http://www.faz.net/-gum-8vk1z

Jewish Pop : Acht vom wilden Affen gebissen

Punkiger Klezmer-Pop auf Englisch und Jiddisch: die israelische Band Jewish Monkeys Bild: Wonge Bergmann

Vom Frankfurter Knabenchor nach Israel und zurück: Wie die Jewish Monkeys mit ihrem fröhlich-frivolen Klezmer-Punk das deutsche Publikum verblüffen. Da kann der große Durchbruch ruhig auf sich warten lassen.

          Die Jewish Monkeys sind eine Band, die den großen Durchbruch bis heute nicht geschafft hat, und das ist für sie eigentlich phantastisch. Zwar nicht in kommerzieller Hinsicht, das auf keinen Fall, sehr wohl jedoch in künstlerischer.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der jüdische Humor nämlich, der das Werk dieser Musiker durchdringt, speist sich aus dem Wissen von der Unvollkommenheit der menschlichen Existenz im Allgemeinen und der eigenen im Besonderen, aus dem Gefühl, im großen Welttheater nur einen unvorteilhaften Logenplatz zugewiesen bekommen zu haben – und das noch direkt hinter einem riesigen Kerl, der nicht einmal den Hut abnimmt. Der durch Jahrhunderte der Ausgrenzung, Unterdrückung und Verfolgung geschärfte jüdische Witz ist ein wirkmächtiges Mittel gegen die Ahnung existentieller Bedrohung wie auch gegen den Alltagsfrust. Und wenn beides, Bedrohung wie Frust, verschwunden ist, etwa dank einer glanzvollen, sorgenfreien Karriere, dann bedarf es ja des Witzes nicht mehr. Wo also kämen wir hin, und wo kämen die Jewish Monkeys hin, wenn sie endlich den völlig verdienten Erfolg hätten?

          An einem lauen Abend des vergangenen Frühlings hat es die israelische Band wieder einmal nach Frankfurt verschlagen. Soeben haben die Monkeys den Laden gerockt, wie man es ausdrücken könnte, würde der Begriff nicht unangemessen wirken bei einem Schauplatz wie diesem hier: einem Wohnhaus aus dem 19.Jahrhundert, dessen Salon im Parterre ein prachtvolles Deckengemälde ziert. Vor einem kleinen Kreis der Frankfurter Kulturschickeria hat die Band einen streng geheimen Gig gespielt und sich damit gleichermaßen im Underground wie auf großbürgerlichem Parkett bewegt. Zwischen allen Stühlen, mal wieder – dort, wo sich die Band durchaus gut eingeordnet sieht.

          Ein Veterinär, ein Unternehmer und ein Psychologe

          Für Jossi Reich, einen der Sänger, der nach dem Konzert vom Balkon der Wohnung in den verwunschenen Garten blickt, ist es eine Heimkehr. Reich ist in Frankfurt geboren worden und hier aufgewachsen. Mit Roni Boiko sang er Anfang der Siebziger im Knabenchor der Westend-Synagoge, und als die Nachbarsjungen gemeinsam heimgingen, wurden sie Freunde – ein hübscher Gründungsmythos, wie er sich für eine Band gehört, zu vergleichen mit der ersten Plauderei zwischen Keith Richards und Mick Jagger 1961 auf dem Bahnhof von Dartford. Eine Band wie jede andere sind die Jewish Monkeys freilich nun gerade nicht, und so ließen die Chorknaben Reich und Boiko satte drei Jahrzehnte verstreichen, bis sie – nunmehr in Tel Aviv lebend – musikalisch wieder zusammenfanden.

          Zu Boiko, im Hauptberuf Veterinär, und Reich, Aktivist und Unternehmer mit notorisch unruhigem Geist und sozialem Gewissen, gesellte sich Gael Zaidner, ein aus Belgien nach Israel eingewanderter Psychologe, dessen Eltern Holocaust-Waisen waren. Den gemeinsamen Jam-Sessions entsprang eine Musikkabarettnummer, die das hebräische Volkslied „Hava Nagila“ einfach mal mit Harry Belafontes „Banana Boat“-Song verschmolz und deren Lyrics den Nahost-Konflikt in vier skurrile Minuten eindampften. Das war der noch recht rohe Grundstein der Bandkarriere: Tierarzt Boiko schrieb teils böse, teils blödelnde Texte, er selbst, Reich und Zaidner sangen, der erfahrene Komponist Ran Bagno half, das Ganze in eine musikalische Form zu gießen, Bläser, Gitarre, Akkordeon, Bass und Schlagzeug kamen hinzu. Den Bandnamen steuerte Reich bei, der dabei The Monkees im Sinn hatte, die Superstars aus den Sechzigern. Und als sei es nicht genug, dass sich hier ein paar Juden selbst zum Affen machen, fanden sie bald heraus, dass der Begriff Jewmonkey umgangssprachlich ein ziemlich übles Schimpfwort darstellt.

          Weitere Themen

          Das Odeon unter der Klagemauer

          Ausgrabungen in Israel : Das Odeon unter der Klagemauer

          Jerusalems Geschichte ist so alt wie facettenreich. Über die Jahrtausende hinweg sah die Stadt Imperien kommen und gehen. Spuren vom römischen Reich waren bisher jedoch rar. Doch nun gelang Archäologen eine Sensation.

          Zahl der Insekten um 75 Prozent gesunken Video-Seite öffnen

          Insektensterben : Zahl der Insekten um 75 Prozent gesunken

          Langzeitstudien haben belegt, dass in den letzten 27 Jahren die Gesamtmasse der Insekten um mehr als 75 Prozent abnahm. Die Wissenschaftler können sich derzeit das Phänomen des Insektensterbens nicht genau erklären.

          Topmeldungen

          Zentrale des Autobauers BMW in München

          EU-Kommission prüft : Kartellwächter zu Besuch bei BMW

          Mitarbeiter der EU sichteten und kopierten Unterlagen in der BMW-Zentrale in München und sie befragten Angestellte des Konzerns. Darum geht es.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.