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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Gespräch mit Juliette Binoche „Gefühle sind wie Wolken am Himmel“

 ·  Sie war die Verführerin in „Chocolat“ und die Pflegerin des „Englischen Patienten“: Schauspielerin Juliette Binoche spricht über das Leben, die Liebe und das Spiel.

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© Reuters „Man muss offen sein, alles andere ist ein Desaster“

Madame Binoche, Ihr neuer Film wuchs aus Gesprächen mit dem Regisseur Abbas Kiarostami, den Sie zu Hause in Teheran besuchten - Gespräche darüber, was Männer von Frauen wollen und Frauen von Männern . . .

Ja, in unseren Gesprächen ging es um Beziehungen. Immer wenn ich mich mit Abbas treffe, sprechen wir recht offen über unser Leben. Eines Abends erzählte er mir diese Geschichte, aus der "Die Liebesfälscher" werden würde . . .

Im Film treffen sich in der Toskana eine Frau und ein Mann, die sich offenbar nicht kennen, werden für ein Ehepaar gehalten - und plötzlich scheinen sie eines zu sein, seit 15 Jahren verheiratet. Die beiden gehen durch die Gassen, reden, treffen ein Hochzeitspaar, solche Dinge.

Ja, Abbas erzählte mir diese Geschichte, als sei sie ihm selbst zugestoßen. Am Ende sagte er zu mir: Glaubst du mir? Ich antwortete: Natürlich. Und er sagte: Die Geschichte ist erfunden. Ich lachte, wie Sie jetzt lachen.

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Die Schauspielerin bei der Premiere ihres aktuellen Films © Reuters Die Schauspielerin bei der Premiere ihres aktuellen Films

Sie hatten ihm geglaubt?

Völlig. (lacht)

Zu welchem Schluss waren Sie gekommen? Was wollen Männer von Frauen und umgekehrt?

Eine seltsame Frage. (lacht) Will man etwas vom anderen? Ich glaube, wenn man liebt, will man nichts vom anderen. Es geht darum, dass man etwas teilt. Mir gefällt der Satz: Liebe macht uns jungfräulich, wie unberührt. Wenn man jemanden liebt, wenn man dieses Gefühl der Leichtigkeit im Herzen hat - Liebe zu erfahren ist ein Gefühl, das über einen selbst hinausgeht. Man sieht die Dinge im Licht der Ewigkeit. Vermutlich will man genau deshalb heiraten, sich jemandem verbunden fühlen für den Rest des Lebens.

Wie ist es im Film?

Ich weiß nicht, ob zwischen dieser Frau und diesem Mann Liebe existiert. Es gibt sicher das Bedürfnis nach Liebe. Ob es wirklich Liebe ist, das ist eine andere Geschichte.

Gut, dass Sie das sagen. Ich hatte mir vorgenommen, Sie um Hilfe zu fragen, weil ich den Film nicht ganz verstanden habe. Diese Unsicherheit, ob die beiden sich tatsächlich kennen: Was soll uns das sagen? Dass Gefühle im Fluss sind?

Ja. Gefühle sind keine Fakten. Sie ändern sich ständig, wie Wolken am Himmel. Was zu Beginn des Tages noch wahr ist, ist am Abend schon wieder anders. Aber was Abbas sagen wollte, und es ist ja sein Film: Frauen sind näher dran an ihren eigenen Gefühlen, Männer betrachten sich auf eher intellektuelle Weise. Zwischen den beiden Figuren, so sagte er mir, gibt es ein Art Wettbewerb - den am Ende die Frau gewinnt, weil sie ein Risiko eingeht, Gefühle offenbart, sich verletzbar macht, ihr Bedürfnis so deutlich zeigt. Während er sich abschirmt, Angst hat vor dem Gefühl und dem Bedürfnis. Er sieht sie nicht - und das verletzt sie sehr.

Ist das generell so zwischen Männern und Frauen?

Man kann das nicht verallgemeinern. Ich hatte das Glück, vielen sensiblen Männern begegnet zu sein.

Ich habe gelesen, als Sie Abbas zum ersten Mal besuchten, saßen Sie in seiner Küche und sagten zu ihm: Verlieb dich nicht in mich.

(lacht) Nein, das war nicht in seiner Küche. Ich kam zu Besuch, wir kamen in sein Haus, und ich sollte dort übernachten. Ich hatte ein bisschen Angst davor, mit ihm allein zu sein, weil er den Ruf hat, Frauen sehr zu mögen. Also wollte ich gleich zu Beginn Klarheit schaffen, und das war in Ordnung für ihn. Tatsächlich war er darüber sehr glücklich. (lacht) Er war erleichtert, dass es da nicht diesen Blödsinn gab: Regisseur, Schauspielerin, Verführung. Das bedeutet nicht, dass es keine Verführung gab; zwischen Menschen gibt es immer Verführung, egal, wie alt jemand ist und so weiter, immer ist da dieses: Mag ich ihn oder nicht?

Die Franzosen, so sagt man ja, verstünden sehr viel von der Verführung. Hat die ganze Affäre um Dominique Strauss-Kahn dieser Idee im Rest der Welt einen schlechten Ruf verpasst?

Das ist für mich eine seltsame Frage. Mir ist dieses ganze So-verhalten-sich-die-Franzosen nicht so bewusst. Ich lebe dort. Schon bei Kindern sieht man, wie verführerisch sie sich verhalten; das steckt in uns. ANTWORT: Das ist nicht unbedingt etwas Französisches, auch wenn ich weiß, dass wir diesen Ruf haben, über das Kino vielleicht. Aber in den Filmen von Fassbinder gibt es auch viel Verführung. (lacht) Ich kenne Dominique Strauss-Kahn nicht persönlich, und ich weiß nicht genau, was da passiert ist. Er hatte früher schon Probleme. Ich unterscheide zwischen Verführung und etwas Krankhaftem. Aber ich kann zu dem Thema nicht mehr sagen.

Noch mal zur Liebe: Sind Sie ein sehr unabhängiger Mensch, oder meinen Sie, zur Liebe gehört, ein Stück von sich aufzugeben?

Warum kann man nicht beides haben?

Geht das?

Natürlich. Man muss aufpassen, den anderen nicht zu verletzen. Man muss die Schwächen des Partners kennen, so wie man auch die eigenen Schwächen kennt, und man darf ihm nicht da weh tun, wo es ihm besonders weh tut. Dann kann eine Beziehung auch lange halten. Ich habe nicht viel Erfahrung, was lange Beziehungen betrifft, aber meine Erfahrungen haben mir gezeigt: Man muss die Schwächen des anderen kennen.

Ist es nicht eigenartig, dass ich Ihnen all diese Fragen über die Liebe und das Leben stelle? Offenbar erwartet man von Schauspielern, dass sie mehr vom Leben wissen und uns Amateuren philosophische Hilfestellung geben.

(lacht) Ja, aber ich weiß auch, woher das kommt. Ein Schauspieler, der in einem Film spielt und bestimmte Fragen an das Leben stellt, verwandelt sich in einen Philosophen, auf einer geradezu molekularen Ebene. Wenn ich spiele, bekomme ich Gänsehaut; ich fühle mich so leicht. Man erfährt Gedanken und Emotionen, und denen muss man als Schauspieler eine Gestalt geben, eine Inkarnation.

Denken Sie, Schauspieler wissen mehr über das Leben, weil sie extremere Gefühle ausloten, selbst wenn es in der Fiktion ist?

Es kommt auch darauf an, was für eine Art von Schauspieler man ist. Es gibt den Typus, vor allem im Theater, der auf einer intellektuellen Ebene bleiben will und den Text rezitiert; es gibt eine Distanz zwischen ihm selbst und der Rolle. Im Film lässt sich die Aufmerksamkeit des Publikums so nicht gewinnen; man muss zur Inkarnation eines Charakters werden, nur so lässt er sich vermitteln. Aber wie war Ihre Frage noch mal?

Wieso fragt man Schauspieler wie Sie so gerne nach dem Leben?

Was ich am Drehen liebe, ist, die menschliche Natur, die menschliche Seele zu erkunden; wir tun das den ganzen Tag lang. Um Gefühle so abzubilden, muss man ein Experte in Sachen Gefühl sein. Es ist wie bei einem Pianisten und seinen Noten. Man muss alle Gefühle spielen können, die möglich sind, und man muss in der Lage sein, sie in Verbindung zu bringen mit sich selbst. Dazu muss man sich selbst und die menschliche Natur im allgemeinen einigermaßen kennen. Denn man muss einen Weg in das Leben anderer Menschen finden - das ist unsere Spezialität.

In "Die Liebesfälscher" geht es auch um das Echte und das Falsche; ist Schauspielerei eine Art verdichtetes Leben?

Für mich ist Schauspielerei eine Form konzentrierter Wahrheit. Abbas konnte nicht verstehen und glauben, dass ich, wenn ich für eine Szene weine, tatsächlich weine. Für mich war das beinahe schmerzhaft, weil ich sagte: Was glaubst du denn? Glaubst du, die Tränen fließen einfach so? Für mich ist immer mein ganzer Körper, mein ganzes Wesen beteiligt.

Ist es einfacher, jemanden darzustellen, der einem selbst ähnlich ist, oder jemanden, der ganz anders ist?

Man muss eine Verbindung finden zu einer Figur. Aber ich glaube, man hat alles in sich. Jenseits dessen geht es nur darum, auszuwählen, was man machen will. Aber man kann zu jedem Menschen eine Verbindung finden. Normalerweise geschieht das über die Kindheit: Wenn man jemandes Vergangenheit versteht, versteht man ihn.

Es ist sicher nur ein Zufall, aber sowohl in "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" als auch in "Drei Farben: Blau" sind Sie im Pool zu sehen, auf dem Wasser treibend, sehr friedvoll. Regisseure sehen in Ihnen offenbar eine gewisse Ruhe. Wie ist das mit Ihrem eigenen Leben: Fühlt es sich für Sie leicht an oder schwer?

Hm. (lächelt) Es ist wahr, dass ich eine gewisse Geduld habe, eine Ruhe, wenn Sie es so nennen wollen. Die Ruhe muss vorhanden sein, dann kann die Tiefe dazukommen. Schon als kleines Mädchen habe ich mich gefragt: Warum sind wir hier? Diese Frage ist noch immer in mir - die Ehrfurcht davor, im Leben zu sein, während man aber akzeptiert, dass man keine Antwort hat.

Sie haben in früheren Interviews darüber gesprochen, dass Sie als Kind einsam waren, während Ihrer Jahre im Internat, und dass das Geschichtenerfinden und -spielen eine Ausflucht bot.

Ich war ein sehr fröhliches Kind. Ich war bekannt für mein Lachen, ANTWORT: damals schon, weil es einfach so aus mir heraus brach. Ich hatte ein Bedürfnis nach Leben. Und gleichzeitig hatte ich schwere Zeiten. Manche Leute haben auch schwere Zeiten, aber sie erfahren sie nicht bewusst; dann bleiben sie stecken im Leben. Aber wenn man dieses Bewusstsein hat, denkt man: Wow, ich habe viel überlebt. Man muss an der eigenen Vergangenheit wachsen. Man vergibt manche Dinge, nimmt sie hin - dann werden sie zu einer Kostbarkeit.

Welche Haltung bringen Sie Ihren Kindern bei: Menschen erst mal zu vertrauen und damit zu riskieren, enttäuscht zu werden - oder erst mal vorsichtig zu sein?

Ich vertraue sofort.

Immer?

Absolut. Man muss offen sein im Leben. Alles andere ist ein Desaster. Was Kinder betrifft: Wir neigen dazu, sie zu viel zu warnen, ihnen Ratschläge zu geben. Aber man muss ihnen Raum lassen. Das ist schwer. Als Mutter fällt mir das ungeheuer schwer, weil ich ihnen den Schmerz ersparen will. Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen.

Ihr Sohn ist als Teenager alt genug, um zu sagen: Maman, ich will keinen Rat von dir, oder?

Das weiß ich schon, das muss er mir nicht sagen. (lacht)

Sie drehen viele internationale Produktionen; in "Die Liebesfälscher" sprechen Sie Italienisch, Französisch und Englisch. Sind Sie ein anderer Mensch, wenn Sie eine andere Sprache sprechen?

Ich spreche recht oft Englisch, weil mein Partner kein Franzose ist und kein Französisch spricht. Deshalb kommt es mir ganz normal vor. Ich glaube nicht, dass ich dann anders bin. Italienisch sprach ich früher fast fließend, aber habe vieles wieder vergessen.

Sie hatten mal einen italienischen Freund, habe ich gelesen.

Oh, Sie wissen schon alles über mich. Ja, mein erster Freund, mit 18, war Italiener.

Sie sind ein Filmstar, auch wenn Sie zum Glamour eine Distanz zu haben scheinen. Aber wie ist es eigentlich, ein Objekt der Begierde für so viele Menschen zu sein?

Ich denke immer, ich bin ein Subjekt der Begierde, kein Objekt.

Ich meine nur, Sie haben viele Verehrer, die Sie persönlich gar nicht kennen, aber recht hitzige Emotionen entwickeln können: Ist das nicht ein komisches Gefühl?

Wenn mich jemand auf der Straße erkennt und erzählt, einer meiner Filme habe dieses oder jenes Gefühl bei ihm verursacht - dabei geht es nicht um mich, sondern um ihn. Ich habe mir schon früh vorgenommen, darauf zu bestehen, dass ich eine Rolle spiele. Auch wenn ich viel von mir selbst, von meinem Herzen hergebe. Als ich angefangen habe als Schauspielerin, war ich am Ende eines Drehs am Ende; ich hatte Fieber, lag im Bett, weil es so schmerzhaft war, loszulassen: die Figur, die Crew, die Geschichte. Seit "Die Liebenden von Pont-Neuf" kann ich besser loslassen; zehn Jahre hat es gedauert, das zu lernen. Wenn ich jetzt einen Film mache, liefere ich mich dem ganz aus - aber danach schaffe ich Distanz. Weil ich es muss. Auch weil ich Kinder habe, habe ich lernen müssen, loszulassen. Und was die Sache mit der Verführung betrifft: Das wird sich ändern, Darling. Keine Sorge.

Sagt Binoche, indem sie sich in ihrem Sessel nach vorne lehnt, mit ihrem französisch angehauchten Englisch für einen Moment wie Lauren Bacall klingt und lacht.

Wie meinen Sie das?

Das bringt das Leben so mit sich.

Das Leben?

Ich weiß ja: Die Verführung sollte da sein bis ans Ende des Lebens. Es geht ums Leben und die Liebe zum Leben. Und das kann man bis ans Ende des Lebens haben.

Also dann muss es sich ja nicht ändern.

Vielleicht sollte es sich dann wirklich nicht ändern. (lacht)

Sie reden vom Älterwerden?

Ja, natürlich.

Aber das ist für Sie doch kein Problem.

Oh, jetzt sind Sie nett zu mir. (lacht)

Wir machen den Test. Vielleicht machen wir in zehn Jahren wieder ein Interview; dann sehen wir, ob Kritiker und Zuschauer immer noch verknallt sind in Sie.

Vielleicht haben Sie recht. Liv Ullmann zum Beispiel, sie ist eine sehr verführerische Frau.

Mit über 70.

Und sie hat nichts machen lassen. Das gefällt mir.

In zehn Jahren also?

Das sehen wir dann. (lacht)

Eine Erscheinung: Juliette Binoche

Michael Ondaatjes Roman „Der englische Patient“ endet mit einer Vision, und man könnte sagen, dabei geht es um Juliette Binoche. Jahre nach seiner kurzen Liebe zu Hana, der Krankenschwester des „Engländers“, hat der heimgekehrte Sikh Kip sie hin und wieder vor Augen, nur sie alleine, wie in einem Stummfilm: „Er nimmt einzig ihren Charakter wahr und das Längerwerden ihres dunklen Haars.“

Falls so eine Erscheinung tatsächlich möglich wäre - am ehesten ginge es wohl mit Binoche, die Hana 1996 in der Verfilmung spielte und dafür den Oscar als beste Nebendarstellerin bekam. Die 1964 geborene Französin hat die Art Präsenz, die einem im Sinn bleibt. Sie hat in über 40 Filmen gespielt; besonders bekannt wurde die vielfach Ausgezeichnete mit „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (1988), „Die Liebenden von Pont-Neuf“ (1991), „Drei Farben: Blau“ (1993) und „Chocolat“ (2000). Am 13. läuft „Die Liebesfälscher“ an.

Binoche lebt mit zwei Kindern aus früheren Beziehungen in Paris. Beim Interview in einem Berliner Hotel ist sie, die angeblich auch anders kann, entspannt; ihr Lachen ist erstaunlich kehlig für so eine kleine Person.

Die Fragen stellte Bertram Eisenhauer.

Quelle: F.A.S.
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