http://www.faz.net/-gum-76dfs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Best Ager - Für Senioren und Angehörige

Veröffentlicht: 07.02.2013, 16:02 Uhr

Karneval in Rio Walkürenritt im Samba-Rhythmus

Die Sambaschule „Unidos da Tijuca“ wird beim Karneval an diesem Wochenende einen Umzug zum Thema „Verzaubertes Deutschland“ präsentieren. Die Idee dazu stammt von Alfons Hug, Leiter des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro und bekennender Fastnachtsfan.

von , Rio de Janeiro
© dpa Mit dem Thema Deutschland will „Unidos da Tijuca“ ihren Titel als beste Sambaschule verteidigen.

Alfons Hug lebt seit zehn Jahren in Rio de Janeiro. An den Strand von Copacabana oder Ipanema geht er aber „grundsätzlich nicht“. Er ist also ein Carioca geworden, der Rio als Ort der produktiven Arbeit versteht. Als Leiter des Goethe-Instituts seit 2002, als zweimaliger Kurator der Biennale in São Paulo und mit vier in Brasília verbrachten Jahren hat ihn Brasilien mehr geprägt als jeder andere Kulturraum, in dem er im Laufe seiner Goethe-Karriere tätig war. Dort wird er gerade jetzt gebraucht, weil demnächst in Brasilien das „deutsche Jahr“ beginnt. Da sitzt er genau an der Schaltstelle zwischen den Kulturen.

Das Goethe-Institut, die Handelskammer und das Generalkonsulat in Rio hatten schon vor zwei Jahren die Idee, eine Sambaschule zu finden, die Deutschland im „deutschen Jahr“ zu repräsentieren bereit wäre. Schließlich konnten sie die „Unidos da Tijuca“ dafür gewinnen, die derzeit beste Sambaschule. Neben der Hochkultur, die im Deutschlandjahr stark vertreten ist, sollte auch die Populärkultur zu Wort kommen. Spannender als deutsche Kultur zu importieren erschien es, Deutschland von Brasilianern darstellen und die beiden Länder aufeinander reagieren zu lassen.

Der deutsche Umzug kostet vier Millionen Euro

„Im Karneval findet alljährlich die Wiedergeburt von Rio statt und die Erneuerung der brasilianischen Kultur“, sagt Hug. „Die Stadt streift ihr Alltagsgewand ab und putzt sich als strahlende Prinzessin heraus.“ Das klingt gut, war aber möglichen Sponsoren doch etwas unheimlich. Einige Akteure hatten befürchtet, dass der Karneval Mittel binden würde, die dann an anderer Stelle fehlen. Schließlich kostet allein der „deutsche“ Umzug der Sambaschule umgerechnet vier Millionen Euro, von denen eine Hälfte durch Eigeneinnahmen, die andere durch Sponsoren aufgebracht wird. Öffentliche deutsche Mittel flossen nicht in das Projekt, versichert Hug.

23117598 Alfons Hug, Direktor des Goethe-Instituts in Rio de Janeiro © Mauro Samagaio Bilderstrecke 

Er hat beobachtet, dass der spontane Straßenkarneval in Rio eine Wiederauferstehung erlebt. Inzwischen nehme auch ein wachsender Teil der Kunstszene teil. Für sie ist der Karneval laut Hug eine der wichtigsten „Bildmaschinen“. Er sieht das närrische Treiben gar als „Generator politischer Kraft und ästhetischer Neuorientierung“. Der Rhythmus der 300 ,surdos‘, der Basstrommeln in den Perkussionsgruppen, kommt, wie er meint, „von ganz weit her, wie ein musikalisches Erdbeben aus längst verflossener Zeit“.

Als „Mäschkerle“ die Schweinsblase geschwungen

Nach Brasilien ist Deutschland das zweitwichtigste Karnevals-Land der Welt. Hug stammt aus der Region der schwäbisch-alemanischen Fasnet. Als „Mäschkerle“ verkleidet hat er in seiner Jugend die Schweinsblase geschwungen. „Das ist die typische Form unverfälschter Volkskultur. Sie vereint das Pittoreske des Schauspiels mit alten Riten.“ Vor ein paar Jahren holte er die furchteinflößenden Fasnet-Hexen aus dem Schwarzwald nach Rio. In diesem Jahr gönnt sich umgekehrt der Kölner Karneval eine Extra-Transfusion brasilianischen Karnevalsbluts mit dem Motto „Fastelovend em Blot - he un am Zuckerhot“ (Fastnacht im Blut - hier und am Zuckerhut). Köln und Rio verbindet eine Städtepartnerschaft, die den Austausch erleichtert.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Überfall bei Olympia Anklage gegen Schwimmer Lochte wegen Falschanzeige

Die brasilianische Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen den amerikanischen Olympia-Teilnehmer Ryan Lochte erhoben. Der Schwimmmer soll einen Raubüberfall erfunden haben. Jetzt droht ihm eine Haftstrafe. Mehr

26.08.2016, 06:54 Uhr | Sport
Rio de Janeiro Brasiliens Stadtplaner entdecken die Natur

Lange hat die Stadtplanung in Brasilien die Natur kaum berücksichtigt. Das rächt sich inzwischen. Erdrutsche, Überschwemmungen und Umweltverschmutzung sind die Folgen. Jetzt denken die Stadtplaner in einem Vorort von Rio de Janeiro um. Mehr

24.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Fußball-Weltverband Infantino und ein fragwürdiger Gehaltsdeal

Gianni Infantino leistete sich einige Fehltritte – und bekam eine fragwürdige Reinwaschung durch die Fifa-Ethikkommission. Nun muss er sich wieder einem Mauschelvorwurf stellen. Es geht um sein Gehalt. Mehr Von Michael Ashelm

29.08.2016, 07:59 Uhr | Sport
Rekorde und Skandale Bilanz von Olympia 2016

Fabelrekorde und Dopingsperren, Medaillenglanz und Affären um amerikanische Schwimmer und Ticketverkäufe: Sportliche Triumphe und Skandale haben Licht und Schatten auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro geworfen. Mehr

24.08.2016, 18:03 Uhr | Sport
Abzug aus der Türkei? Von der Leyen will an Stationierung in Incirlik festhalten

Die Bundeswehr erwägt offenbar eine Verlegung der in Incirlik stationierten Flugzeuge. Eine Verlängerung des Einsatzes dort hält ein Teil der Regierung für ausgeschlossen. Die Verteidigungsministerin sieht das anders. Mehr

25.08.2016, 12:06 Uhr | Politik

Sylvie Meis Berichte aus dem „Kriegsjahr“

Moderatorin Sylvie Meis spricht über die Zeit nach der Trennung von Rafael van der Vaart, der Schauspieler Samuel Koch feiert drei Tage lang und Dwayne Johnson steigt auf zum bestbezahlten Schauspielstar – der Smalltalk. Mehr 11

Frankfurter Allgemeine Stil auf Facebook
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden