23.09.2005 · Die Drogenvorwürfe gegen Supermodel Kate Moss können die Modeszene kaum erschüttern. Keine Party ohne Drogen, behaupten Kenner. Allerdings nutzen viele Firmen den Wirbel, um ihre Werbekampagnen günstig zu erneuern - und die Moss auszubooten.
Kate Moss konsumiert Kokain? Den "Evening Standard" kann das nicht überraschen. Die Londoner Zeitung hat schnell eine Untersuchung parat, die Kate Moss nicht allein läßt. In sechs Toiletten auf vier Modepartys unter anderem von Alexander McQueen und Versace war man erfolgreich. Wissenschaftler, die auch für Polizei und Justiz den Stoff untersuchen, stellten zweifelsfrei fest, daß Spuren von Cannabis und Kokain gefunden wurden. Auf den Partys, die teils auch von Mariah Carey, Bob Geldof, Rupert Everett und Elizabeth Hurley besucht wurden, standen Menschenschlangen vor den bevölkerten Toiletten. Ein Partygänger sagte auf die Frage nach den anwesenden Models: "Nichts Besonderes. Sie sind alle auf Charlie."
Daß Kate Moss Drogen konsumiert haben könnte, überrascht insofern nicht - zumal sie das Gesicht des "heroin chic" war, den der ehemalige amerikanische Präsident Bill Clinton im Jahr 1997 geißelte, und zumal sie mindestens einmal, im Jahr 1999, eine Entzugsklinik aufsuchte. Die größere Überraschung ist die Geschwindigkeit, in der sich die Luxusunternehmen von ihr abwenden. Der öffentliche Druck verselbständigt sich, so daß für manchen Werbepartner weniger entscheidend zu sein scheint, daß die Britin vergangene Woche beim Schnupfen abgebildet wurde. Vielmehr scheint die Absage von H&M zu einem Dominoeffekt geführt zu haben, so daß daraufhin auch Chanel, Burberry und der Juwelier H. Stern aus Rio de Janeiro, dessen Kampagne mit Kate Moss erst Anfang dieses Monats angelaufen war, bis Mittwoch ankündigten, ihre Verträge zu kündigen oder auslaufen zu lassen. Am Donnerstag überprüfte auch das britische Kosmetikunternehmen Rimmel seine Zusammenarbeit mit der Einunddreißigjährigen. Man sei "schockiert und bestürzt" wegen der Presseberichte. Allerdings hatte man zwei Tage zuvor, als die meisten der anderen Marken noch zu dem Model hielten, mitgeteilt, an dem über vier Jahre laufenden Vertrag festhalten zu wollen - nachdem sich Kate Moss öffentlich entschuldigt hatte. Das französische Modehaus Christian Dior, das ebenfalls in seiner aktuellen Kampagne mit dem Gesicht der Britin wirbt, gibt zur Zeit keinen Kommentar zu dem Thema ab.
Werbepartner nutzen Gunst des Augenblicks
In Modelverträgen ist üblicherweise nicht festgelegt, ob der Vertragspartner Drogen konsumieren darf. Anders sieht es aus, wenn die Marke durch das Model in Mißkredit gerät. Die meisten Kenner der Model- und Modebranche hielten sich bisher aber mit einer Meinung zurück, wie weit die Verfehlungen nun gingen. So sagte Günther Klum, Vater von Heidi Klum und Geschäftsführer der "Heidi Klum GmbH" in Bergisch Gladbach, auch andere Gründe könnten ausschlaggebend sein für die so schnell beendeten Verträge. So würden die "Gesichter" von Kampagnen heute schneller ausgetauscht als noch vor wenigen Jahren. Insofern könnten die Werbepartner die Gunst des Augenblicks genutzt haben, Verpflichtungen zu beenden. In diesem Zusammenhang wies Klum darauf hin, daß die Methoden der Paparazzi - 24 Fotografen zählte er allein vor dem Krankenhaus, in dem seine Tochter Anfang vergangener Woche zum zweiten Mal Mutter wurde - rabiater würden. Moss war mit Foto-Handy fotografiert worden, während sie sich mit ihrem Freund Pete Doherty von den "Baby Shambles", der den Konsum von Drogen schon einmal gestanden hatte, zu Plattenaufnahmen in einem Londoner Studio aufhielt.
Kate Moss, die 1988 am New Yorker Kennedy-Flughafen entdeckt wurde und in diesem Jahr mindestens 7,3 Millionen Dollar allein mit ihren Werbeverträgen verdient (daneben absolviert sie auch Laufstegauftritte), ist schon deshalb ein Phänomen, weil sie gleichzeitig für mehrere Kampagnen großer Luxusmarken wirbt. "Das ist ausgesprochen selten in dem Geschäft", sagte die Hamburger Model-Agentin Heidi Gross, die unter anderen Claudia Schiffer und Heidi Klum zu einer internationalen Karriere verholfen hat.
„Sie ist professionell, sie macht ihren Job“
Daß viele Models Drogen konsumieren, um den Streß auszuhalten und ihren Appetit zu zügeln, ist in der Modebranche kein Geheimnis. Zuletzt hatte das ebenfalls aus London stammende Supermodel Naomi Campbell, drei Jahre älter als Moss, in einem Interview für das amerikanische Fernsehen angegeben, daß ihre berüchtigten Wutanfälle auf den Genuß von Kokain zurückzuführen gewesen seien. "Es ist eine sehr gemeine Droge. Man wird leicht reizbar. Der Zauber verfliegt, das Leuchten im Gesicht verschwindet." Eine Selbsthilfegruppe habe ihr schließlich geholfen. Verwundert zeigte man sich daher auch auf der noch bis zum Wochenende laufenden "London Fashion Week" über den plötzlich hochkochenden Skandal. Moss' Freundin Sadie Frost, Designerin des Labels "Frost French", sagte, Moss müsse nun als Sündenbock herhalten und habe das nicht verdient: "Sie ist professionell, sie macht ihren Job, sie kommt pünktlich."
Modelmanagerin Heidi Gross glaubt nicht, daß der Konsum von Drogen ein Phänomen sei, das typisch für die Modelszene ist. "Das ist absoluter Quatsch. Drogen werden überall genommen, außer in der Musikszene auch in Schulen, Diskotheken bis hin zu Vorstandsetagen großer Unternehmen. Das ist nur eine Frage der Persönlichkeit und der Erziehung, ob man sich darauf einläßt." Models wie Schiffer und Klum hätten beispielsweise mit dem Thema nichts zu tun. "Die sind auch ausgegangen und haben getanzt, aber kein exzessives Partyleben geführt. Das kann man sich ohnehin nur schwer leisten, wenn man so viel arbeitet." Auch die Annahme, daß Models Kokain nähmen, um ihren Appetit zu zügeln, hält sie für abwegig. "Die machen wie andere Frauen auch eine Diät, um schlank zu bleiben." In ihrer Agentur halte man ein Auge drauf, ob die Models Drogen nähmen. In den 15 Jahren des Bestehens habe es keinen solchen Vorfall gegeben.