http://www.faz.net/-gum-83y0a

Deutsche Kartoffelkönigin : Wenn jemand die deutsche Kartoffel rettet, dann sie

  • -Aktualisiert am

Marie-Kristin Lüdemann, Deutsche Kartoffelkönigin, auf dem Spargelfest in Nienburg an der Weser. Die Kartoffel spielt dort, wie leider so oft, nur eine Nebenrolle. Bild: Jakob von Siebenthal

Die Kartoffellobby heult auf: Die Deutschen essen immer weniger Kartoffeln. Was tun? Zu Besuch bei der Deutschen Kartoffelkönigin lernen wir wenig über die erkaltete Kartoffel-Liebe der Deutschen – dafür umso mehr über das Leben auf dem Land.

          Die deutsche Kartoffel schafft sich ab. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist (Ferdinand Lassalle), darum hier Klartext: Der Verzehr von Kartoffeln geht in Deutschland seit Jahren dramatisch zurück. Mitte der Sechziger aß ein Bundesbürger im Jahr 110 Kilo Kartoffeln, heute bloß noch 58 Kilo, und da sind Pommes und Klöße schon mit drin. Kartoffellobbyisten beklagen, dass die Deutschen inzwischen zu faul zum Kartoffelschälen seien. Nudeln und Reis gibt es im Laden schon geschält. Kartoffeln jetzt auch, aber das sieht eklig aus. Ist die deutsche Kartoffel noch zu retten? Dazu gibt es keine Studien. Das soll die Deutsche Kartoffelkönigin beantworten.

          Wer ihr eine E-Mail schreibt, bekommt umgehend Nachricht von einem Mann. „Ich betreue die Kartoffelkönigin und bin gleichzeitig stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Königinnen.“ Der Mann schlägt Termine vor für ein Treffen mit der Kartoffelkönigin. Zum Beispiel einen Empfang beim niedersächsischen Ministerpräsidenten. Dahinter schreibt er verschwörerisch in Klammern: „Ich könnte Ihnen dort 25 weitere Königinnen aus Niedersachsen bieten.“ Ist die Kartoffelkönigin alleine nicht interessant genug, und was sagt das über die Lage der Kartoffel? Wieder nichts Gutes. Die Hälfte der anderen Termine hat mit Spargel zu tun: Spargelfest, Spargelmarkt. Mode-Gemüse, die Kartoffel nur Beiwerk. Sonst noch: Blütenfest, Mühlenfest. Dort ist die Kartoffel ja noch weiter weg. Dann eben das Spargelfest in Nienburg an der Weser, bekannt für seinen Spargel, unbekannt für alles andere. Der Zug, aus Hannover kommend, bremst im letzten Moment.

          Die Deutsche Kartoffelkönigin spielt beim Spargelfest nur eine Nebenrolle, das hat der Betreuer am Telefon gleich gesagt. Die Spargelkönigin für das nächste Jahr wird gekrönt. Die Kartoffelkönigin darf ihr zur Feier Kartoffeln überreichen. Zuvor gibt es im Garten des örtlichen Spargelmuseums ein Essen, nämlich Spargel mit Kartoffeln. Dampf steigt aus Alu-Pfannen in den spargelfahlen Himmel auf. Die Deutsche Kartoffelkönigin ist noch irgendwo drinnen und zieht sich ihr Königinnenkleid an. Draußen übt der Moderator die Namen der Königinnen, die heute auf der Bühne Geschenke überreichen. Heidekönigin Sophia, Sonnenblumenkönigin Anna, Deutsche Erntekönigin Jenny und, ah, Deutsche Kartoffelkönigin Marie-Kristin. Dann aber: Kartoffelkönig Harm. Wer ist der Mann?

          Antwort weiß der Betreuer der Deutschen Kartoffelkönigin. Er ist mitgereist, um solche Fragen zu beantworten: ein weißhaariger Fußballtrainertyp mit Blousonjacke und der Gelassenheit eines Menschen, der nicht im Internet diskutiert. Die Antwort lautet: Es gibt verschiedenste Kartoffelköniginnen in Deutschland, zum Beispiel die Rheinische Kartoffelkönigin, die Bayerische Kartoffelkönigin und die Genthiner Kartoffelkönigin (auf Facebook eine „Person des öffentlichen Lebens“). Wenn ein Ort seine Kartoffeln hervorheben will, kürt er eine Kartoffelkönigin und nennt sie nach Belieben entweder möglichst regional oder möglichst staatstragend. Die Deutsche Kartoffelkönigin ist eine unter vielen, ohne herausgehobene Stellung. Sie kommt stets aus Niedersachsen und wird immer auf dem Kartoffelmarkt in Rotenburg an der Wümme gekürt.

          Anzüglichkeiten ohne Aufschrei

          Gerade mal 26 Kilometer entfernt, in Neuenkirchen, gibt es schon einen anderen Kartoffelkönig. Er ist genauso deutsch und genauso wichtig wie die Deutsche Kartoffelkönigin, er heißt bloß anders. Nämlich Neuenkirchener Kartoffelkönig. Dieser, mit Vornamen Harm, ist ebenfalls anwesend im Nienburger Spargelmuseum, ein ruhiger Neunzehnjähriger mit mattgoldener Kartoffel in Originalgröße am Jackettkragen. In einer herausgehobenen Position befindet er sich insofern, als er nach eigenen Angaben in einer Whatsapp-Gruppe mit 27 Majestäten der einzige Mann ist und darüber hinaus Single. Was bedeutet das alles nun aber für die deutsche Kartoffel?

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wenn Sie mehr davon lesen wollen, testen Sie die F.A.S. doch einfach als digitale Zeitung. Wie es geht, erfahren Sie hier ...

          Mehr erfahren

          Zunächst einmal Gutes, hat sie doch offensichtlich vielerlei Fürsprecher. Doch wer sind diese, und was sagen sie über die Kartoffel? Auftritt Deutsche Kartoffelkönigin Marie-Kristin Lüdemann, fertig mit Umziehen, in himmelblau-erdbraunem Dirndl. Da steht eine blonde, strahlende Oberstufenschülerin, die aussieht wie Deutschland, wenn RTL-Shows nicht hingucken. Süß eben und ganz besonnen; in der Großstadt kennt man solche Menschen fast nicht mehr.

          Der Deutschen Kartoffelkönigin ist es relativ egal, dass die Presse sich für sie interessiert, sie reicht freundlich und fest ihre Hand, aber dann geht sie erst einmal etwas essen mit den anderen Königinnen. Ein Trupp kichernder Mädchen in bunten Kleidern steht in der Spargelschlange und sieht aus wie „Germany’s Next Topmodel“ in einem giftfreien Paralleluniversum. Die Betreuer stehen auch da und sagen Sachen wie „Na, Mäuschen“ oder „Klar kannst du das tragen, an dir ist doch alles dran“, ohne dass Nienburg an der Weser aufheult.

          Auftritt des Spargel-Moguls

          Was für einer Welt entstammt die Deutsche Kartoffelkönigin? Ihre Eltern sind auch nach Nienburg gekommen, zum ersten Mal zu einem Kartoffeltermin der Tochter, die Lüdemanns: Vater Ingenieur für Versorgungstechnik, Mutter Verwaltungsangestellte, praktische Jacken, praktische Ansichten. Die Mutter hatte die Idee, dass Marie-Kristin sich als Kartoffelkönigin bewerben könnte. „Das ist ganz gut für die Entwicklung.“ Der Kartoffel etwa? Das auch, aber vorrangig der Tochter. Frei auf der Bühne reden, Termine planen, herumreisen. Der Vater war erst skeptisch wegen der Abiturvorbereitungen. Aber Marie-Kristin wollte gern. Sie musste nur ein sehr kurzes Formular ausfüllen: Name, Adresse, Alter, Hobbys/besondere Fähigkeiten. Da trug sie ein, dass sie gern englische Bücher im Original lese, sie war nämlich gerade vom Schüleraustausch in Amerika zurück. Dazu ein Foto. Keine einzige Frage zur Kartoffel. Der Betreuer sagt frei heraus: Königin wird, wer sich zuerst bewirbt, weiblich, volljährig und halbwegs kartoffelfreundlich ist. Die Königin muss nichts über Kartoffeln wissen. Die Kartoffel erklärt sich von selbst. Sie ist schließlich kein Bubble-Tea.

          Auf der Bühne in Nienburg tritt nun ein Spargel-Mogul auf. Er ist Inhaber eines Spargelhofes an der Niedersächsischen Spargelstraße (angeblich 750 Kilometer lang). Der Spargelproduzent sagt bezwingende Sätze über die herausragende Rolle von Spargel in der Gesellschaft, etwa: „Viele Sachen gibt es überall, aber unseren Spargel gibt es nur hier.“ Oder: „Es ist auch so, dass der Spargel Besonnenheit ausstrahlt.“ Wenn man lange genug darüber nachdenkt, stimmt man zu. Ähnliche Sätze lassen sich auch zur Kartoffel sagen, aber das tut hier niemand, es geht ja um den Spargel. Die Hauptaufgabe der Königinnen ist es an solchen Tagen, Werbung für ihr Gemüse zu machen und für ihren Heimatort, im Falle der Deutschen Kartoffelkönigin also Rotenburg an der Wümme. Davon wird die deutsche Kartoffel vielleicht nicht gerettet werden. Aber anders erst recht nicht.

          Auffällig ist, dass die Deutsche Kartoffelkönigin keine Kartoffeln mit sich führt. Alle anderen Königinnen haben ihre Produkte dabei, und die örtlichen Fotografen knipsen wie besessen die Vierländer Erdbeerkönigin und die Erdbeerprinzessin, weil das Rot der Früchte in ihren Körben auf Fotos so gut kommt. Gegen Sprüche auf Grundlage der Zweideutigkeit „süße Früchtchen“ hat hier auch niemand etwas einzuwenden, was den Fotografen gut gefällt. Die Deutsche Kartoffelkönigin hat aber nur eine kokosnussgroße Plüschkartoffel dabei. Es ist „Knolli“, das Maskottchen des Rotenburger Kartoffelmarktes. Warum keine echten Kartoffeln? Die Kartoffelkönigin sagt, ein Korb voller Kartoffeln sei schwer und für langes Posieren auf der Bühne nicht gut geeignet. Und außerdem - jetzt muss doch einmal leise Kritik angebracht werden - mache sich die Kartoffel auf Bildern nicht so gut.

          Immerhin hält die Deutsche Kartoffelkönigin auf ihrer Autogrammkarte einen Korb mit einigen Kartoffeln in der Hand, und die sind nicht poliert oder goldgelb, sondern von blassem Hellbraun. Zum Vergleich: Kartoffelkönig Harm zeigt auf seinem Autogramm gar keine Kartoffel, nicht mal die goldene am Kragen. Er steht da, Hände in den Hosentaschen, und lächelt fein, vielleicht denkt er heimlich an Spargel. Die Deutsche Kartoffelkönigin dagegen steht mit Nachdruck zur Kartoffel. Es ist auch längst nicht mehr so, dass sie nichts über die Kartoffel wüsste. Nach ihrer Krönung holte sie Informationen bei ihren Eltern ein. Der Vater erklärte ihr, wie die Kartoffel nach Deutschland kam und wie König Friedrich II. von Preußen, Kartoffelkönig genannt, den Kartoffelanbau in Deutschland gegen alle Widerstände durchsetzte. Die Mutter erklärte den Unterschied zwischen fest und mehlig kochenden Kartoffeln.

          Kein Plädoyer für die Kartoffel

          Mit der Mutter ging sie auch das Dirndl kaufen und achtete streng darauf, dass es kartoffelbraun ist. Wenn die Deutsche Kartoffelkönigin mit den anderen Königinnen in den leuchtend bunten Kleidern zusammensteht, im Körbchen ihre Plüschkartoffel, während die anderen mit Sonnenblumen und süßen Früchtchen winken, sieht sie zufrieden aus. Sie hat nichts dagegen, „Kartoffel“ zu heißen in den Mädchengesprächen, wo jede im Spaß nach ihrem Produkt benannt wird. Die Deutsche Kartoffelkönigin hat wahrscheinlich mehr Selbstbewusstsein als die deutsche Kartoffel.

          Auf der Bühne darf nun eine Königin nach der anderen vortreten. Kartoffelkönig Harm weist auf Nachfrage des Moderators darauf hin, dass er solo sei, „was ein Vorteil bei dem Anblick hier ist“. Er hat der neuen Spargelkönigin ebenfalls keine Kartoffeln mitgebracht, sondern eine Tasse namens „Schnuckenbecher“ mit Schäfchenaufdruck darauf und seiner Autogrammkarte darin. Außerdem legt er einen Anstecker seines Heimatortes bei, ein „seltenes Stück“, wie er der Spargelkönigin mit einem Lächeln mitteilt. Mit besonderem Tremolo kündigt der Moderator sodann die Heidekönigin aus Amelinghausen an; 1990 habe eine inzwischen sehr bekannte Person dieses Amt innegehabt, nämlich Jenny Elvers! Die heutige Heidekönigin Sophia lächelt und sagt: „Die ist aber kein Vorbild für mich.“ Die Rentner im Publikum applaudieren heftig und freuen sich zu Recht an der Jugend von heute.

          Die Deutsche Kartoffelkönigin darf dann auch etwas sagen. Sie lädt alle auf den Rotenburger Kartoffelmarkt ein; der ist zwar erst im September, aber kann man sich schon mal vormerken. Außerdem habe Rotenburg viele schöne Eisdielen und ein schönes Schwimmbad. Jetzt wäre noch Gelegenheit für ein Plädoyer für die Kartoffel. Doch die Deutsche Kartoffelkönigin schweigt dazu. Andere Königinnen machen das anders, sie halten ihre „herrlichen Früchte“ hoch und wirken gleich ein bisschen wie ein Staubsaugervertreter, der unbedingt etwas Mittelmäßiges loswerden will. Das Beste, was der deutschen Kartoffel in ihrer misslichen Lage passieren kann, ist aber, dass sie gerade jetzt nicht verramscht wird. Die Deutsche Kartoffelkönigin Marie-Kristin Lüdemann hat das verstanden. Am Vorabend hat sie einen Diskobesuch abgesagt, um heute frisch und gutgelaunt aufzutreten. Das ist gelungen. Mehr kann sie für die deutsche Kartoffel nicht tun. Es ist viel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Diskussion in London : May muss in die Abwehr

          Die EU-Befürworter in London wollen dem Parlament ein Mitspracherecht beim finalen Brexit-Deal verschaffen. Die Premierministerin muss vor der heutigen Abstimmung die Rebellen einfangen.

          Konjunktur und Arbeitsmarkt : Hier hat Donald Trump Erfolg

          Steuersenkungen und Vollbeschäftigung entfalten Wirkung: Die Amerikaner geben so viel aus wie selten zuvor. Ist das mehr als ein Strohfeuer?

          DFB-Team bei der WM : Die großen Debatten nach dem Führungsversagen

          Nach der desillusionierenden WM-Niederlage gegen Mexiko gibt es beim DFB-Team zahlreiche Krisengespräche. Danach soll der Kapitän Zuversicht verbreiten. Sein Solo weckt aber eher neue Zweifel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.