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Interview mit Jessica Lee : „Wer im Wasser gestresst ist, der ertrinkt“

„Die Kälte ist betäubend, Schmerz strahlt in die Knochen, zieht sich dann zurück und bewirkt so eine Endorphinausschüttung“, sagt Jessica Lee. Bild: Matthias Lüdecke

Die ersten Freibäder mögen jetzt für die Saison 2017 eröffnen, sie ist den ganzen Winter durch geschwommen: Die Kanadierin Jessica Lee hat ein Jahr lang 52 Berliner Seen ausprobiert. Warum?

          Im März stehen die Bäume kahl um den Berliner Schlachtensee, es riecht nach Erde. Die ersten Sonnenstrahlen machen dem Wasser nichts. Fünf oder sechs Grad ist es kalt, schätzt Jessica Lee, und das wiederum macht ihr nichts. Sie zieht ihre Kleidung aus, legt ihr Handtuch bereit, zögert nicht. „Man muss lange genug drin bleiben, um den Schmerz zu überwinden“, ruft sie vom Wasser aus. Im Sommer pilgern die Berliner zu Hunderten zu dem See mit S-Bahn-Anschluss. Jetzt kommen nur ein paar Spaziergänger vorbei, und kein einziger zum Baden.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie ist das Wasser?

          Unfassbar klar. Das ist zu dieser Jahreszeit immer so, wenn sich die Wasserschichten vermischen. Das ist für mich die beste Zeit.

          Sie vermischen sich?

          Im Frühling und im Herbst werden Temperatur und Nährstoffe im Wasser gleichmäßig verteilt. Im Sommer und im Winter stagniert der See. Wenn es richtig heiß ist, dann ist auch die oberste Schicht des Wassers sehr warm – das ist nett. Aber im Herbst, wenn alle Algen und Bakterien innerhalb von ein paar Tagen absterben, wird das Wasser glasklar und ist mehr in Bewegung. Das ist unbeschreiblich.

          Diese Unterschiede fühlen Sie?

          Ja. Ein Schwimmer erkennt einen See daran, wie er sich anfühlt. Ich fühle nicht nur die Temperatur, sondern auch die Konsistenz des Wassers. Im Sommer spüre ich all die Algen auf der Haut, das Wasser ist richtig dickflüssig. Im Frühling und Herbst dagegen fühlt es sich dünn an und sauber. Ich mag es, im Wasser zu sein und mich darauf zu konzentrieren. Das hat mir in meinem Leben oft geholfen.

          Wobei?

          Mit 24 bin ich aus einer Ehe geflüchtet, die ich nicht kitten konnte. Mein Mann zog sich zurück, trank. 2013 ließen wir uns scheiden. Nachdem wir den Papierkram erledigt hatten, stieg ich rasch in ein Auto und fuhr Richtung Ozean; das war in Halifax, an der kanadischen Ostküste. Als ich in der eisigen Kälte des Nordatlantiks schwamm, war alles wie weggespült.

          Jessica Lee schwimmt im Berliner Schlachtensee. Um diese Jahreszeit kommen nur ein paar Spaziergänger vorbei. Bilderstrecke
          Jessica Lee schwimmt im Berliner Schlachtensee. Um diese Jahreszeit kommen nur ein paar Spaziergänger vorbei. :

          Die heilende Wirkung des Wassers?

          Was, glaube ich, jeder verstehen kann, ist das Gefühl, vollständig versunken zu sein – schließlich ist man im Wasser. Für mich ist es aber auch eine Möglichkeit, exakt da zu sein, wo ich gerade bin. Wenn ich im Wasser bin, bin ich mit meinen Gedanken nirgendwo sonst.

          Ich komme zurück in meinen Körper, zurück in den Moment, und egal, wie schlecht es mir geht: Wenn ich mitten im See bin und mich umschaue, dann ist das immer wunderschön. Es erinnert mich daran, dass ich fähig bin, etwas zu tun, von dem ich lange dachte, dass ich es niemals tun könnte.

          Sie hatten Angst vorm Schwimmen?

          Nicht vorm Schwimmen, ich war sogar eine sehr gute und trainierte Schwimmerin – in Pools. Auch der Ozean war okay. Nur Seen kamen für mich nicht in Frage.

          Warum diese Angst?

          Eigentlich sind Seen schrecklich. Die, mit denen ich in Kanada aufgewachsen bin, waren nicht gerade einladend. Da sind überall Berge und Klippen und dann plötzlich ein sehr dunkler und sehr tiefer See. Ich erinnere mich, dass ich als Kind immer dachte: Da sind diese Löcher, die sehen aus wie Monster.

          Und wie ist es heute?

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