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Leben auf der Gefängnisinsel : Eine Kindheit auf Alcatraz

  • -Aktualisiert am

Weit weg vom Festland: Nicht nur die Gefangenen, auch Wärter mit ihren Familien lebten auf dem „Felsen“. Bild: AP

Jolene Babyak ist auf der berühmtesten Gefängnisinsel der Welt aufgewachsen. Es war die schönste Zeit ihrer Kindheit. Ihre Eltern schlossen abends nicht mal die Haustür ab.

          Der Anfang vom Ende beginnt mit Sirenengeheul. Es ist Montag, der 11. Juni 1962 am frühen Morgen, als Jolene Babyak in ihrem Bett hochfährt, aufgeschreckt von den hohen, langgezogenen Alarmsignalen, die vom Gefängnis über die ganze Insel schallen. Sie springt aus dem Bett und rennt die Treppe hinunter in die Küche, wo ihre Mutter aufgeregt in den Schubladen nach einem scharfen Messer sucht.

          Wenig später tapsen Jolene Babyak, ihr älterer Bruder Phil und ihre Mutter - das Messer fest in der zitternden Hand - in den düsteren, feuchten Keller ihres Hauses hinunter. Sie suchen drei Männer, die in die Geschichtsbücher eingehen werden: drei Männer, denen die Flucht von Alcatraz gelingt, der berühmtesten Gefängnisinsel der Welt. Ein Jahr später wird Alcatraz wegen gravierender Sicherheitsmängel geschlossen werden. Das Mauerwerk der Gebäude ist durch den permanenten Salzwasserkontakt so porös geworden, dass man schon mit normalem Essbesteck einen Tunnel hineingraben kann. Genau das haben die drei erfolgreichen Ausbrecher - Frank Morris und die Brüder John und Clarence Anglin - in den Monaten vor ihrer Flucht auch getan. Die drei saßen unter anderem wegen Drogenhandels, bewaffneter Überfälle und Bankraubs ein.

          „Irgendjemand hatte immer ein Auge auf uns Kinder“

          „Als Alcatraz geschlossen wurde, endete für mich die schönste Zeit meiner ganzen Kindheit“, sagt Jolene Babyak, die heute 68 Jahre alt ist.

          Für Außenstehende klingt es verrückt und gefährlich - für Babyak war es fast drei Jahre lang Normalität: Als Siebenjährige zog sie mit ihrem großen Bruder und ihren Eltern nach Alcatraz. Nach anderthalb Jahren wurde ihr Vater aufs Festland versetzt, doch er kehrte Anfang der Sechziger mit seiner Familie nach Alcatraz zurück, kurz bevor Babyak 15 wurde.

          Ihr Vater arbeitete zunächst als Aufseher und später als stellvertretender Gefängnisdirektor auf Alcatraz. Rund 60 Familien mit insgesamt 75 Kindern lebten damals in einer Art kleinem Dorf auf der Insel. Für Babyaks Familie stand das Leben gleich neben so vielen Schwerkriminellen nicht im Widerspruch zu einer friedlichen Kindheit: „Meine Eltern haben abends nicht mal unsere Haustür abgeschlossen.“

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Da die Familien, abgeschirmt vom Festland, in ihrer eigenen Gemeinschaft lebten, fühlten sich viele der Eltern auch für die Kinder der anderen Familien verantwortlich. „Der Zusammenhalt war groß, und irgendjemand hatte immer ein Auge auf uns Kinder“, sagt Babyak. „Wenn tatsächlich mal ein Gefangener geflohen ist, hat er versucht, aufs Festland zu kommen.“ In Wohnhäuser von Wärtern sei nie jemand eingebrochen. Auch nicht am 11. Juni 1962.

          Am Anfang hatte die Familie nur ein Zweizimmerwohnung

          Auch deshalb finden Babyak, ihr Bruder und ihre Mutter niemanden, als sie den Keller durchsuchen. Die drei Ausbrecher sind zu diesem Zeitpunkt längst von der Insel geflohen. Nachdem sie es durch den Tunnel an die frische Luft geschafft haben, nutzen sie ein Schlauchboot, das sie aus Regenmänteln und Klebstoff selbst zusammengebastelt haben. Babyaks Vater ist an diesem Tag für die Sicherheit auf der Insel verantwortlich. Sein Chef, der Gefängnisdirektor, weilt im Angelurlaub. Als die Wärter den Ausbruch entdecken, lässt Babyaks Vater zuerst das Boot stoppen, das von der Insel zum Festland gondelt.

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