Home
http://www.faz.net/-gun-77d50
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Katja Kraus im Gespräch Macht-Los

Als erste Frau saß sie in der Chefetage eines deutschen Profi-Fußballclubs. Für ein Buch hat Katja Kraus Mächtige und Entmachtete getroffen. Ein Gespräch über den Rausch und die Last der Macht - und über das Leben, wenn man sie verloren hat.

© Pilar, Daniel Vergrößern Die ehemalige Fußballmanagerin Katja Kraus hat ein Buch über Erfolg, Macht und Privilegien geschrieben.

Frau Kraus, Sie haben ein Buch über Macht und über 17 ehemals Mächtige in Politik, Wirtschaft, Sport und Kunst geschrieben. Aber niemand dieser Mächtigen sagt in Ihrem Buch, dass er tatsächlich Macht hatte - kein SPD-Chef, kein Ministerpräsident, kein Bahnchef, kein „Bild“- oder „Spiegel“-Chefredakteur. Hat Sie das nicht überrascht?

Nein, das kann ich gut verstehen. Macht ist ein abstrakter Begriff, etwas, was sich nicht im Inneren anfühlt. Man sitzt nicht abends zu Hause und denkt: „Heute war ich mächtig.“ Macht wird vor allem von außen zugeschrieben. Hinzu kommt, dass der Machtbegriff mittlerweile so negativ behaftet ist, häufig mit Machtmissbrauch assoziiert wird. Ein vergifteter Orden, den man sich nicht anhängen möchte. Aspekte der Macht jedoch - Entscheidungskompetenz und Gestaltungsspielraum - wollten alle Menschen, mit denen ich gesprochen habe, gerne besitzen.

Sie selbst waren acht Jahre beim Hamburger SV die einzige Frau im Vorstand eines Bundesligaklubs. Haben Sie dort Macht gespürt?

Ich hatte eine Funktion, die mir ermöglichte, Richtungen vorzugeben und Entscheidungen zu treffen - und das auch von mir forderte. Die Macht gehört der Rolle, nicht der Person. Im besten Falle gibt es ein Bewusstsein dafür. Sichtbar wird Macht vor allem in der Begegnung mit Menschen, in deren Verhalten. Auch in der Überhöhung der Funktion.

Besonders in der Rolle als einzige Frau?

Die Exponiertheit war mir immer bewusst, aber auch die Chance, dadurch genauer gehört und wahrgenommen zu werden. Die Ausschläge sind in jedem Fall extremer. Zu Beginn meiner Karriere gab es erhebliche Widerstände, auch verletzende Abwehrreaktionen. Die Jungs haben ihren Spielplatz verteidigt. Das hat sich schnell verändert. Als Vorstand habe ich dann keine offenen Ressentiments mehr erlebt. Eine einflussreiche Position hat auch eine Schutzfunktion.

Welche Gemeinsamkeiten im Umgang mit Macht haben Sie bei Politikern wie Roland Koch, Björn Engholm, Andrea Ypsilanti oder auch Gesine Schwan oder Wolfgang Berghofer entdeckt?

Im Unterschied zu Sportlern, die erst einmal ihrem Talent und ihrer Leidenschaft folgen, haben Politiker oftmals schon relativ früh einen klaren Karriereweg vor Augen. Roland Koch und Ole von Beust etwa wurden von klein auf von ihrem Elternhaus politisch sozialisiert und entwickelten sich dann innerhalb ihrer Parteistrukturen weiter. Klar ist aber auch, dass der Gestaltungsdrang oder der tatsächlich vorhandene Wille, die Welt zu verbessern, irgendwann einhergeht mit Machtanspruch oder später dann Machterhaltungsstrategien. Und damit auch einhergehen muss, wenn er nicht verträumte Ideologie bleiben soll. Dieses Verhalten ist zu Unrecht extrem negativ besetzt.

Woran unterscheiden Sie den klassischen Machtmenschen von einem Menschen mit Macht?

Es gibt natürlich Funktionsträger, die Macht in ihrem persönlichen Interesse ausnutzen. Aber wenn wir über diejenigen reden, die Macht missbräuchlich einsetzen, dann finden wir dafür nicht nur Beispiele unter Bankvorständen und Politikern, sondern in allen Bereichen. Die Etikettierung ganzer Berufsgruppen als verkommene Machtmenschen finde ich menschenverachtend. Wir brauchen diejenigen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Umso mehr, da die Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen und damit messbar zu sein, massiv abnimmt.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schoßgebete im Kino Oh Gott, das darf mein Mann nicht sehen

Die Schönheit von Lavinia Wilson, das Glück der Bonobos und das Mitleid mit den Männern: Charlotte Roche und der Produzent Oliver Berben sprechen über die Verfilmung von Schoßgebete. Mehr

16.09.2014, 13:43 Uhr | Feuilleton
Georgier stemmt 33 Kilo mit Augenlidern

Was die meisten Menschen noch nicht einmal mit starken Oberarmen schaffen, das macht der Georgier Lachyl Abdul Guseynov mit seinen Augenlidern: 33 Kilo stemmt der Georgier bei einem Stunt. Mehr

07.08.2014, 15:00 Uhr | Sport
Datenanalyst Morgenroth Selbst unsere Krankheiten werden zu Geld gemacht

Jeder Datenschnipsel ist heute wertvoll, denn er hilft dabei, ein digitales Profil jedes Menschen zu erstellen. Warum wir in einer total vernetzten Welt alle nackt dastehen: Markus Morgenroth gibt Einblicke in das Geschäft mit unserem Schicksal. Mehr

08.09.2014, 17:23 Uhr | Feuilleton
Keine Gnade für Slum-Bewohner

In Pakistans Hauptstadt Islamabad gibt es mehr als 20 Elendsviertel. Die sind der Stadtverwaltung ein Dorn im Auge: Mindestens 14 von ihnen sollen nun zerstört werden. Die offizielle Begründung: Die Siedlungen seien illegal, die Menschen sollten in regulären Mietverhältnissen leben. Doch selbst Mietwohnungen in den Außenbezirken können sich viele Arme nicht leisten. Und Entschädigungen oder Umsiedlungspläne gibt es nicht. Mehr

08.05.2014, 08:00 Uhr | Politik
Kameramann Michael Ballhaus Dieser Blick liebt die Schauspieler

Er filmte Michelle Pfeiffer auf dem Klavier und drehte mit Fassbinder, Coppola, Scorsese: Der Kameramann Michael Ballhaus hat sie alle gesehen. Ein Gespräch. Mehr

14.09.2014, 16:52 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.03.2013, 10:29 Uhr