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Auschwitz-Überlebende : „Ich bin nicht mehr passives Opfer“

Eva Mozes Kor mit 82 Jahren in einem Berliner Hotel. Bild: Andreas Pein

Fast ihre ganze Familie wurde in Auschwitz ermordet. Eva Mozes Kor überlebte, weil sie für Versuche von Josef Mengele gebraucht wurde. Ein Interview über die Macht des Vergebens und darüber, warum andere Überlebende sie oft kritisiert haben.

          Mit zehn Jahren kamen Sie nach Auschwitz. Fast Ihre ganze Familie wurde in den Gaskammern ermordet. Nur Sie und Ihre Zwillingsschwester Miriam überlebten, weil Sie für die medizinischen Versuche von Josef Mengele gebraucht wurden. Wie können Sie da vergeben?

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Die Frage wird mir oft gestellt. Ich antworte dann immer: „Habe ich es verdient, mich zu befreien vom dem, was mir angetan wurde?“ Die Antwort lautet immer: „Ja, absolut.“ Wenn ich dann aber frage, wie das gehen soll, hat keiner eine Antwort. Ich habe meinen Weg gefunden, um mich selbst zu lösen und wieder frei zu sein.

          Wie kam das?

          Nach dem Tod meiner Schwester habe ich 1993 mit einem Filmteam einen Nazi-Arzt besucht, der in Auschwitz war. Er lebte in einem kleinen Ort in Bayern. Als ich bei ihm ankam, war ich sehr nervös. Aber der Nazi-Arzt empfing mich freundlich und behandelte mich mit Respekt. Das hat mich überrascht. Vor allem hat mich überrascht, dass er mir sympathisch war. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, und da habe ich ihn plötzlich einfach gefragt: „Wissen Sie irgendetwas über die Gaskammern? Sind Sie da vorbeigekommen, waren Sie drinnen?“ Und er antwortete: „Genau das ist mein Problem. Das ist der Albtraum, mit dem ich jeden Tag meines Lebens lebe.“ Und er fing an zu erzählen. Er hat die Vergasungen in allen Details gesehen, weil er durch ein Guckloch schauen musste und dann den Totenschein für alle ausstellte. Ich hatte noch nie gehört, dass ein Nazi in allen Details über die Morde berichtet. Ich habe ihm gesagt: „Ich fahre 1995 nach Auschwitz, kommen Sie mit und unterschreiben Sie ein Dokument, in dem genau steht, was Sie gesehen haben. Damit das nie wieder jemand leugnen kann.“ Und er hat einfach ja gesagt.

          1995 sind Sie tatsächlich mit dem früheren SS-Arzt Hans Münch zu der 50-Jahr-Feier der Befreiung nach Auschwitz gefahren . . .

          Aber nach dem Treffen in Bayern fuhr ich erst mal wieder nach Hause nach Terre Haute in Indiana. Damals merkte ich, dass ich diesem Nazi danken wollte, weil er bereit war, alles zu bezeugen. Aber wie dankt man einem Nazi? Ich habe zehn Monate darüber nachgedacht, hin und her überlegt, und plötzlich kam mir die Idee: Warum schreibe ich ihm nicht einen Brief, in dem ich ihm vergebe. Und ich dachte, das ist sicher ein bedeutendes Geschenk für Dr. Münch. Erst später habe ich gemerkt, dass es für mich noch viel bedeutender war. Weil mir bewusst wurde, dass ich Macht hatte. Ich, das kleine Opfer, das seit Jahrzehnten dachte, es hätte gar keine Macht. Ich hatte die Macht zu vergeben. Alle Opfer auf der Welt fühlen sich verletzt, hilflos, machtlos. Und ich habe gemerkt: Das ist die Macht, die nur ich habe.

          Es war also Zufall?

          Ja. Hätte Dr. Münch mich wie ein guter alter Nazi behandelt, kalt, unfreundlich und abweisend, hätte ich mich nie so wohlgefühlt, ihn nach den Gaskammern zu fragen. Aber ich habe auch eine Weile gebraucht, um zu verstehen, was die Vergebung für mich bedeutete. Ich habe gemerkt, dass ich die Kontrolle über mein Leben zurückbekam. Ich war nicht mehr das passive Opfer, sondern eine handelnde Person.

          Und die Vorstellung, selbst Dr. Mengele zu vergeben und die Oberhand über ihn zu gewinnen, war wie berauschend. So konnte ich endlich frei von ihm werden. Wissen Sie, ich war vorher mein ganzes Leben wütend und habe alles Böse, was mir geschah, auf Auschwitz geschoben. Sogar als ich mir mit 50 Jahren den Knöchel brach, habe ich mir gedacht, das kommt sicher von den medizinischen Versuchen. Opfer fokussieren sich auf ihre Schicksalsschläge und sagen, sie können nichts dagegen tun. Aber das ist falsch. Die Vorstellung des Opfers, keine Macht über sein Leben zu haben, ist das Fundament dafür, ein Opfer zu bleiben.

          Ist es das, was Sie in Ihrem Buch mit einem „vorbildlichen Opfer“ meinen?

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