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Albanien : Die Fotografin des Premiers

Zeitenwende: Die Familie des Exil-Albaners Professor Martin Camaj in ihrer Küche in Dukagjin Nordalbanien, 1992 Bild: Jutta Benzenberrg

Nachdem der Eiserne Vorhang gefallen war, wollten viele Albaner ihr Glück im Westen versuchen. Jutta Benzenberg machte es umgekehrt: Die Deutsche ging 1991 nach Tirana und blieb – des Landes und der Liebe wegen.

          Ganz Albanien war 1991 auf der Flucht ins Ausland, nur Jutta Benzenberg wollte ausgerechnet dort hin. Die kommunistische Diktatur löste sich auf, die Menschen drängten auf Schiffe und flohen in Richtung Italien. Und in Deutschland fasste Jutta Benzenberg den Entschluss, dass sie dieses kleine Land unbedingt besuchen müsse, und zwar genau zu diesem Zeitpunkt. Ihre Leidenschaft war schon immer Fotografie, ihr Geld verdiente sie aber damals schon einige Jahre als Kameraassistentin beim Bayerischen Rundfunk. Albanien war, worauf sie gewartet hatte: spannend genug, um den Job aufzugeben. Nur, wie hinkommen?

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          „An der Münchner Uni hatte ich nachgefragt, ob es dort Studenten aus Albanien gab“, erinnert sie sich. „Die lachten mich aus; wie das gehen solle, das Land sei doch seit 1972 völlig isoliert gewesen.“ Wir sitzen auf der Dachterrasse des Hotels „Xheko Imperial“ in Tirana. Jutta Benzenberg sieht mit den langen dunklen Haaren und dem gebräunten Teint mehr mediterran als deutsch aus. Dennoch fällt sie hier sofort auf, wenn sie den Raum betritt: Sie ist groß und schlank und bewegt sich mit selbstbewusster Gelassenheit. Wir sitzen an einem Bartisch, ringsum stehen verschnörkelte weiße Stühle in amerikanischem Südstaaten-Stil. Albaner lieben Amerika, die Dachterrasse könnte auch in Louisiana zu finden sein. Ragten da nicht die grünen Hügel vor Tirana zur Linken auf.

          Hartnäckig: Jutta Benzenberg
          Hartnäckig: Jutta Benzenberg : Bild: Maria Wiesner

          Jutta Benzenberg bestellt Weißwein und erzählt davon, wie sie 1991 durch ihre Anfrage an die Universität Martin Camaj kennenlernte. Er arbeitete dort als Professor für Albanologie, war eigentlich albanischer Schriftsteller im Exil und lebte seit nunmehr 40 Jahren in München. Als er davon hörte, dass Jutta Benzenberg in sein Heimatland wolle, legte er ihr nahe, unbedingt den jungen albanischen Journalisten Ardian Klosi zu treffen. Er war in der Zeit des politischen Umbruchs zu Beginn der neunziger Jahre aktiv und gerade auf dem Weg nach Tutzing. Er sollte einen Vortrag halten und hatte eigentlich keine Lust, sich mit anderen Journalisten zu treffen – aber Jutta Benzenberg blieb hartnäckig. Sie verabredeten sich in einem Café. Die Fotografin wartete schon, als der junge albanische Intellektuelle den Raum betrat. „Wir haben uns gesehen, und es war Liebe auf den ersten Blick,“ sagt sie.

          Allgegenwärtige Korruption

          Gemeinsam fuhr das Paar durch Albanien. Jutta Benzenberg hielt den politischen und gesellschaftlichen Umbruch in ihren Fotografien fest, porträtierte die alten Menschen und dokumentierte die Armut in den Dörfern. Daraus entstand der Fotografie-Band „Albanisches Überleben“. Das Paar heiratete und bekam zwei Kinder. Über das politische Engagement ihres Mannes lernte Jutta Benzenberg früh den heutigen albanischen Ministerpräsidenten und früheren Künstler Edi Rama kennen.

          „Mein Mann und Edi Rama haben 1990 Seite an Seite für den Umbruch in Albanien gekämpft. Bereits während des Wahlkampfs für das Bürgermeisteramt in Tirana Ende der neunziger Jahre hatte ich Porträts von Rama gemacht. Als der Wahlkampf 2013 begann, fragte er mich, ob ich ihn mit der Kamera begleiten könne“, sagt sie. Ihre Bilder vom Wahlkampf und der Zeit mit Edi Rama erinnern an die des amerikanischen Fotografen Peter Souza, der Barack Obama im Wahlkampf begleitete. Sie zeigen die Gesichter der Menschen bei den Wahlkampfveranstaltungen, die Gefühle, aber auch die kleinen nebensächlichen Motive wie einen gestressten Wachmann oder die Putzkolonne im Ministerium. Und abermals zeigen sie die Armut im Land.

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