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Jessica Alba Überirdisch sexy

13.08.2007 ·  Die Schauspielerin Jessica Alba ist dauernd sexy und lächelt rund um die Uhr. Es sei denn, sie sinniert mal wieder über das Elend der Welt. Der Hollywood-Star hat nämlich - man glaubt es kaum - auch eine traurige Seite. Dann denkt Alba meist „viel über Ungerechtigkeit nach“.

Von Julia Schaaf
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Die schärfste Frau der Welt kommt einen Moment zu spät. Ein kurzer Aufschrei der Menge um kurz nach neun an diesem Freitagabend vor der Fan-Premiere am Potsdamer Platz in Berlin, und endlich: Jessica Alba gibt Autogramme. Fotokarten, Mädchenzeitschriften und DVD-Hüllen recken sich ihr entgegen, und Jessica Alba schreibt und lächelt und schreibt und schreibt und lächelt und schreibt.

Sie sieht phantastisch aus. Ganz in Schwarz, ein schmal geschnittenes Korsagenkleid samt Bolero, Highheels, dazu kirschrote Lippen, die Haare hochgetürmt, eine goldene Schlange als Gürtelschnalle. Darüber blitzt wie ein länglicher Kristall, gewollt indiskret und züchtig zugleich - blanke Haut.

Für die Fotografen stemmt sie die Hände in die Hüften und winkelt das rechte Bein an: lächeln. Für die Fernsehkameras plaudert sie so entspannt über Absperrgitter hinweg in die Mikrofone hinein, als schlendere sie auf einer Gartenparty von Tisch zu Tisch: lächeln. Für die Fans lehnt sie sich zweimal weit über die Gitter rückwärts in die Menge hinein, um mit herbeigereichten Kleinkameras Gruppenfotos zu knipsen: lächeln.

Jessica Alba: Überirdisch sexy

Trotz Interview-Marathons makellos

Ihr Lachen strahlt wie die Zahnpastawerbung, immer. Oft lächelt sie sogar beim Sprechen. Keiner käme auf die Idee, dass diese Frau heute schon 15 Fernsehinterviews, fünf Einzelinterviews und acht Gruppengespräche mit Journalisten absolviert hat. Stattdessen tritt Jessica Alba auf, als habe sie gerade ein Wellness-Wochenende hinter sich. Aus jeder Entfernung, jedem Blickwinkel: makellos.

Und wenn man fragt, ungefähr auf halber Strecke, wie ihr auf diesem Interview-Marathon denn tatsächlich zumute sei, zeigt die Sechsundzwanzigjährige ihr Zahnpastalächeln und sagt kein bisschen gequält: "Mir geht's gut. Alles wunderbar."

Gute Figur im Catsuit

Am Donnerstag kommt "Fantastic Four: Rise of the Silver Surfer" ins Kino, eine sehr mäßige Verfilmung der in Amerika legendären Comicserie, die Bernd Eichinger produziert hat. Wie schon im ersten Teil spielt Alba Sue Storm, die weibliche Protagonistin eines vierköpfigen Heldenteams, das mit übernatürlichen Kräften gegen das Böse kämpft. Storm zum Beispiel verfügt über die Gabe, sich unsichtbar zu machen und elektromagnetische Kraftfelder aufzubauen, die abstürzende Hubschrauber und strauchelnde Riesenräder aufhalten können.

Sie ist es auch, die das Geheimnis des "Silver Surfer" lüftet, jener quecksilbrigen Gestalt, die auf einem Surfboard durch den Kosmos gleitet und den Weltuntergang vorbereitet. Aber vor allem macht sich die barbieblondierte Alba ganz ausgezeichnet in ihrem marineblauen Catsuit. Sie hat die Lippen von Scarlett Johansson, den Teint von Jennifer Lopez und eben genau die Figur, die Comic-Heldinnen im Catsuit haben müssen.

Oma weiß nichts vom Dasein als Sexsymbol

Dank ihrer Darbietung im ersten "Fantastic Four"-Film wurde Alba 2005 als schlechteste Schauspielerin für die "Goldene Himbeere" nominiert. Aber auf den einschlägigen Hitlisten der Männermagazine rangierte sie schon damals unter den Top Ten. Diesen Mai wählten die deutschsprachigen Leser der Zeitschrift "FHM" sie zur "Sexiest Woman 2007".

Fühlt sie sich geschmeichelt? "Und wie, klar! Ich liebe Deutschland", antwortet Alba. Vielleicht hat sie die Frage falsch verstanden, weil heute alle wissen wollen, wie es ihr in Berlin gefällt. Aber Alba fährt fort: "Ich finde viele Frauen sexy, ich könnte Dutzende nennen. Da ist doch nichts dabei."

Klarer Fall von Resignation. Oder sie hat einfach keine Lust mehr. Keine zwei Jahre ist es her, dass sie der "Bravo" in einem Interview gestand, das Dasein als Sexsymbol sei ihr peinlich, zumal sich ihr Vater schrecklich darüber aufrege. Jetzt lacht sie nur, wenn man wissen will, was die Familie denkt. Ihre verehrte Großmutter wisse von nichts, der Vater tue es ab. Und sie selbst signalisiert mit jedem dahingelächelten Satz, dass sie diese Beautyfragen ziemlich uninteressant findet.

"Es gibt Dinge, die interessanter sind, als Essen.“

Dabei ist die Amerikanerin ausgesucht höflich und freundlich. Sie verweigert keine Antwort, nie wirkt sie brüskiert, sie zählt sogar bereitwillig ihre Lieblingsmodemarken auf (casual: Theory, Marni, Juicy; elegant: Dolce & Gabbana, Versace, Cavalli). Aber sie steigt nicht richtig ein. Sie schere sich nicht besonders um Fitness und Diäten, sagt sie: "Es gibt andere Dinge auf der Welt, die mich mehr interessieren, als Essen in mich hineinzustopfen."

Was denn zum Beispiel? "Menschen, bewegende und inspirierende Filme, schöne Musik, die eine Geschichte erzählt, die Auseinandersetzung mit Kunst, wenn man versteht, welche Reise ein Künstler hinter sich hat. Aber auch einfache Dinge inspirieren mich, selbst eine Frau, die ihr Leben der Familie widmet und es für das Allerwichtigste hält, wunderbare Kinder großzuziehen, die produktive Bestandteile der Gesellschaft werden. Mütter, Philanthropen - eigentlich jeder, der andere Menschen wichtiger nimmt als sich selbst, ist mir Inspiration." Da sitzt also die perfekte Schönheit auf einem Fünf-Sterne-Hotelsofa und will unbedingt über bedeutsame Dinge sprechen. Eine Locke ringelt sich im Ausschnitt ihres kobaltblauen Kleides.

Schon mit zwölf beim Film gelandet

Es gibt diese Szene im "Silver Surfer", in der sich die unsichtbare Jessica Alba in die Folterkammer des gefangenen Surfers stiehlt. Sie will ihn überzeugen, gemeinsam gegen das Böse anzutreten, aber der Silbermann lehnt ab: Er könne nicht anders. Da herrscht die aufrechte Sue Storm ihn an: "Es gibt immer einen Ausweg."

Das gilt zuallererst für Jessica Alba. Sie war ein merkwürdiges Kind, sagt sie selbst, ein notorischer Außenseiter. Mag sein, dass das mit dem Beruf ihres Vaters zusammenhing, der bei der Luftwaffe arbeitete und nicht viel Geld verdiente; die Familie zog regelmäßig um. Ihre Eltern waren jung, der Vater indianisch-mexikanischer Abstammung, die Mutter dänisch-französisch, und für ein Kind hätte es sich daheim gehört, still zu sein und zu gehorchen. Aber Alba sagt: "Ich hatte eine große Klappe, widersprach und fragte ,warum?', schon immer." Nichts wollte dieses eigensinnige Mädchen mehr, als von zu Hause unabhängig zu sein. Deshalb ging sie mit zwölf zum Film und von da in die große weite Welt. Drehte zwei Jahre in Australien, hatte Privatlehrer und arbeitete wie eine Erwachsene. Der Durchbruch gelang Jessica Alba als Neunzehnjährige mit einer Hauptrolle in der Teenie-Fernsehserie "Dark Angel". Noch mehr Aufmerksamkeit brachte ihr 2005 ihre Rolle als Stripperin in "Sin City" ein.

Sie ist glücklich, hat aber auch eine traurige Seite

"Ich habe immer ersehnt, was ich jetzt habe, ich liebe das Leben, das ich selbst geschaffen habe. Bei meinen Eltern in der Vorstadt leben, schwanger werden und einen Mann heiraten, der im nächsten Supermarkt arbeitet - das war nicht das, was ich wollte."

Dabei fühlt sie sich nicht als Glamour-Girl. Die wirkliche Jessica Alba, sagt die wirklich glamourös aussehende und wirklich professionelle Jessica Alba, sei unbeholfen, tolpatschig, nachdenklich. Sie wohnt allein in ihrem Haus in L.A. und liebt ihre Hunde, sie hört gerne laut Musik, und am glücklichsten ist sie, wenn sie mit der Familie oder Freunden zusammen ist. Natürlich, sagt sie, sei sie heute glücklicher als früher, und überhaupt würde sie sagen, sie sei ein glücklicher Mensch - meistens. Aber sie habe auch eine traurige Seite, und wer mehr darüber erfahren wollte, bitte schön: "Ich denke einfach viel über die Welt nach und die Ungerechtigkeit, mit der Leute behandelt werden. Warum können nicht alle Menschen gleich sein? Warum haben manche Länder kein sauberes Wasser? Warum ist Malaria so eine schreckliche Krankheit, und warum gibt es immer noch kein Mittel gegen Krebs?“

Politisches Bewusstsein poliert das Image auf

Würde man sie nicht stoppen, die Litanei des Weltelends und damit des persönlichen Unglücks der Jessica Alba nähme wohl kein Ende. Das soll man glauben? Hat da jemand schlichtweg die Pubertät verpasst? Oder hat die schärfste Frau des Jahres erkannt, dass politisches Bewusstsein auch bei anderen Stars das Image aufpoliert? Es gibt immer einen Ausweg aus der Oberflächlichkeit.

Aber vielleicht tut man ihr auch unrecht. Sie weiß, was sie ihrem Beruf schuldig ist. Sie lächelt und schreibt und antwortet und lächelt, ganz wie es der Moment verlangt, und ist immerzu schön dabei. Schließlich soll sich ihr Film verkaufen, und sie weiß, das kann sie gut - makellos. Das aufrechte Vorstadtmädchen hackt mit der Handkante über die Armlehne seines Sofas. Der Katzenkörper streckt sich, der Schwanenhals richtet sich auf, die Rehaugen blicken zur Decke. Jessica Alba sagt: "Je älter ich werde, desto unsicherer werde ich mit gewissen Dingen. Mein ganzes Leben war so streng reglementiert und durchgeplant, aber dafür ist das Leben eigentlich zu kurz. Ich will inzwischen lieber das Hier und Jetzt genießen und die Dinge organischer erleben."

Viel Glück!

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.08.2007
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Jahrgang 1971, freie Autorin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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