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Jugendliche Flüchtlinge : Amadou kennt den HSV

  • -Aktualisiert am

Amadou Sangare hat es geschafft. Nach einem Monat bekam er einen Platz im Jugendheim und durfte zur Schule gehen. Viele andere Flüchtlingskinder warten darauf noch. Bild: Edgar Schoepal

Immer mehr minderjährige Flüchtlinge, die ihre Eltern in Afrika oder Afghanistan zurücklassen mussten, drängen nach Deutschland. Sie stranden in Grenzstädten, die mit ihnen völlig überfordert sind – und sind damit noch nicht am Ende ihrer Irrfahrt.

          Das Kinn von Bamba Amara* liegt fast auf der Brust, so tief hält er den Kopf gesenkt. Er hockt auf dem Bett des Zehn-Quadratmeter-Zimmers, in dem sonst Touristen schlafen. Seit zwei Wochen ist das sein Zuhause.

          Wenn Bamba von den vergangenen zwei Jahren erzählt, schaut er nie hoch, murmelt auf Französisch in sich hinein. Der Junge mit der dunklen Haut und den schwarzen Kräuselhaaren ist 16. Mit 14 floh er von der Elfenbeinküste nach Mali, nach Niger, bettelte in Algerien um Essen, schaffte es nach Marokko und Spanien. So jedenfalls erzählt er seine Geschichte jetzt, da er in diesem Hotelzimmer in Aachen sitzt. Hier möchte er nicht mehr weg, sagt er. Seit er das Land verließ, dessen Bürgerkrieg ihm seine Eltern nahm, wollte er nach Deutschland.

          Junge Flüchtlinge im Hotel geparkt

          Vor zwei Wochen fischte ihn die Bundespolizei am Aachener Bahnhof aus dem Zug, weil er keinen Pass hatte und allein war. Der Junge bekam den Schlüssel für das Zimmer Nummer 45, für Bett, Schrank, Schreibtisch, Langeweile. Sie sagten ihm, er könne bald in ein Heim zu anderen Jugendlichen und zur Schule gehen. Wann? Das sagten sie ihm nicht.

          Bamba hat einen Anspruch auf Heim und Schule. Wenn junge Flüchtlinge allein nach Deutschland kommen, behandelt das Gesetz sie als Waisen. Doch Aachen hat mittlerweile so viele Waisen, dass es sie in Hotels parkt, bis ein Platz am anderen Ende der Stadt frei ist.

          Hinter den Villen und dem Waldgebiet, in einem Vorort von Aachen, gibt es das andere Zehn-Quadratmeter-Zimmer. Bett, Schrank, Schreibtisch - aber auf dem Tisch stapeln sich so viele Schulbücher, dass kein Platz mehr zum Arbeiten ist. In den Zimmern dort wohnen keine Touristen, sondern Jungs aus Bangladesch, Guinea, Afghanistan. Im Wohnzimmer des Hauses schnippen sie Holzchips über ein Brettspiel. Draußen steht ein Tischkicker neben den dreckigen Fußballschuhen, das Schild am Gebäude zeigt „Maria im Tann - Zentrum für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, Haus 1“.

          Immer mehr Kinder kommen allein

          Einer, der hier wohnt, ist Amadou Sangare*. Der Junge ist 17, er kommt aus Mali, er hat es schon geschafft. Wie Bamba schlug er sich allein nach Europa durch und strandete in Aachen. Vor vier Monaten holte ihn die Polizei aus dem Reisebus, das Jugendamt steckte ihn ins Hotel. Nach einem Monat war ein Platz für ihn im Jugendheim „Maria im Tann“ frei, auch zur Schule darf er gehen.

          Bamba und Amadou überfordern Aachen. Sie überfordern das Jugendamt, sie überfordern das Schulamt, sie überfordern die Flüchtlingshilfe. Das Amtsdeutsch nennt Bamba und Amadou „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“. Ihre Eltern sind tot oder verschwunden, vielleicht haben sie ihren ältesten Jungen auch losgeschickt, damit er es besser hat, Geld verdient. Jedenfalls gibt es in Deutschland niemanden, der auf die Jugendlichen aufpassen kann, deshalb kümmert sich das Jugendamt.

          Von Afghanistan nach Aachen: Sayed Husseini, Nassir Rahimi und Mohsen Hashami wurden von der Polizei aus dem Zug geholt.
          Von Afghanistan nach Aachen: Sayed Husseini, Nassir Rahimi und Mohsen Hashami wurden von der Polizei aus dem Zug geholt. : Bild: Edgar Schoepal

          Seit drei Jahren nehmen die Flüchtlingsströme nach Deutschland wieder zu, seither kommen auch mehr Kinder allein hier an. Fast 5000 zählte die Statistik 2012, ein Drittel mehr als das Jahr zuvor. Wo sie landen, bestimmt die Fluchtroute. Bamba und Amadou kannten Aachen nicht. Sie wollten nicht hierher, genauso wenig wie die anderen Flüchtlinge. Amadou hatte in Mali mal Fußball gesehen, Borussia Dortmund und den HSV, daher kennt er Dortmund und Hamburg. Dort wollte er hin. Aber so weit kam er nicht.

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