04.12.2006 · Julio Iglesias, Ikone des Latin Pop, zählt zu den Legenden im Musikgeschäft und wurde mehrfach für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Im Interview spricht er über Erfolge, seinen Freund Bill Clinton und warum Sex im Privatjet heute tabu für ihn ist.
Julio José Iglesias dela Cueva wurde 1943 in Madrid geboren, hat mit dem Gitarrespielen und Singen angefangen, als er zwanzig war und lange Zeit nicht Fußball spielen konnte. Da der Traum von der Kicker-Karriere bald ausgeträumt war, studierte er Jura und erwarb einen Doktortitel. Mit „Gwendolyne“ eroberte er 1970 den europäischen und mit „Crazy“ später auch den amerikanischen Markt. Er absolvierte 2500 Konzerte und 1000 TV-Auftritte und schaffte es damit sogar ins Guiness-Buch der Rekorde. Im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ spricht er über geschäftliche Erfolge, seinen Freund Bill Clinton und warum Sex im Privatjet heute tabu für ihn ist.
Herr Iglesias, Sie sehen ja wirklich aus wie auf Ihrem neuen Album: geschniegelt, faltenlos und mit echten schwarzen Haaren . . .
Was haben Sie denn gedacht? Ich bin 63 Jahre alt, da muß ich niemandem mehr etwas vormachen. Außerdem fühle ich mich so jung wie nie! Obwohl, das stimmt nicht ganz. Ich fühle mich wie 63 Jahre, aber es ist wunderbar, zu spüren, daß man so lange gelebt hat - nun ist es Zeit, die Jugendlichkeit des Alters zu entdecken, eine Leichtigkeit, von der ich immer geträumt habe.
Julio Iglesias: „Für uns Haudegen ist es schwer geworden“
Leichtigkeit hat Ihre Musik stets ausgezeichnet. Schon meine Großmutter war einer Ihrer größten Fans, wegen des Easy-Latin-Sounds.
Das höre ich immer wieder von Ihrer Generation - und ich weiß nicht, was Sie mir damit sagen wollen. Ich bin allerdings sicher, daß ich auch fett sein und eine Glatze haben könnte, wahrscheinlich wäre Ihre Großmutter mir trotzdem treu geblieben. Aber, mein Freund, mich würde viel mehr interessieren, wie es mit Ihnen und meiner Musik steht.
Na ja, ich habe lange nichts von Ihnen gehört . . .
Ich bin Deutschland auch aus dem Weg gegangen. Dabei war es das wichtigste Land am Anfang meiner Karriere. Mein erstes Album habe ich hier vor 35 Jahren aufgenommen. Ich habe es genossen, auf der Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung zu fahren. Aber ich wurde dauernd wegen meiner Aussprache korrigiert und habe dann lieber einen Bogen gemacht. Später habe ich in Mandarin, Französisch, Chinesisch und Englisch aufgenommen. Alle anderen Länder sind mit mir gewachsen, nur in Ihrer Heimat scheinen viele noch gar nicht mitbekommen zu haben, daß ich nach den achtziger Jahren weiter Musik gemacht habe.
Stimmt. Deshalb war ich ziemlich erstaunt, als ich Ihr neues Album anhörte. Das klang gar nicht mehr nach „Gwendolyne“, sondern eher nach Frank Sinatra.
Das ist das größte Lob, das Sie mir machen können. Ich habe oft darüber nachgedacht, warum ich Frank Sinatra so bewundere. Ich glaube, es liegt daran, daß er ein Entertainer war, ein echter Unterhaltungskünstler. Übrigens genauso wie Elvis oder Stevie Wonder. Eine Qualität, die viele Sänger heute nicht mehr haben.
Woran liegt das?
Verzeihung, aber das wird hier wohl etwas länger dauern mit uns beiden. Wenn Sie wollen, daß ich Ihnen Dinge sage, die ich nicht sagen will, dann bestellen wir am besten sofort einen Campari - mit ein bißchen Eis und vielen Zitronen.
Gern, aber was wollen Sie denn verraten? Gibt es in Ihrem Leben überhaupt Geheimnisse? Alle dreißig Sekunden wird irgendwo auf der Welt ein Lied von Ihnen im Radio gespielt. Herr Iglesias, Sie sind doch längst ein offenes Geheimnis.
Wußten Sie zum Beispiel, daß ich inzwischen als Geschäftsmann mindestens so erfolgreich bin wie als Sänger und daß mich das verdammt stolz macht? Daß ich mir nach meinem Rechtsanwaltsdiplom eine zweite Karriere aufgebaut habe, in der ich inzwischen mehr verdiene als durch meine CDs und Auftritte? Das ist doch ein gutes Thema.
Haben Sie etwa die Nase voll vom Pop-Geschäft?
Nein, aber ich habe eine neue Freiheit, endlich tun zu können, was ich wirklich will - ich brauche mich nicht mehr zu verbiegen. Das ist ein wunderbares Gefühl.
Und was tun Sie mit dem Geld, das Sie so verdienen? Ihre Villa in Florida steht gerade zum Verkauf - als eine der zehn teuersten Immobilien der Welt. Was war die letzte große Anschaffung, die Sie gemacht haben?
Ich habe gerade einen neuen Jet bestellt. Der alte war zwar gut, aber er blieb nicht so lange in der Luft, wie ich das gern wollte. Mit dem, den ich nun bekomme, kann ich 16 Stunden lang fliegen - ohne Unterbrechung. Allerdings ist er etwas kleiner als der andere. Aber das macht nichts, denn im Gegensatz zu früher habe ich inzwischen keinen Sex mehr in der Luft.
(Ein Kellner bringt den Campari, dazu sechs Zitronen, die Iglesias, eine nach der anderen, in sein Glas drückt.)
Aber Sie werden trotzdem schon wieder Vater.
Ist das nicht toll? Aber das Kind ist nicht mehr in der Luft gezeugt worden! Spaß beiseite: Ich bin der glücklichste Mensch der Welt.
Fürchten Sie nicht langsam um Ihr Image als Latin Lover?
Ach, das war einmal. Früher bin ich immer dem hinterhergerannt, was ich für spannend hielt. Und dabei kam ich mir wie ein echter Mann vor, obwohl ich doch nur ein Hippie war.
Wurden Sie nicht genau dafür geliebt?
Das Problem war, daß ich viel zu früh geliebt wurde, von Finnland bis nach China. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, daß ich trotz des Erfolges musikalisch nicht reif war. Der schnelle Ruhm hat mich total überfordert. Aus Angst, etwas falsch zu machen, habe ich meist ja gesagt: bei Aufträgen, bei Verträgen, bei neuen Alben - und bei den Frauen.
Und mit 63 Jahren lernen Sie jetzt, nein zu sagen?
Auf jeden Fall habe ich gelernt, mich zu sammeln. Die Dinge sind geerdet und hängen nicht mehr in der Luft. Oft merkt man gar nicht, daß die Füße schon gar nicht mehr auf dem Boden stehen. Das ist gefährlich, dann kommt man ins Trudeln.
Wann hatten Sie zum ersten Mal solche Selbstzweifel?
Als ich nach Amerika gegangen bin. Damals hatte ich schon zehn Millionen Platten verkauft. Aber plötzlich habe ich gesehen, was echte Sänger sind, und habe begriffen: Verdammt, ich bin kein Sänger. Ich war damals sehr, sehr schlank, und so war auch meine Stimme. Das war die verdammte Schwierigkeit für mich, daß ich als einziger wußte, daß ich noch gar kein Sänger war. Ich habe einfach versucht, weiter zu lernen, bis heute, inzwischen singe ich Stücke von Sting, sogar Opernarien - wenn auch nicht im Stil meines Freundes Placido Domingo. Er ist ein Teufelskerl, ein echter Künstler!
Sie haben mit dem Singen aus einer Not heraus begonnen. Ihre Karriere als Fußballspieler war nach einem Autounfall beendet, da haben Sie Musik geschrieben. Akkorde für die Gitarre und einige Texte. War die Musik schon immer Ausdruck Ihrer Gefühle?
Nein, sie war für mich Normalität. Der Unfall, den ich hatte, war letztlich ein Glücksfall. Ich hatte eine Gitarre und habe Geschichten geschrieben, aber es ging mir schon damals nur um die Unterhaltung, nicht um Eingebungen oder große Botschaften. Und daran hat sich bis heute nichts verändert.
Warum schreiben Sie Ihre Songs nicht mehr selbst?
Weil ich gemerkt habe, daß es eine Million Menschen gibt, die besser komponieren können als ich. Warum sollte ich das also tun? Ich habe 1984 aufgehört, Lieder zu schreiben. Ich mußte mich zwischen einer Karriere als Singer-Songwriter oder jener als Interpret entscheiden. Das zweite lag mir besser. Jetzt kann ich mir Lieder aussuchen, die etwas mit mir zu tun haben, Melodien, die zu mir gehören, zum Ambiente des sogenannten Latinos.
So brav, wie Sie sich hier geben, wird meine Großmutter fast ein bißchen enttäuscht sein.
Haben Sie ihr gesagt, daß Sie ein Interview mit mir machen?
Ja, sie hat mich beneidet.
Mich freut es, daß Ihre Großmutter mich kennt.
Kennen Sie meine Großmutter auch?
Sorry, aber ich kann doch nicht jede Frau kennen.
Das sind nun wieder Sätze, die wir an Ihnen lieben! Das ist der Geist von Mick Jagger und Paul McCartney. So wie die beiden gehören Sie auch zu den Legenden des Geschäfts. Woran liegt es, daß Langzeit-Karrieren wie Ihre heute kaum noch möglich sind?
Das hört sich vielleicht etwas altmodisch an, aber in den sechziger und siebziger Jahren haben wir von den Radiosendern einfach mehr Zeit bekommen, einen Hit zu landen. Die haben einen Song drei, vier Monate lang gespielt, auch wenn er sich nicht sofort durchgesetzt hat. So konnten die Lieder überhaupt erst in das Blut der Leute übergehen. Deshalb vererben sich diese Songs auch, weil sie nicht nur gehört wurden, sondern in die Gene eingedrungen sind. Wenn eine Frau meine Lieder geliebt hat, hatte sie diese Musik in sich, und wenn sie ein Kind bekommen hat, hat sie diese Musik vererbt - so wie Ihre Großmutter.
Sie meinen, Musik ist auch nur Biologie?
Es spielt keine Rolle, wie Sie meine Musik finden, aber Sie kennen sie. Inzwischen ist es selbst für uns Haudegen schwer geworden, sich da durchzusetzen. Sie kommen ja schon mit 80 000 Alben in die Charts, da ist dann viel Bewegung drin. Trotzdem gibt es Songs, von denen man zwei Millionen verkauft - und ehrlich gesagt: meist ist das ein Zufall.
Der Pop ist eben vielfältiger geworden, Sie müssen sich den Erfolg inzwischen mit anderen Künstlern teilen.
Das ist ja nicht schlimm. Heute hat jeder einzelne einen eigenen Geschmack. In der Schule ist das Bekenntnis zu einer bestimmten Band ein Bekenntnis zur eigenen Lebenseinstellung, und die soll heute, bitte schön, möglichst individuell sein. Ich kann gut damit leben.
Trotzdem scheinen Sie der Vergangenheit ein bißchen hinterherzutrauern.
Manchmal habe ich masochistische Tendenzen und höre mir meine Alben aus den siebziger Jahren an, dann die aus den Neunzigern. Weil ich dann merke, daß ich viel gelernt habe, daß ich nicht stehengeblieben bin. Und ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich noch am Leben bin.
Vor allen Dingen als Ikone. Sie gelten als Vater des Latin Pop, als Vorfahr von Christina Aguilera und Co. Macht Sie das stolz?
In der „New York Times“ stand neulich, daß ich der einflußreichste Latino-Künstler der Geschichte bin. Da habe ich fast das Frühstücksei verschluckt. Ich habe erst gedacht, daß ich meinen eigenen Nachruf lese, aber dann habe ich überlegt: Eigentlich stimmt das, was die da schreiben. Und wissen Sie was: Das macht mich stolz.
Herr Iglesias, Ihr Leben hört sich unglaublich beschäftigt an. Was machen Sie, wenn Sie entspannen?
Nichts. Aber nichts zu machen fällt mir immer noch schwer. Also lade ich Gäste ein, das vertreibt mir die Zeit, und manchmal kommt auch noch etwas Gutes dabei heraus. Zum Beispiel treffe ich mich regelmäßig mit Bill Clinton und seiner Frau. Wir reden dann über seine Stiftung - und ich freue mich, wenn ich ihm helfen kann.
Jetzt sagen Sie nicht, Sie planen Ihren Einstieg in die Politik.
Da kann ich Sie beruhigen, dann tue ich lieber nichts.