So recht einverstanden scheint er nicht - die Idee des Fotografen ist Jochen Alexander Freydank zu platt. Freydank hat sich einen Cheeseburger bestellt, obwohl er, wie er erzählt, schon in den vergangenen Tagen jede Menge davon gegessen hat. Ihn nun aber damit zu fotografieren, das sei zwar naheliegend (“Freydank - Burger - Amerika - Hollywood - Oscar“), er findet es aber trotzdem doof - und lässt sich dann doch darauf ein. Er lächelt nicht einmal gequält und amüsiert sich, als er die Bilder von sich mitsamt Pommes und Cheeseburger auf dem Display der Kamera sieht. Noch einmal stutzt Freydank an diesem Abend: als er hört, dass sein Film schon im Internet zu sehen ist. Das könne nicht sein, sagt er. Es gebe ja nur zehn Kopien von „Spielzeugland“. Allerdings weiß er selbst nicht ganz genau, wo die sich derzeit alle befinden. „Zwei hat auf jeden Fall noch die Academy in Los Angeles.“ Dann aber lacht er und sagt: „Warum soll es einem Kurz-Spielfilm besser ergehen als einem langen.“ Nach dem Oscar-Rummel sei es ja nur zu verständlich, dass die Leute sein Werk nun auch sehen möchten.
Markanter kahler Schädel
Der Ost-Berliner Freydank hat ins „Café Puschkin“ gebeten. Das Lokal liegt in der Leipziger Südvorstadt an der Karl-Liebknecht-Straße. Es ist leicht zu finden: Von weitem schon sieht man den fünfzackigen roten Stern neben der Eingangstür, das Symbol kommunistischer Weltanschauung. Der Stern stellt die Hand des befreiten Menschen in der klassenlosen Gesellschaft dar. Mit Ostalgie hat der Treffpunkt nichts zu tun. Das „Puschkin“ ist im Inneren eine harmlose und völlig unideologisch wirkende Studentenkneipe. Zudem ist das Café nicht Freydanks Stammlokal, in dem er mit großem Hallo empfangen wird. Der Einundvierzigjährige arbeitet nur um die Ecke. Für die Saxonia Media Filmproduktion GmbH produziert er noch bis zum Sommer die ARD-Erfolgsserie „In aller Freundschaft“. Die Geschehnisse in der angeblichen Leipziger „Sachsenklinik“ ziehen an die sechs Millionen Zuschauer (Marktanteil: 20 Prozent) vor die Fernseher.
Jochen Freydank, der wie zur Tarnung eine schwarze Kappe über seinen markanten kahlen Schädel gezogen hat, bleibt im „Puschkin“ unerkannt. Die Gäste an den Nebentischen blicken kaum auf, worüber er sichtlich froh ist. Beim Abflug in Los Angeles wurde der deutsche Oscar-Gewinner selbst von Amerikanern immer wieder angesprochen und um Autogramme gebeten. „Die kannten sogar meinen Namen.“ Dass er dann auch noch am Berliner Flughafen Tegel von Dutzenden Journalisten und Blitzlichtgewitter begrüßt wurde, damit habe er wirklich nicht gerechnet. Und das sei keine Koketterie. Die Kurz-Spielfilm-Kategorie sorge gewöhnlich nicht für solch einen Wirbel in Deutschland, sagt er sarkastisch. Freydank hofft, dass sein Gesicht bald aus den Schlagzeilen verschwindet und er nicht weiter behelligt wird. „Ich stehe viel lieber hinter der Kamera als davor.“
Nur voller Glück
Dabei hatte der Berliner so souverän auf der Bühne des Kodak Theatre in Los Angeles gewirkt. Strammen Schritts war er durch die Reihen der Hollywood-Prominenz nach vorne gegangen, hatte strahlend seine Trophäe entgegengenommen und eine perfekte Stegreif-Rede auf Englisch gehalten. War er nicht nervös angesichts Hunderter Millionen Zuschauer? Hatte er nicht eine „Blutleere im Hirn“? So hatte sich der Deutsche Florian Gallenberger gefühlt, als er 2001 für seinen Kurz-Spielfilm „Quiero Ser“ ausgezeichnet wurde.
Freydank überlegt kurz. „Nein. Ich war nur voller Glück - und da war noch viel Wärme in mir.“ Natürlich hätten viele vorher auf ihn eingeredet: Er müsse auf jeden Fall eine Rede vorbereiten. Man habe ihm sogar erklären wollen, was er zu sagen habe. Doch da findet Freydank, geschult durch viele Jahre als Regieassistent, durchaus deutliche Worte: Er sei erwachsen, er wisse schon, was er zu tun habe. „Durch so was darf man sich nicht nervös machen lassen. Da muss man bei sich bleiben.“ Was nicht einfach war in einer Woche, in der es um nichts anderes als den Oscar ging.
Klappe halten
Einen Redeentwurf hatte er dann doch, einiges verwarf er auch wieder. So nahm er sich vor, nicht doppeldeutig vom „kahlen Schädel“ zu sprechen. Genau das aber tat er, der Rest der Rede war vergessen. Die Idee, von dem Ostdeutschen zu sprechen, der hinter der Mauer aufwuchs und für den Westdeutschland, schon gar Hoollywood und der Oscar unerreichbar schienen, sei ihm erst auf dem Weg nach vorne eingefallen, erzählt Freydank. Dass ihm nur wenig Zeit blieb, hatte er vor Augen: Auf einem Teleprompter liefen seine 45 Sekunden wie bei einem Countdown in großen Zahlen ab. „Zuletzt blinkte in Rot: ,wrap up'.“ Was Freydank frei mit "Klappe halten“ übersetzt.
Ihm blieb aber genügend Zeit, sich bei „cast and crew“ zu bedanken, seine engsten Wegbegleiter zählte er sogar namentlich auf. Dann folgte der Schlusssatz an sein Team, den es nicht hätte geben sollen: „Ich hoffe, dass dieser kahle Schädel hier uns allen bei der künftigen Karriere helfen wird.“ Glatze tragen Freydank und Oscar. Dass sich die Zusammenarbeit mit dem Regisseur bezahlt machen wird, dafür garantiert die Trophäe nicht unbedingt. Schauspieler, sagt Freydank, die einen bedeutenden Preis bekommen, gelten oft als zu teuer, als ausgebucht, nicht einsetzbar - und bleiben einige Zeit arbeitslos.
Ein sicherer Job war noch nie ein Lebensziel
Der kahle Mann aus dem Osten aber dürfte ein bisschen mehr vom kahlen Mann aus dem Westen profitieren. Bereits sein Film „Spielzeugland“, der auf etlichen Festivals gezeigt und mit 17 nationalen und internationalen Preisen bedacht wurde, brachte ihn in Hollywood ins Gespräch und seine Regiearbeit auf die Kurz-Spielfilm-Liste der „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“. Die Oscar-Nominierung erhöhte das Interesse noch, seit vergangenem Sonntag wird er mit Mails und SMS überschüttet. „Zwei Minuten nachdem ich den Oscar bekommen hatte, gingen die ersten Gratulationen von amerikanischen Agenturen ein.“
Nicht ohne Hintergedanken: Hollywood baut inzwischen gerne auf die Regietalente aus Übersee wie etwa Marc Forster ( „James Bond: Ein Quantum Trost“) oder Tom Tykwer („The International“). Auch von deutscher Seite wurde Freydank in der Oscar-Woche bedrängt, einen Vertrag zu unterschreiben. Er müsse sich schnell für eines der ihm angebotenen Projekte entscheiden, damit er etwas in Händen halte, falls er den Oscar nicht bekomme. Freydank aber sagte: „Ich muss gar nicht.“ Ein sicherer Job war noch nie ein Lebensziel des überwiegend freischaffenden Autodidakten gewesen.
Wehrpflichtiger in der Nationalen Volksarmee
Freydank, 1967 in Ost-Berlin geboren, stammt aus einem „intellektuellen Elternhaus“, wie er sagt. „Meine Mutter arbeitete im Märkischen Museum, mein Vater im Museum für Naturkunde.“ So verbrachte der Sohn seine Freizeit zwischen Saurierknochen und nicht etwa im Kino. Die Familie schätzte das Theater. „Dort konnte man Zwischentöne vernehmen.“ Das DDR-Fernsehen sei dagegen politisch völlig gleichgeschaltet gewesen, die Produktionen der Defa, des volkseigenen Filmstudios mit Sitz in Babelsberg, seien wenigstens manchmal etwas freier gewesen. Trotzdem begann Freydank nach seinem Abitur ein Regievolontariat beim ungeliebten DDR-Fernsehen, konnte sich im Kinder- und Jugendprogramm aber aus der Politik weitgehend raushalten.
Ähnliches gelang ihm als Wehrpflichtiger in der Nationalen Volksarmee. Eingesetzt war er in Hagenow, unweit der deutsch-deutschen Grenze zwischen Hamburg und Schwerin. Er diente als Fotograf, weil er dreist behauptet hatte, er sei an der Kamera ausgebildet worden. „Nachgeprüft hat das niemand.“ Und fotografieren konnte er. So machte er Bilder von Belobigungen und anderen offiziellen Terminen in der Kaserne, aber zum Beispiel auch Porträtabzüge von Passfotos für die Offiziere. Dass er dabei einmal ein Bild seitenverkehrt vergrößerte, merkte er erst, als der Vorgesetzte ihn anschrie. „Ich hatte nicht gesehen“, erzählt Freydank lachend, „dass die Orden plötzlich auf der falschen Seite hingen.“ Er blieb 18 Monate in der Armee (“es war keine angenehme Zeit“). Um studieren zu können, wären 36 Monate Pflicht gewesen.
Spielzeugland
Erst nach der Wende bewarb er sich mehrfach vergeblich an den Filmhochschulen in Berlin und Potsdam. „Ich bin gar nicht mehr sicher, ob ich fünf- oder sechsmal abgelehnt wurde.“ Warum? „Vielleicht war ich denen zu selbstbewusst - oder zu arrogant“, sagt Freydank. Vieles von dem, was dort gelehrt wurde, gefiel ihm aber ohnehin nicht. Und so arbeitete er sich als Cutter ( „Ein Engel namens Flint“), Regieassistent ( „Polizeiruf 110“) und Drehbuchautor („Dr. Sommerfeld - Neues vom Bülowbogen“) langsam hoch, beim Fernsehen und am Theater. Er war eine Zeitlang als Salesmanager für zwei Musical-Produktionen in Berlin tätig, wagte sich mit seinem, wie er sagt, nicht vorhandenen Schulenglisch bis nach London und New York (und lernte dort Englisch), gründete schließlich seine eigene Firma in Berlin mit Namen Mephisto Film. Das wurde nötig, weil er Gelder der Filmförderung beantragen wollte. Der faustische Teufel habe als Namensgeber herhalten müssen, weil sein erster Kurz-Spielfilm eine bitter-schwarze Komödie war: „Glückliches Ende“ aus dem Jahr 1999 handelt von einem Sargtischler, der unverschuldet vor dem Ruin steht und noch gerettet wird.
„Spielzeugland“ ist der sechste „Mephisto“-Kurz-Spielfilm, aufwendig auf 35 Millimeter gedreht. Freydank hat das Drehbuch zusammen mit Johann A. Bunners geschrieben (dazu verabredet haben sich die beiden bei einem zufälligen Treffen vor einem Berliner Supermarkt). Zudem hat er Regie geführt und den Film produziert. „Ich wollte die Geschichte unbedingt erzählen.“ Es geht um zwei Jungen, Heinrich und David, die Nachbarn sind. David ist Jude, seine Familie, die Silbersteins, rechnen mit ihrer Deportation ins Konzentrationslager. Heinrichs Mutter, Marianne Meissner, verschweigt ihrem Sohn die Gefahr, spricht stattdessen davon, dass die Nachbarn ins Spielzeugland verreisen werden. Heinrich ist begeistert und will unbedingt mit. Am nächsten Morgen ist er verschwunden, genauso wie die Silbersteins, ihre Wohnung ist verwüstet. Frau Meissner eilt in Panik zum Bahnhof. Dort gelingt es ihr, die Nazi-Schergen von dem Irrtum zu überzeugen. Sie öffnen den Waggon, in dem unzählige Menschen mit gelben Judensternen zusammengepfercht sind. Doch Heinrich ist nicht dabei. Kurz zögert die Mutter - und rettet dann David, das Kind der Silbersteins. „Na komm, Heinrich“, sagt sie. Ihr Sohn, der keinen Stern trug, war beim Abtransport am Morgen von den Uniformierten abgewiesen worden. Am Ende wird klar, dass die Buben den Krieg überlebt haben.
In fünf Tagen abgedreht
Vier Jahre lang hat Freydank an dem 14 Minuten langen Film gearbeitet. Hartnäckigkeit, Talent und Beziehungen sind nach Angaben Freydanks nötig, um im Filmgeschäft zu bestehen. „Zwei davon reichen sogar.“ Er zum Beispiel habe keine Beziehungen gehabt, aber vor allem Hartnäckigkeit. Und: „Ich unterstelle mir schon Talent.“
Etwa 50.000 Euro hat die Produktion gekostet, 30.000 Euro haben das Medienboard Berlin-Brandenburg und die Filmförderungsanstalt finanziert. Für den Rest suchte sich Freydank mühsam Sponsoren. Die Berliner Eisenbahnfreunde waren mit einem alten Zug samt Dampflok ebenso beteiligt wie eine Getränkefirma, für die er zuvor einen Werbefilm gedreht hatte. „Letztlich war das Catering wohl der größte Batzen“, sagt Freydank. In fünf Tagen wurde „Spielzeugland“ abgedreht, die Schauspieler verzichteten größtenteils auf ihre Gage. Dazu gehören Thorsten Michaelis (Vater Silberstein), den Freydank noch von seiner Zeit bei einem Berliner Off-Theater kannte, und Julia Jäger, die er unbedingt als Mutter Meissner haben wollte.
Für die Reise nach Los Angeles bekam Freydank nun noch einmal Fördergelder. Trotzdem findet er es frustrierend, dass die Woche an die 20.000 Euro gekostet hat. „Es ist nicht zu glauben, wieviel Geld ich allein für den blöden Smoking bezahlt habe, den ich nie wieder brauche.“ Das bleibt abzuwarten.