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Katarina Witt Auf der Bühne immer in der Mitte

26.06.2011 ·  Als „Carmen“ lief Katarina Witt im Jahr 1988 die Kür ihres Lebens. Jetzt reist die ehemalige Eiskunstläuferin durch die Welt, um die Olympischen Winterspiele 2018 nach München zu holen. Es ist auch für sie eine neue Chance.

Von Stefan Locke
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Wo ist bloß das Lachen? Schnellen Schrittes durchquert Katarina Witt die Empfangshalle hin zu dem Saal, in dem die Presse wartet. Sie trägt eine schwarze, knapp geschnittene Lederjacke mit silbernen Nieten über einem kurzen, hellgrauen Kleid, ihre großgliedrige Silberkette reicht bis zum Bauch, und ihr dunkles, offenes, schulterlanges Haar rahmt ihr makelloses Gesicht. Katarina Witt sieht perfekt aus, aber sie lacht noch immer nicht. Es ist gerade so, als ob das eigens kreierte Antlitz jetzt noch nicht benutzt werden darf.

Dann geht die Tür zur Pressekonferenz auf, und Katarina Witt strahlt. Alle Kameras sind auf sie gerichtet, verfolgen, wie sie um das Podium läuft und zwischen Thomas Bach, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, und Bernhard Schwank, dem Chef der Münchner Olympia-Bewerbung, Platz nimmt. Beide Herren sind in den Fünfzigern, haben graue Haare, tragen Business-Anzüge und die nahezu gleichen randlosen Brillen. In der Mitte sitzt Witt wie eine Rockerbraut zwischen zwei Beamten. Es sind an diesem Tag noch 41 Tage bis zu der Entscheidung, ob München die Olympischen Winterspiele 2018 ausrichten darf. „Wir freuen uns auf das Finale“, sagt Bach ernst und beginnt einen Endlos-Satz, in dem die Ausdrücke „fiebern“, „warmmachen“ und „heiß sein“ auftauchen, die Stimmung aber tiefgekühlt bleibt.

Dann ist Katarina Witt dran, auch sie bringt nicht alle Sätze zu Ende, aber die meisten münden in ihrem lauten, herzlichen Lachen, das nun auch Bach ansteckt. Er scherzt mit ihr, während die anderen reden, und fast sieht es aus, als sei Witt eigens dafür engagiert, Sportfunktionäre fröhlich zu stimmen. Bei Journalisten klappt das übrigens auch; sie machen ihr Komplimente („Ihr Charme ist ja weltbekannt“), verbunden mit Alibi-Fragen („Woher nehmen Sie die Kraft, durchzuhalten?“). Im Anschluss holen sich einige ein Autogramm oder bitten um ein Foto.

Ihr Gesicht ist ihr wichtigstes Kapital

Ein paar Tage später in Berlin trägt Katarina Witt Jeans und eine leichte Sommerbluse, sie hat ihr Haar zusammengebunden und das Gesicht natürlich geschminkt. Sie sieht jetzt wie ein Mensch aus und weniger wie eine Göttin, und ein Porträt wäre jetzt wirklich hübsch von ihr. Aber sie will sich so keinesfalls fotografieren lassen. Anderthalb Stunden dauere es, um sie für professionelle Termine zu stylen, da könne man jetzt nicht einfach so ein Bild machen. Ihr Gesicht, das hat Katarina Witt verinnerlicht, ist ihr wichtigstes Kapital.

Witt kommt gerade aus Liechtenstein, von den Kleinstaatenspielen, einem Wettkampf der Athleten der kleinsten europäischen Länder. Sie hat dort mit Nora von Liechtenstein, Prinz Albert von Monaco und Jacques Rogge gesprochen – drei von 110 Stimmberechtigten im IOC, dem Internationalen Olympischen Komitee, die am 6. Juli in Durban mit darüber entscheiden werden, ob die Spiele 2018 nach München gehen oder doch nach Peyongchang in Südkorea oder Annecy in Frankreich.

„Es ist eine aufreibende Ochsentour“

Seit anderthalb Jahren ist Witt beinahe rund um die Uhr und weltweit auf solchen Veranstaltungen unterwegs, besuchte die Asian Summer Games, die Commonwealth Games, die Youth Olympic Games. Auch dort trifft sie IOC-Mitglieder und versucht, sie von München zu überzeugen. Im Gegensatz zum Verfahren beim Fußball-Weltverband Fifa dürfen die Bewerber für Olympia die IOC-Wahlmänner und -frauen nicht besuchen und schon gar nicht einladen. Bleiben nur die offiziellen Termine – Sportfeste, Wettbewerbe, Generalversammlungen.

„Es ist eine aufreibende Ochsentour, aber aus dem Koffer zu leben bin ich ja gewohnt“, sagt Katarina Witt. Die schnelle Folge verschiedener Länder, Zeit- und Klimazonen jedoch war auch für sie neu. Einmal, auf dem Weg nach Marrakesch, wollte sie versehentlich schon bei der Zwischenlandung aussteigen; an viele Orte kann sie sich, außer an die Hotellobbys, kaum erinnern.

Olympia ist für die ehemalige Eiskunstläuferin eine neue Chance

Das alles ahnte sie nicht, als vor zwei Jahren Thomas Bach anrief und fragte, ob er sie als Kuratoriumsvorsitzende der Bewerbung vorschlagen dürfe. „Ich war gerade auf dem Crosstrainer und habe spontan ja gesagt.“ Seit sie sich 2008 vom Eis verabschiedet hatte, war es ruhig um sie geworden. Damals hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben kein direktes Ziel und keinen Plan. Ein Eil-Ausflug als Moderatorin der Pro-Sieben-Abnehmshow „The Biggest Loser“ floppte.

So ist Olympia auch für sie eine neue Chance. Doch die Witt für München, eine Sächsin für Bayern – für Uli Hoeneß und Markus Wasmeier war das ein Affront, sie sprachen ihr zunächst schlichtweg die Qualifikation ab. Heute tut das niemand mehr. Die Witt ist das Gesicht der Bewerbung, ohne sie wäre Olympia in Deutschland nach den gescheiterten Versuchen von Berlin und Leipzig wohl wieder völlig chancenlos.

Im Sport hatte sie schon mit Anfang 20 alles erreicht

Witts Eislauf-Kür bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary, als sie zum zweiten Mal Olympiasiegerin wurde, ist weltweit legendär. Bryan Adams schickte ihr Glückwünsche, Robert De Niro Blumen. Sie ist im Ausland mindestens so bekannt wie Franz Beckenbauer, mit dem sie jetzt so häufig verglichen wird. Er holte die WM 2006, sie könnte die Winterspiele 2018 hier möglich machen. Der Vergleich schmeichelt ihr: „Dem Franz gelingt einfach alles. Er lebt auf seinem eigenen Glücksplaneten.“

Dass auch sie vom Glück begünstigt ist, lässt Katarina Witt nicht gelten. „Hinter alldem steckt ja viel Fleiß, Hartnäckigkeit und Ehrgeiz.“ Mit fünf Jahren stand sie erstmals auf dem Eis, mit sieben gewann sie den ersten Titel; ihre Jugend war ein einziger Trainings- und Leistungsdruck, jeden Tag. Mit 22 Jahren war sie zweifache Olympiasiegerin, vier Mal Welt-, sechs Mal Europa- und acht Mal DDR-Meisterin. Sie hatte sportlich alles erreicht. „Es gab da nichts mehr, wofür ich mich noch motivieren konnte.“

Die DDR-Oberen labten sich an ihren Erfolgen und waren in ständiger Alarmbereitschaft. Was, wenn die Witt türmt? Sie bekam ein Auto und eine Wohnung, beides Mangelware, und die Aussicht, mit „Holiday on Ice“ beim Klassenfeind auf Tour zu gehen. Die Amerikaner hatten bereits vor Olympia 1988 bei ihr angefragt. Bring uns das zweite Gold, und wir lassen dich dort auftreten, sagten die Funktionäre. „Das war der Deal und meine größte Motivation für Calgary“, sagt Katarina Witt.

In Kanada und Amerika wird sie bis heute vom Publikum verehrt

Sie plaudert über all das ziemlich frei von der Leber weg, sächselt gelegentlich und amüsiert sich viel, auch über sich selbst. An der Berliner Schauspielschule „Ernst Busch“ sollte sie sich einmal als Übung vorstellen, ein Hund zu sein. „Das ging überhaupt nicht. Ein Hund! Hallo? Ich bin Eiskunstläuferin!“, habe sie gedacht. „Im Sport wächst du nur mit Realitätszwang auf, und plötzlich war so viel Phantasie gefragt – das war für mich eine Riesenüberwindung.“ Ihre Kommilitonen wunderte, wie sie es überhaupt auf die Schule geschafft hatte. „Naja, die Prüfung wurde für mich bestanden. Ich war sicher nicht das Superschauspieltalent.“ Sie interessierte sich auch fürs Friedrichstadtpalast- und Fernseh-Ballett, aber mit 1,65 Metern Körpergröße wäre ihr Platz allenfalls am Rand gewesen. „Und auf der Bühne wollte ich natürlich immer in der Mitte stehen.“

Sie blieb ohnehin nur wenige Wochen an der „Ernst Busch“, dann kam die Tournee in den Vereinigten Staaten, und kurz darauf verabschiedete sich ihr Land von der Weltbühne. Jetzt machte sie das, wovon sie geträumt hatte: eigene Eislauf-Shows kreieren, choreographieren und mit internationalen Stars auftreten, darunter Brian Boitano, Aretha Franklin, Jessica Simpson. Fast 20 Jahre lang war sie damit unterwegs, vor allem in Kanada und Amerika, wo das Publikum sie verehrte. „Für die Amerikaner war ich das Freiheitssymbol, während ich hier in der Wendezeit verbal viel geprügelt wurde.“

Die Sportlerin folgte dem Grundsatz „The sky is the limit“

Vielen galt sie als verhätscheltes SED-Maskottchen, das nun auch noch in Amerika erfolgreich war. Eine Flucht sei ihr Weggang aber nicht gewesen. „In den USA gilt: ‚The sky is the limit.‘ Und das passte zu mir.“ Sie wollte Schlittschuh laufen und machte sich jenseits davon kaum Gedanken, auch später nicht. Die DDR streifte sie ab und zog sie ausgerechnet 2003 wieder über, als im Land der Ostalgie-Wahn grassierte und sie in einer der zahlreichen, aber stets peinlichen Fernseh-Shows mit Zöpfen, blauem Halstuch und Pionierbluse auftrat.

Sie würde das heute nicht mehr machen, aber mit dem Moderieren tat sie sich fortan schwer; ihre Show „Stars auf Eis“ bei Pro Sieben 2007 holte nur schwache Quoten. Im Ausland dagegen blieb sie ein Star. „Oh, there’s Katarina from the Munich 2018 bid“, heißt es heute, wenn sie auf Veranstaltungen auftaucht: Katarina von der München-Bewerbung. „Ihr internationaler Bekanntheitsgrad ist überragend“, sagt Bewerbungs-Chef Bernhard Schwank.

Das Erfolgsgeheimnis so einer Bewerbung, formuliert Thomas Bach, „ist nicht die Qualität der Sprungschanze, sondern die Emotion“. Nur Schönsein allerdings reicht nicht, auch wenn Witt das immer wieder unterstellt wird. „Einige Berichte klingen, als sei ich nicht Kuratoriumsvorsitzende, sondern der Escort-Service der Bewerbung.“ Sie ärgert sich darüber wie verrückt, schon weil sie mühelos Finanzstruktur und Umweltkonzept der Münchner Spiele erläutern kann. Das ist ihr Mindestanspruch, und da sie oft allein reist, kann und muss sie alle Fakten draufhaben.

Katarina Witt will über Leistung definiert werden

„Klar spiele ich damit, eine Frau zu sein, ich verpacke die Dinge eben charmant.“ Aber sie sei nicht das Dummchen vom Dienst und schon gar nicht „die aus dem Osten“: Auch das komme manchmal noch. „Schönstes Gesicht des Sozialismus“ und so, wie man sie früher nannte, das ödet sie so was von an. „Ich finde das auch arrogant. Ich glaube, diese Leute leben im Gestern, an ihnen nagt der Neid.“ Sie hat nach Durchsicht ihrer 1400 Seiten dicken Stasi-Akte per Biographie ihr Leben offengelegt, die Birthler-Behörde hat öffentlich gemacht, dass die Stasi ihr Nussknacker und vergoldete Hirschzähne schenkte, sie hat mit fast allen der auf sie angesetzten Spitzel gesprochen. Sie lebt jetzt genauso lange im Westen wie im Osten, für sie ist das Thema durch. „Ich habe damit komplett abgeschlossen.“

Katarina Witt definiert sich über Leistung, und sie braucht das Publikum. „Ich war bei Wettkämpfen immer besser als im Training. Am Druck bin ich gewachsen.“ Deshalb wollte sie auch nie Eiskunstlauf-Trainerin werden. Der Athlet im Mittelpunkt und sie als Trainerin dahinter? Niemals! Zumal das Eiskunstlaufen heute zwar technisch äußerst anspruchsvoll sei, aber kaum noch emotional berühre. „Da werden eindrucksvoll Vierfach- und Dreifachsprünge kombiniert, aber welche dieser Küren trifft dich mitten ins Herz und bleibt haften?“ Sie gibt die Antwort selbst: „Kaum eine.“ Eiskunstlauf, das waren die Achtziger mit dem „Bolero“ von Torville/Dean und mit ihr als „Carmen“.

Die Kosmopolitin liebt die bayerische Gemütlichkeit

Ohne die Olympia-Bewerbung würde sie es wohl wieder mit der Schauspielerei probieren. In Berlin gab sie bereits in Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ die Buhlschaft, mit durchaus anerkennenden Kritiken. Aber falls es nach dem 6. Juli mit Olympia erst richtig los geht, wäre sie gern dabei. Sie sagt es nicht, aber es ist zu spüren. In München fühlt sie sich jedenfalls wohl. „Mir gefällt die Gemütlichkeit in Bayern, aber ich liebe auch das Schnoddrige an Berlin. Ich sehe mich als Kosmopolit.“

Sie lebt in Berlin-Mitte, in einem Haus mit Mutti und Vati, wie sie ihre Eltern nennt; vor zehn Jahren holte Witt sie aus Chemnitz wieder in die Hauptstadt. Auf dem Oktoberfest war sie natürlich im Dirndl. „Und ich habe ein Wort gelernt: ,Pfürdi‘, oder so. Ich dachte immer, das heißt sowas wie ‚Verpfeif dich!‘, aber es bedeutet ‚Auf Wiedersehen.‘“ Sie überlegt kurz. „Ich grüß’ immer freundlich zurück, aber vielleicht meinen sie ja wirklich ‚Verpfeif dich!‘“ Katarina Witt kriegt sich jetzt kaum ein vor Lachen.

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