Alfons Hug lebt seit zehn Jahren in Rio de Janeiro. An den Strand von Copacabana oder Ipanema geht er aber „grundsätzlich nicht“. Er ist also ein Carioca geworden, der Rio als Ort der produktiven Arbeit versteht. Als Leiter des Goethe-Instituts seit 2002, als zweimaliger Kurator der Biennale in São Paulo und mit vier in Brasília verbrachten Jahren hat ihn Brasilien mehr geprägt als jeder andere Kulturraum, in dem er im Laufe seiner Goethe-Karriere tätig war. Dort wird er gerade jetzt gebraucht, weil demnächst in Brasilien das „deutsche Jahr“ beginnt. Da sitzt er genau an der Schaltstelle zwischen den Kulturen.
Das Goethe-Institut, die Handelskammer und das Generalkonsulat in Rio hatten schon vor zwei Jahren die Idee, eine Sambaschule zu finden, die Deutschland im „deutschen Jahr“ zu repräsentieren bereit wäre. Schließlich konnten sie die „Unidos da Tijuca“ dafür gewinnen, die derzeit beste Sambaschule. Neben der Hochkultur, die im Deutschlandjahr stark vertreten ist, sollte auch die Populärkultur zu Wort kommen. Spannender als deutsche Kultur zu importieren erschien es, Deutschland von Brasilianern darstellen und die beiden Länder aufeinander reagieren zu lassen.
Der deutsche Umzug kostet vier Millionen Euro
„Im Karneval findet alljährlich die Wiedergeburt von Rio statt und die Erneuerung der brasilianischen Kultur“, sagt Hug. „Die Stadt streift ihr Alltagsgewand ab und putzt sich als strahlende Prinzessin heraus.“ Das klingt gut, war aber möglichen Sponsoren doch etwas unheimlich. Einige Akteure hatten befürchtet, dass der Karneval Mittel binden würde, die dann an anderer Stelle fehlen. Schließlich kostet allein der „deutsche“ Umzug der Sambaschule umgerechnet vier Millionen Euro, von denen eine Hälfte durch Eigeneinnahmen, die andere durch Sponsoren aufgebracht wird. Öffentliche deutsche Mittel flossen nicht in das Projekt, versichert Hug.
Er hat beobachtet, dass der spontane Straßenkarneval in Rio eine Wiederauferstehung erlebt. Inzwischen nehme auch ein wachsender Teil der Kunstszene teil. Für sie ist der Karneval laut Hug eine der wichtigsten „Bildmaschinen“. Er sieht das närrische Treiben gar als „Generator politischer Kraft und ästhetischer Neuorientierung“. Der Rhythmus der 300 ,surdos‘, der Basstrommeln in den Perkussionsgruppen, kommt, wie er meint, „von ganz weit her, wie ein musikalisches Erdbeben aus längst verflossener Zeit“.
Als „Mäschkerle“ die Schweinsblase geschwungen
Nach Brasilien ist Deutschland das zweitwichtigste Karnevals-Land der Welt. Hug stammt aus der Region der schwäbisch-alemanischen Fasnet. Als „Mäschkerle“ verkleidet hat er in seiner Jugend die Schweinsblase geschwungen. „Das ist die typische Form unverfälschter Volkskultur. Sie vereint das Pittoreske des Schauspiels mit alten Riten.“ Vor ein paar Jahren holte er die furchteinflößenden Fasnet-Hexen aus dem Schwarzwald nach Rio. In diesem Jahr gönnt sich umgekehrt der Kölner Karneval eine Extra-Transfusion brasilianischen Karnevalsbluts mit dem Motto „Fastelovend em Blot - he un am Zuckerhot“ (Fastnacht im Blut - hier und am Zuckerhut). Köln und Rio verbindet eine Städtepartnerschaft, die den Austausch erleichtert.
Das Fundraising bei möglichen Sponsoren für das Deutschland-Projekt der „Unidos da Tijuca“ war trotz mancher Schwierigkeiten am Ende offenbar doch erfolgreich, vor allem weil sich laut Hug der deutsche Generalkonsul intensiv engagiert hat. Bei manchen Absagen spielten Vorbehalte wegen der „Corporate Compliance“ eine Rolle. Manche Firmen fördern überdies lieber die Hochkultur oder Sozial- und Sportprojekte, weil sie sich davon einen Zuwachs an Prestige versprechen. „Das muss man respektieren“, sagt Hug und verweist darauf, dass Brasilien mit der Steuerabschreibung des Rouanet-Gesetzes eines der fortschrittlichsten Systeme des Kultursponsorings auf der Welt hat.
Richard Wagner als Thema des Karnevalszugs
Jahr für Jahr fließen damit etwa 750 Millionen Euro dem Kultursektor zu. Die Firmen können ihre Steuerschuld um die Summe des investierten Geldes verringern, auch die Sambaschulen dürfen das Gesetz in Anspruch nehmen. Die Blüte der brasilianischen Festivalkultur oder der Kunstbiennalen beruht vor allem auf dem großzügigen und ausgefeilten Mechanismus des Kultursponsorings. Das Deutschlandjahr in Brasilien ermöglicht schon wegen seines schieren Umfangs und der finanziellen Ausstattung große Projekte, die sonst nicht ohne weiteres zu verwirklichen wären. Allerdings müsse man auf der Hut sein, „dass der Bauchladen nicht überquillt und dass beim qualitativen Anspruch keine Abstriche gemacht werden“, sagt Hug. „Die brasilianischen Partner verfolgen genau, wofür wir unsere Mittel einsetzen, zumal sie ja einen erklecklichen Eigenanteil leisten.“ Die Frivolität, mit der die Brasilianer dem Karnevalsgott frönen, mag auf manch puritanische Gemüter abstoßend wirken, doch Hug hat eine Erklärung, die weit über die Karnevalszeit hinausgreift. „Man kann in Brasilien von einer Karnevalisierung des Lebens sprechen, einer Durchdringung der gesamten Existenz mit karnevalesken Werten.“ Sie fördere die an den Brasilianern immer wieder bewunderte positive Grundeinstellung zu allem Lebendigen und Natürlichen. Sie ist nach Hug auch verantwortlich für den Hang zur permanenten „Krönung und Entkrönung“ von Personen und Institutionen und für den vergleichsweise freizügigen Umgang mit Transvestismus und Bisexualität. Hug und seine Mitstreiter hatten die verwegene Idee, Richard Wagner, dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr begangen wird, der Sambaschule „Unidos da Tijuca“ als Thema für den Karnevalszug vorzuschlagen.
Obwohl das Motto jetzt allgemein „Verzaubertes Deutschland“ heißt, ist der Goethe-Direktor davon überzeugt, dass Wagner ein großartiges Sujet abgegeben hätte. „Natürlich hätte das funktioniert, weil die Sambaschulen längst bewiesen haben, dass sie auch die anspruchsvollsten Themen künstlerisch überzeugend umsetzen können. Es gab im Karneval von Rio schon Sujets zur Sklaverei, zur Kulturgeschichte von Kaffee und Zucker oder zur Abholzung des Urwalds in Amazonien. Auch die Favelas sind ein immer wiederkehrendes Thema.“ Christoph Schlingensief habe schon vor Jahren im Teatro Amazonas von Manaus vorgemacht, wie es geht, als er dort in Wagners „Fliegendem Holländer“ eine Sambaschule auftreten ließ.
Obwohl die „Unidos da Tijuca“ und ihr künstlerischer Leiter Paulo Barros schließlich einen anderen Weg zur deutschen Kultur eingeschlagen haben, werde Wagner „dort auftauchen, wo man ihn am wenigsten erwartet“, sagt Hug, nämlich in der „Ala das Baianas“, einer der prächtigsten Gruppierungen im Umzug der „Unidos“, mit 200 älteren Frauen dunkler Hautfarbe, die als Walküren verkleidet sind. „Zu einer derartigen Ironie ist nur der brasilianische Karneval fähig.“