reinen Rock'n'Roll. Dass er mit seinen bald siebenundsechzig Jahren so aussieht, als sei er zu Lebzeiten plastiniert worden, macht ihn nur noch glaubwürdiger - gerade im Gegensatz zu Jagger, dem eitlen und doch schon arg gerupften Gockel mit dem Körper eines Kampfhähnchens.

Buchcover Keith Richards © AP Vergrößern Viele Drogen, Frauen und die Musik: Die Autobiographie von Keith Richards

Am Geld allein dürfte es bei einem Multimillionär wie ihm nicht gelegen haben, dass Richards nun doch sein Mitteilungsbedürfnis entdeckt hat und als dritter Stone nach Bill Wyman (“Stone Alone“, 1990) und Ron Wood (“Ronnie“, 2008) sich selbst ins Licht rückt. Jagger war bei seinem Versuch vor Jahren gescheitert; dass Richards, mit Hilfe seines Koautors James Fox, ans Ziel kam, dürfte ihm kein kleiner Triumph über den liebsten Feind sein.

Legenden leben in ihnen

Schon weil jeder neue Anlauf Jaggers nun als Reaktion, ja als Gegenangriff auf Richards angesehen werden müsste, darf jener nun gewiss sein, das letztgültige Werk über die Stones verfasst zu haben. Das ist gerecht schon deshalb, weil sich um keinen anderen so viele Legenden ranken wie um den unverwüstlichen Keith. Die Leute hätten sich ein Fantasiebild von ihm gemalt, und er werde alles tun, „um ihre Bedürfnisse zu befriedigen“, schreibt er; in jedem von ihnen lebe „ein tobender Keith Richards“, der „Dinge tue, die sie nicht tun können“. Und die, so darf man nach der Lektüre hinzufügen, wohl auch nur die wenigsten tun wollen, weshalb sich der Autor den fürsorglichen Rat „Machen Sie das bloß nicht nach!“ getrost hätte sparen können.

Zugleich liefert er detaillierte Anleitungen - nicht nur fürs Gitarrenspiel, sondern auch zum Drogenkonsum. Mitunter kommen nur noch Pharmazeuten mit, wenn es um Ephedrin, Dexedrin, Mandrax oder Quaalude geht. Drogen zu nehmen, so Richards, sei eine „lebenslange Angewohnheit, die meine Wahrnehmungsfähigkeit verstärkte“ und ihm das Gefühl gab, „alles in den Griff“ zu kriegen. „Mein Überleben schreibe ich nicht nur der erstklassigen Qualität meiner Drogen zu. Ich achtete sehr sorgfältig darauf, wie viel ich nahm“, behauptet er. Es war zu wenig zum Sterben, doch genug für etliche Abstürze, die Richards in der ihm eigenen unverblümten Sprache schildert. Als seine ebenfalls heroinsüchtige Freundin Anita Pallenberg seine Tochter gebar, war Richards nicht bei ihr, sondern ein paar Häuser weiter mit sich selbst beschäftigt. In einer Entzugsklinik.

Kein Sex ohne Liebe

Anders als die frühen Beatles, die durchaus schwiegermütterkompatibel waren, galten die Stones als schlimme Finger, vor denen die Eltern ihre Töchter zu schützen suchten. „Life“ zeigt: Die Eltern hatten verdammt noch mal recht. Wobei sich Richards selbst inmitten der fanverschlingenden Bandkollegen als Romantiker skizziert, der gar nicht weiß, wie man Frauen anbaggert, und Sex ohne Liebe ablehnt: „Häufig ist überhaupt nichts gelaufen. Nur ein bisschen kuscheln und dann die Augen zumachen.“ Manchmal aber lief schon was, und so sehr Gentleman ist Keith dann doch nicht, als dass er schwiege. Weshalb wir lesen dürfen, wie ihm Uschi Obermaier den Ring aus dem Ohrläppchen riss, wie er die Ronettes-Sängerin Ronnie ihre Ehehölle mit Phil Spector vergessen ließ und wie er Anita Pallenberg von seinem zusehends abdriftenden Bandkollegen Brian Jones „befreite“, wie Keith es ausdrückt.

Und dann hat er noch eine persönliche Nachricht an seinen alten Kumpel Mick Jagger, dem er das Buch vorab zu lesen gab: Nicht nur Mick habe mit Keiths' Anita geschlafen, sondern auch er, Keith, mit Micks Marianne Faithfull. Auge um Auge, steiler Zahn um steilen Zahn: So viel Halbstarkengehabe darf es dann immer noch sein unter Großvätern. Und unter Brüdern, denn er und Mick, dieser „aufgeblasene Wichtigtuer“ und „Kontrollfreak“, seien zwar keine guten Freunde mehr, dafür aber Brüder und somit unzertrennlich: „Ich liebe ihn von Herzen.“

Nichts zu verbergen

Er ist in der Tat ein großer Liebender, dieser Keith Richards, der die Musik und die Idole seiner Jugend so hingebungsvoll würdigt wie seine Ehefrau Patti und seine verstorbene Mutter Doris. Seine Kumpel packt er schon rauher an, wenn er sie „fantastische Arschlochfreunde“ nennt. Und wenn er auch sich selbst zum Einzigen stilisiert, der inmitten des ganzen Stones-Wahnsinns der Sechziger und Siebziger - trotz aller Drogen - den Durchblick behielt, so darf man ihm doch zugutehalten, dass er nicht verbirgt, was er genauso gut sein konnte: ein gemeingefährlicher Irrer, der mit Messer und Revolver herumlief und von beidem auch Gebrauch machte. Natürlich nur dann, wenn es angemessen schien, etwa als ihn in Paris kein Taxifahrer mitnehmen wollte.

„Manchmal gerät mein Blut in Wallung, und dann werde ich zornig. Vor meine Augen legt sich ein roter Schleier, und dann bin ich zu allem fähig“, schreibt Richards in einem dieser Anflüge schonungsloser Ehrlichkeit. Erschreckend die Kälte, mit der er noch heute über den unglücklichen Brian Jones urteilt, dessen Leben mit siebenundzwanzig Jahren ein Ende fand. Stones-Bassist Bill Wyman scheint ihm nur ein komischer Kauz, dem er sich ein einziges Mal wirklich nah fühlte: als Wyman ihm neuen Stoff besorgte. Als die „formbarste Persönlichkeit, der ich je begegnet bin“, kommt Ron Wood noch geradezu gut weg. Der einzige Stone, den Richards neben sich selbst und ansatzweise dem hassgeliebten Jagger gelten lässt, ist der Drummer Charlie Watts. Sie waren schon ein kaputter Haufen, diese Rolling Stones, die einer kaum minder kaputten Gesellschaft doch einen unvergesslichen Soundtrack lieferten.

Vater und Sohnbeziehung

In der faszinierenden, furchterregenden Autobiographie des finsteren Helden Keith Richards gibt es gleichwohl eine Lichtgestalt: seinen Sohn Marlon. Der Spross der Junkies Anita und Keith ging statt in die Schule mit auf Tour, wo er wochenlang dieselben Kleider tragen und den zugedröhnten Vater vorm Auftritt wecken musste. Er saß in Keiths Auto, als der wegdämmerte und gegen einen Baum fuhr, und er erlebte mit, wie sich der Liebhaber der Mutter beim Russischen Roulette das Gesicht wegschoss. Marlon, der mit sieben der Aufpasser seines Vaters war, hat heute selbst drei Kinder und, wie Keith bewundernd schreibt, „ein Auge auf alles“. Auch das ist etwas, das Richards' Memoiren ins Blickfeld rücken: dass es neben den großen Überlebenden des Rockzirkus auch noch die kleinen gibt.

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