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Joachim Gaucks Sohn Christian „Er war für uns selten der Vater“

 ·  Wie ist Joachim Gauck wirklich? Ein Gespräch mit seinem Sohn Christian über die Unbedingtheit des Pfarrers, gehässige Kritik und wilde Ehe - und darüber, wann ihm der Vater peinlich war.

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© Daniel Pilar „Lasst ihn doch erstmal gewählt sein - und dann gucken wir, wie’s wird“: Christian Gauck in seinem Haus in Hamburg

Herr Gauck, wie haben Sie von der Nominierung Ihres Vaters erfahren?

Ziemlich früh. Ich bekam an dem Sonntag einen Anruf, dass die FDP sich für ihn ausgesprochen hat, und daraufhin habe ich meinen Vater informiert. Er hatte nur wenig Zeit, er war ja in Wien zu einem Vortrag, und sagte nur, das hätte er auch gehört. Aber uns war klar, dass er nicht noch einmal ohne eine realistische Chance antreten würde. Und wir wussten, dass Frau Merkel keinen Seiteneinsteiger mehr wollte.

Haben Sie darüber mit ihm geredet?

Wir reden nicht ständig miteinander, er ist ja viel unterwegs. Aber eine zweite Kandidatur war nie Thema, unsere ganze Familie hat das stets weit von sich gewiesen. Mich haben sehr oft meine Patienten angesprochen, dass sie gern meinen Vater im Amt sähen, das hat mich auch gefreut. Aber wir haben nicht geglaubt, dass er nach dem Wulff-Rücktritt noch einmal gefragt wird. Wir haben alle gedacht: Sie wird nicht über ihren Schatten springen.

Hat er sich mit Frau Merkel darüber unterhalten, beide kennen sich doch?

Zu DDR-Zeiten kannten sie sich nicht, aber seit dem Mauerfall kennen und schätzen sie sich; sie war auch bei seinem sechzigsten Geburtstag da und hat bei seinem siebzigsten vor zwei Jahren die Laudatio gehalten, aber seitdem haben sie sich, glaube ich, nur einmal gesehen. Und ich weiß ganz sicher, dass sie dabei nicht über seine Kandidatur gesprochen haben.

Trotzdem hat sich Angela Merkel heftig gegen Ihren Vater als Kandidaten gewehrt. Tragen Sie ihr und trägt er ihr das nach?

Wir wissen nicht, welche tatsächlichen Gründe sie hatte. Es wird manchmal gesagt, sie sei nicht berechenbar, und so kommt das auch bei mir an. Mein Vater meinte, wenn sie ihn fragt, kann er das nicht ablehnen, denn er hat 2010 unter ungünstigeren Bedingungen ja gesagt. Nur wir alle haben bis zum Schluss nicht damit gerechnet. Er selbst hat immer gesagt: „Ich habe ein wunderbares Leben, bin jeden Tag unterwegs und treffe viele Menschen.“ Er war so oft weg, dass wir ihn als Familie schon ermahnt haben, nicht auch noch an Wochenenden irgendwo aufzutreten und sich mal freizunehmen. Seine typische Antwort lautete dann: „Jaja, mach’ ich mal.“ Und dann kam der Anruf im Taxi.

Er soll mit dem Satz „Wir ändern die Route, Sie fahren den künftigen Bundespräsidenten“ das Taxi zum Kanzleramt gelotst haben.

Ich weiß nicht, ob er das so gesagt hat. Wenn, dann war es sicher nicht seine Eitelkeit, die ihm immer noch vorgehalten wird und die er längst abgelegt hat, sondern das Erlebnis dieses wirklich einmaligen Moments. Dass er dann so etwas sagt, passt zu ihm, da sehe ich ihn vor mir.

Bei der anschließenden Pressekonferenz wirkte er überwältigt.

Ja, das war er auch. Ich habe vor dem Fernseher gesessen und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Dieser Satz „Ich bin ja noch nicht mal gewaschen“ - Gott, war mir das peinlich. Aber so ist er, ungeschminkt, ungefiltert.

Ist er ein humorvoller Mensch?

Doch, sehr. Er hat uns als Kinder, wenn wir viele Dinge verbissen gesehen haben, mit lustigen Anekdoten wieder auf den Teppich geholt.

Hat Sie seine enorme Popularität überrascht?

Ja, schon bei der ersten Nominierung. Ganz merkwürdig war, dass fast die gesamte Presse positiv schrieb. Aber das entsprach dem, wie die Menschen ihn wahrnahmen. Viele haben ihn live erlebt.

Wie erklären Sie sich diese Popularität? Weil er nicht aus einer Partei kommt?

Er ist parteilos, aber er ist kein Anti-Politiker, das ist Unfug, und er ist auch nicht unpolitisch, wie geschrieben wird. Er übernimmt nur nicht alle Floskeln, die die Parteipolitik produziert, sondern macht sich eigene Gedanken.

Horst Köhler oder Roman Herzog wurden im Amt populär. Ihr Vater ist es schon vorher. Fürchten Sie sich vor Rückschlägen?

Ich ziehe das in Betracht. Wenn er dann im Amt ist, erfüllen sich sicher nicht alle Erwartungen, und dann kann sich die Zustimmung auch verflüchtigen. Nur: Lasst ihn doch erst mal gewählt sein - und dann gucken wir, wie’s wird. Was mich hoffnungsvoll macht, ist, dass sich doch die Leute jemanden gewünscht haben, der Ecken und Kanten hat. Er ist da im besten Sinne unbequem, er sagt Politikern, aber auch den Leuten Dinge, die sie vielleicht nicht immer hören wollen.

Die Kritik an ihm wuchs bereits in den vergangenen Tagen.

Alles andere wäre auch merkwürdig. Nur wird hier viel aus dem Zusammenhang gerissen. Diese Kritik an seinen Aussagen zur Occupy-Bewegung zum Beispiel. Gerade ihm zu unterstellen, dass er Demonstrationen verunglimpft, ist absurd.

Es gibt Bürgerrechtler, die jetzt sagen, er sei kein Bürgerrechtler gewesen.

Da kann ich nur lachen. Er hat sich nicht gegen alles gestellt, aber er hat als Pastor sehr konkret geholfen. Damit war er für uns ein Bürgerrechtler im wahrsten Sinne des Wortes. Gerade in Rostock-Evershagen, wo er eine Gemeinde aufbaute, gab es auch Fälle von politischen Inhaftierungen, Drangsalierungen. Da hat er sich für die Menschen eingesetzt, auch jungen Leuten geraten, sich zu dekonspirieren, wenn die Stasi sie anwerben wollte. Das wusste ja keiner, dass man für die dann uninteressant wurde.

Was hat er in seinen Predigten angesprochen?

Seine Predigten waren von Ermutigung geprägt. Er fand in Bibeltexten Brücken und Assoziationen zum Leben der Menschen, und die haben gebannt zugehört. Er erzählte nicht, dass Jesus alles richten würde, sondern wählte Sätze, die jeder als Anspielung auf unser Leben verstehen konnte. Ich erinnere mich an Worte vom „Volk, das im Dunkeln wandelt“ oder „Dummheit und Stolz wachsen auf gleichem Holz“. In der DDR sollte man ständig stolz sein auf die Errungenschaften des Sozialismus. Später, bei seinen Predigten auf den Kirchentagen, wurde er auch sehr politisch. Sein Satz „Wir werden bleiben wollen, wenn wir gehen dürfen“ lief 1988 in der „Tagesschau“.

Der Bürgerrechtler Hans-Jochen Tschiche sagt, Ihr Vater fahre „ohne Skrupel auf dem Ticket Bürgerrechtler durch die politische Landschaft“.

Ich habe diesen Angriff nicht verstanden, gerade auch von Herrn Tschiche, der ja selbst viel durchgemacht hat. Das ist gehässig. Vielleicht spielen da Neid oder Eitelkeiten eine Rolle. Viele haben meinem Vater schon in der Wendezeit schwer übelgenommen, dass er die DDR nicht reformieren, sondern abschaffen wollte. Er war Realist, der sagte: „Ein dritter Weg, wie soll das gehen?“ Das tragen ihm einige bis heute nach.

Ihr Vater gibt in seiner Autobiographie zu, dass er die Familie dem Beruf nachgeordnet hat. Wie haben Sie das empfunden?

Wir kamen als Familie immer an zweiter Stelle, er hat alles allein entschieden. Als er die Stelle in dem Plattenbaugebiet in Rostock bekam und wir aus dem wunderschönen Dorf Lüssow wegziehen mussten, da wurden wir nicht gefragt. Das wäre heute undenkbar, in der Familie so miteinander umzugehen. Aber für ihn war das die Aufgabe, diese Gemeinde aufzubauen, in dieser Betonwüste Kirche zu machen, da ging er total drin auf.

Wie verkraftete die Familie das?

Meine Mutter hat sehr unter dem Umzug in dieses furchtbare Plattenbaugebiet gelitten. Vorher wohnten wir auf dem Land, jetzt hatten wir fünf Zimmer in einem Neubaublock, und die nicht nur für uns. Dort fand auch der gesamte Konfirmanden- und Christenlehre-Unterricht statt. Da standen dann zehn Paar Stiefel vor der Tür, denn ohne die konnte man sich ja durch die Schlammwüste im Neubaugebiet gar nicht bewegen. Straßen und Fußwege wurden erst später gebaut. Es gab kaum ruhige Momente, bei uns war immer irgendwas los, die Wohnung war immer voll mit Leuten.

Führte das zu Konflikten?

Natürlich. Meine Mutter hat den Haushalt geführt, wir waren damals drei Kinder. Es war selten, dass auch mein Vater mal einkaufen ging. Sie hat oft protestiert und gesagt: „Jochen, das kannst du so nicht machen.“ Wir Kinder erlebten diesen Konflikt, das war unsere Normalität. Wir haben ihn damals wenig gesehen, er war für uns selten der Familienvater, sondern immer unterwegs. Wir sind nicht, wie bei vielen heute üblich, in totaler Harmonie mit ständigen Umarmungen und Küsschen aufgewachsen. Meine Eltern bekamen dann mit 38 noch mal ein Kind, meine jüngste Schwester, da wurde es für uns alle etwas ruhiger.

Haben Sie Ihrem Vater Vorwürfe gemacht?

Ich habe seine Arbeit immer als sinnvoll und wichtig empfunden. Das war harte Aufbauarbeit, eine Gemeinde zu gründen. Ich habe ihn oft begleitet, zu den Freizeiten, den Rüstzeiten. Da merkte ich: Die Leute kommen extra da hin, weil er das macht. Das hat mich beeindruckt. Aber er hat sich damals eben immer mehr für andere als für die eigene Familie eingesetzt.

Selbst dann, als Sie und Ihr Bruder einen Ausreiseantrag gestellt hatten.

Ja, mein Bruder und ich haben uns gewünscht, dass er seine Kontakte aus dem Kirchentagspräsidium zu Richard von Weizsäcker nutzt, damit wir auf eine Ausreiseliste kommen. Für andere hat er das gemacht, für uns nicht. Er hat gesagt: „Christian, ich kümmere mich um Menschen, die es nötiger haben, die inhaftiert sind. Ihr könnt bleiben und hier die Dinge verändern.“ Ich habe das zwar verstanden, war aber unglaublich enttäuscht. So ging mir das damals mit vielen seiner Entscheidungen.

Sie waren 23, als Sie den Antrag stellten. Warum wollten Sie weg?

Es war nicht wegen des Studiums, wie viele denken, sondern ich hatte damals zwei kleine Kinder, und ich wollte keinesfalls, dass sie das durchmachen müssen, was ich in der Schule erleben musste. Diese ständigen Gängeleien und Hänseleien durch einige Lehrer, aber auch Mitschüler, nur weil wir an Gott glaubten und zu bestimmten Dingen eine andere Meinung hatten. Auf dem Dorf ging das alles noch, da waren ja viele kirchlich, aber später in der Stadt, in Rostock, war es unerträglich.

War diese Oppositionsrolle schon als Kind für Sie eine Last?

Ich habe meinen Vater auch als Kind immer verteidigt. Ich war auch nicht traurig oder fühlte mich ausgeschlossen, als ich in der ersten Klasse kein blaues Halstuch wie alle anderen tragen durfte. Ich hatte in der DDR eben, wenn es um Schule, Studium und Beruf ging, immer den „falschen“ Vater. Ich durfte das alles nicht, weil er Pfarrer war, das war auch frustrierend, klar. Aber ich hatte dafür Verständnis. Im Westen war das dann mit der Wende umgekehrt. Hier sprachen die Leute von ihm immer mit Respekt.

1987 durften Sie, Ihr Bruder und Ihre Familien schließlich raus. Wie sind Sie im Westen aufgenommen worden?

Wir haben viel Hilfe erfahren. Damals war man als DDR-Flüchtling noch etwas Besonderes. Aber wir haben uns auch viel selbst gekümmert. Das konnten wir nun endlich ohne staatliche Hindernisse. Eine Wohnung zu organisieren, Schule für die Kinder - das alles hat uns ungemein beflügelt und motiviert, das war der Moment der Freiheit, darauf haben wir Jahre gewartet. Es waren totale Glücksgefühle. Ich habe vor Freude stundenlang geheult, als es endlich losging.

Wie haben Sie Ihren Vater in der Zeit des Mauerfalls erlebt?

Er hat uns Kindern damals einen euphorischen Brief geschrieben, wie schön es wäre, wenn wir jetzt da wären. Ich hätte nun nach Rostock fahren können, aber ich hatte in Hamburg nun schon mein Leben, Teil 2. Aber ich habe mir jeden Tag Zeitungen gekauft und Nachrichten gehört. Ich war mit dem Herzen immer dabei und habe auch seine Ergriffenheit gespürt. Der Bruch kam dann erst mit seinem Weggang nach Berlin und der Trennung von meiner Mutter.

War das für Sie ein Schock?

Für mich war es eine Zwangsläufigkeit, aber ich war auch schon älter. Ich habe gedacht, das hätten sie eigentlich schon früher tun sollen. Für meine jüngste Schwester war es schwer. Wir Kinder haben versucht, mit ihm zu reden, aber er war nicht erreichbar. Er hat damals viel verdrängt und immer gesagt, er könne sich darum jetzt nicht kümmern. Da war dieses neue, wahnsinnige Amt, die Stasi-Unterlagenbehörde, er war nur noch unterwegs, hat sich in die Arbeit geflüchtet. Wir waren in dieser Zeit mehr auf der Seite unserer Mutter und haben ihm oft gesagt, dass es so nicht geht. Aber heute ist das alles ausgestanden.

Wann hat sich das Verhältnis wieder normalisiert?

Er hat dann angefangen, seine privaten Dinge aufzuarbeiten, und dabei wohl bemerkt, dass er nicht alles wegschieben kann und dass er auch Fehler gemacht hat. Darüber hat er mit jedem von uns gesprochen, und wir haben ihm unsere Meinung gesagt. Wenn er das eher gemacht hätte, wäre es sicher besser gewesen, aber es war nicht zu spät. Ich finde es gut, dass er nicht dauerhaft geflüchtet ist, sondern sich den Dingen gestellt hat.

Wie ist das Verhältnis Ihrer Eltern heute?

Sie reden schon lange wieder miteinander und begegnen sich in Frieden. Wir sind alle sehr froh, dass es nie juristische Auseinandersetzungen zwischen beiden gab oder Hasstiraden. Meine Mutter toleriert seine jetzige Beziehung und umgekehrt. Das ist nicht selbstverständlich. Wir Kinder haben ein sehr gutes Verhältnis zu Daniela, seiner neuen Partnerin. Wir laden sie auch zu Familientreffen mit ein. Sie ist dafür dankbar, aber sie kommt, auch aus Respekt vor meiner Mutter, bisher nicht mit - obwohl sich beide inzwischen kennen.

Warum haben sich Ihre Eltern nie scheiden lassen?

Ich glaube, sie haben es beide nicht für nötig befunden. Finanzielle Gründe waren jedenfalls nicht entscheidend. Mein Vater wäre der Letzte, der meine Mutter oder uns Kinder nicht unterstützen würde. Aber er wollte bisher seine neue Partnerin auch nicht heiraten - und warum dann Anwälte beschäftigen?

Nun fordern einige, dass er als Bundespräsident seine Verhältnisse ordnen müsse. Wie sehen Sie das und wie reagiert er darauf?

Seine Verhältnisse sind ja nicht ungeordnet, sondern nur anders geordnet. Dafür gibt es einen Terminus in Deutschland, der lautet: dauernd getrennt lebend. Er macht sich Gedanken über eine Hochzeit, aber er hat wohl noch keine Entscheidung gefällt. Hierzulande dürfte seine Art des Zusammenlebens heute nun wirklich kein Problem mehr sein, aber als Präsident kommt er auch in Länder, in denen andere moralische Maßstäbe gelten.

Manche kritisieren, dass Freiheit sein einziges Thema sei.

Das ist es natürlich nicht. Das sagen Menschen, die ihn noch nie haben sprechen hören. Es ist Unfug, dass er zu Solidarität und Gerechtigkeit nichts zu sagen hat. Er hat das in allen Facetten erläutert, bisher natürlich vor dem Hintergrund, in Unfreiheit aufgewachsen zu sein. Denn dass Freiheit auch Verantwortung bedeutet, sehen viele heute gar nicht mehr so.

Täuscht der Eindruck, dass er mit der Freiheit und dem Gesellschaftssystem heute völlig zufrieden ist? Kann er sich noch etwas anderes vorstellen?

Es stimmt, er überpointiert das häufig, aber das liegt daran, dass vielen heute gar nicht mehr bewusst ist, was es für ein Wert ist, in einem Rechtsstaat aufzuwachsen und zu leben. Das ist eine Ursache der vielzitierten Politikverdrossenheit, dass man sagt, ach, egal was ich wähle, es ändert sich nichts, da brauch’ ich gar nicht erst hinzugehen. Da widerspricht er energisch.

Welche anderen Themen sind ihm noch wichtig?

Ich denke, dass er auch die Integration als bedeutendes Thema weiterführen wird. Alle Menschen, die in diesem Land leben, sollen sich hier wohl fühlen. Und er wird auch zu sozialer Gerechtigkeit und Solidarität viel sagen. Nur der Vorstellung, dass beides nur mit Gleichheit zu erreichen sei, wird er energisch widersprechen. Aber jetzt bin ich schon wieder in der Rolle, für ihn zu sprechen, das will ich gar nicht. Lassen Sie ihn doch erstmal ins Amt kommen.

Sind Sie und Ihre Familie stolz auf Ihren Vater und auf sein künftiges Amt?

Stolz war in unserer Familie nie ein Begriff. Wir haben eher überlegt: Sollen wir ihm das wirklich wünschen, dass er noch mal antritt? Wir werden ihn wohl noch weniger sehen, und die unbefangenen Momente werden dann vorbei sein. Mal eben in Wustrow, unserer Heimat, in Badehose ins Wasser springen oder mit dem Rad Brötchen holen, das wird für ihn schwierig werden. Deshalb waren wir als Familie eher nachdenklich hinsichtlich der Jahre, die nun auf ihn zukommen. Es wird nicht einfach, aber es ist eine große Ehre, und wir sind alle der Überzeugung, dass er das Amt gut ausfüllen wird. Natürlich wird es für ihn noch mal eine richtige Umstellung, er ist ja 72.

Ist er sich dessen bewusst?

Ja, ich denke schon. Als ich ihn neulich fragte, wie er sich fühlt, antwortete er: „Ich stehe hier in meiner Wohnung, und mir wird klar: Das war mein bisheriges Leben, und nun gibt’s noch mal einen neuen Abschnitt.“ Dabei hat er ja schon privat wie beruflich viele Abschnitte hinter sich. Manchmal denke ich, was für verrückte Zeiten wir als Familie doch erleben: erst der Sturz des DDR-Systems, der Mauerfall, jetzt eine erwachsene Generation, die das alles gar nicht mehr aus eigenem Erleben kennt, dann innerhalb so kurzer Zeit die Wahl zweier Bundespräsidenten und dann auch noch einen Vater als Kandidat, der zum zweiten Mal antritt. Das ist schon einmalig, glaube ich.

Das klingt beinahe so gerührt wie Ihr Vater, der ja ab und an in Tränen ausbricht.

Das wird ihm neuerdings auch vorgeworfen. Aber ich kann das erklären. Während der Arbeit an seiner Autobiographie ist ihm bewusst geworden, was er alles verdrängt hatte, da hat ihn in der Rückschau vieles sehr aufgewühlt, und das tut es manchmal noch heute, wenn er daraus liest.

Was werden Sie am 18. März machen?

Ich werde sicher wieder als Gast der Bundesversammlung in Berlin sein. Es wollen sehr viele von uns gerne mitkommen, nur ist die Familie so groß, dass das vielleicht nicht gehen wird. Aber wir werden uns einigen. Ich hab’ vor zwei Jahren schon gedacht, dass ich so etwas nur einmal erlebe. Und nun kommt dieser „einmalige“ Moment noch einmal wieder.

Von Rostock nach Hamburg

Christian Gauck wurde 1960 in Rostock geboren. Er ist der älteste Sohn von Joachim Gauck. In der DDR durfte Christian zunächst kein Abitur machen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Orthopädietechniker und konnte erst auf der Abendschule sein Abitur nachholen; der Zugang zum Medizinstudium aber wurde ihm verwehrt. Gemeinsam mit Frau und den zwei Töchtern beantragte er 1983 die Ausreise, auf die er, ebenso wie sein Bruder Martin, vier Jahre warten musste. Seine Meisterausbildung musste er wegen des Ausreiseantrags abbrechen; daraufhin kündigte er und schlug sich als Fahrer und Maler durch. In Hamburg studierte er Medizin und arbeitet heute als Leitender Oberarzt und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in einer Hamburger Klinik. Er ist geschieden, lebt in einer Beziehung und wurde 2011 zum zweiten Mal Großvater.

Das Gespräch führte Stefan Locke.

Quelle: F.A.S.
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