Mit dem Hollywood-Zeichen im Rücken und der amerikanischen Filmakademie zu Füßen sitzt Jennifer Lawrence im 12. Stock des Hotels Four Seasons in Los Angeles und wartet. Dass die Schauspielerin seit sechs Uhr morgens Journalisten empfängt, ist ihr nicht anzusehen. Warum 2,4 Millionen Amerikaner die Zweiundzwanzigjährige zur begehrenswertesten Frau des Jahres 2013 kürten, dagegen schon. Die ärmellose Bluse aus schwarzem Seidenplissee gibt den Blick frei auf Oberarme à la Michelle Obama, die Lawrence den sportlichen Quälereien vor den Dreharbeiten zum Science-Fiction-Abenteuer „The Hunger Games - Die Tribute von Panem“ verdankt. Die Beine, auch ohne die Kombination aus Minirock und hochhackigen Riemchensandaletten endlos, lassen ahnen, warum Kollege Bradley Cooper ihr in der gerade achtfach Oscar-nominierten Tragikomödie „Silver Linings“ beim morgendlichen Joggen nicht entkommen konnte.
Lawrence hat unter anderen mit Mel Gibson, Donald Sutherland und Robert DeNiro gedreht; ihr Freund ist Schauspielkollege Nicholas Hoult, den sie bei „X-Men: Erste Entscheidung“ kennenlernte. Hollywoods Regisseure schätzen an Lawrence neben dem Aussehen vor allem die Wandlungsfähigkeit, die ihr vor einigen Tagen bei den Critics’ Choice Awards der nordamerikanischen Filmkritiker gleichzeitig Auszeichnungen als beste Action-Heldin und als beste Komödien-Darstellerin einbrachte. Privat lebt Hollywoods neues It-Girl das Faible für Metamorphosen durch ständig wechselnde Haarfarben aus. Bei unserem Gespräch trägt Lawrence Blond.
Sie sind 22 Jahre alt und wohnen in Los Angeles. Andere Celebritys in Ihrem Alter rasen im Ferrari durch die Stadt, lassen sich mit Drogen erwischen oder drehen zumindest ein Sex-Video. Sie leben skandalfrei. Was ist mit Ihnen los?
(Lacht) Ich habe schon 100 Sexfilmchen hinter mir! Nein, ich habe mir bis jetzt nichts zuschulden kommen lassen und habe es auch für die Zukunft nicht vor. Ich bin hier, weil ich gern vor der Kamera stehe. Von Bars halte ich nicht viel, einen Ferrari kann ich nicht fahren, und für ein Sex-Video bin ich nicht dumm genug.
Apropos dumm: Bei den Oscar-Hütern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences sollen in der vergangenen Woche die Augenbrauen gezuckt haben, als Sie die Schauspielerei in einem Interview „stupid“ schalten.
Das kam falsch rüber. Ich denke, dass man sich auf seine Filme nicht allzu viel einbilden sollte. Im Vergleich zu Ärzten oder Feuerwehrleuten sind Schauspieler eher unwichtig. Das heißt aber nicht, dass sie nicht die Phantasie der Zuschauer anregen können. Ich habe mich als Kind auch durch Filme in eine andere Welt katapultieren lassen.
Was haben Sie damals gesehen?
Vor allem das, was meine älteren Brüder Ben und Blaine an mich abgetreten hatten wie „Teenage Mutant Ninja Turtles“. Ich bin wie ein Junge in den Achtzigern aufgewachsen.
In Kentucky, dem Bluegrass State. Können Sie bitte mal „Louisville“ sagen?
(Lacht) Lueevell. Die Aussprache werden Sie nie hinkriegen.
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Nach einer mäßigen Karriere an der Middle School („Ich habe mich immer dümmer gefühlt als die anderen“) und einem Schnelldurchlauf an der Highschool zog Lawrence vor sechs Jahren von Louisville nach Los Angeles. Den Plan, als Model zu arbeiten, hatte sie bei einem Ausflug nach New York im Frühjahr 2004 gegen den Traum von der Schauspielerei getauscht; eine Agentin hatte der damals Dreizehn Jahren alten Lawrence ein Drehbuch gezeigt. Dem Umzug nach Kalifornien folgten eine Rolle bei der Sitcom „The Bill Engvall Show“ sowie Gastauftritte bei Fernsehserien wie „Monk“ und „Cold Case“. Lawrence’ Durchbruch brachte im Jahr 2010 der Independent-Film „Winter’s Bone“, in dem sie als Ree Dolly mit ihren Geschwistern auf dem ärmlichen Ozark-Plateau ums Überleben kämpft. Ihre Darbietung, von den Kritikern als sensibel und charismatisch gefeiert, honorierte die amerikanische Filmakademie mit einer Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin. Lawrence gehört zu den Jüngsten, welche die Academy in den vergangenen 86 Jahren für die Kategorie vorgeschlagen hat.
Nach der Premiere von „Die Tribute von Panem“ 2012 hagelte es neben Lob für Ihre Rolle auch Kritik an Ihrer angeblich zu üppigen Figur. Tat das weh?
Das kam nicht unerwartet, da auch schon nach „X-Men: Erste Entscheidung“ gemeckert wurde. Ich habe aber nicht vor, als Vorbild vieler Dreizehnjähriger wie ein Strichmännchen aufzutreten. Wer mich ansieht, soll eine Frau sehen und keinen vorpubertären Jungen.
Sie sind 1,75 Meter groß und wiegen etwa 55 Kilogramm. Ist das für Hollywood zu dick?
In der Filmindustrie wurde schon immer von Schauspielerinnen verlangt, dünn zu sein. Es gehört zum Geschäft, Gewicht zu verlieren. Ich finde aber nicht, dass ich abnehmen sollte, besonders nicht für eine Rolle. Jedes Mal, wenn sich eine Schauspielerin vor die Kamera stellt, um stolz von einer Radikaldiät zu berichten, fühlen sich Fans animiert, gleichzuziehen. Wir geben ihnen damit eine Anleitung für Essstörungen. Dass Hollywood Anorexie glorifiziert, ist ein großes Problem.
Das klingt sehr selbstbewusst.
Wer mit zwei Brüdern aufgewachsen ist, kommt auch in Hollywood zurecht. Ich versuche, Persönliches und Berufliches voneinander zu trennen. Ich bin mit mir im Reinen und mache mein Wohlbefinden nicht am Auf und Ab der Karriere fest.
Wie funktioniert das?
Ich bin von Natur aus ein gelassener Mensch, der nicht allzu viel grübelt. Eine Art Lalala-Typ.
Dann haben Sie nicht viel mit Tiffany gemein, dem selbsternannten „verrückten Flittchen mit dem toten Ehemann“, das Sie in „Silver Linings“ spielen.
Zum Glück nicht.
Die Tragikkomödie, die gerade in den deutschen Kinos angelaufen ist, zeigt die spröde Romanze der jungen Witwe Tiffany mit Bradley Coopers Pat, der wegen einer bipolaren Störung acht Monate in einer Nervenklinik behandelt wurde. In einer Szene vergleichen die beiden beim Abendessen ihre Psychopharmaka wie andere Leute Babyfotos. Kennen Sie solche Tischgespräche?
Das lässt sich nicht vermeiden. Jeder redet über Medikamente wie Trazodon, Xanax und Lithium. Sie sind in Amerika äußerst beliebt.
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Während Lawrence sich auch auf den roten Teppichen der Filmfestivals in Venedig, Seattle, Palm Springs inzwischen heimisch fühlt, hat sie sich bis heute nicht an die in Los Angeles omnipräsenten Paparazzi gewöhnt. Wie zahllose Schnappschüsse in Klatschblättern zeigen, schwindet ihr Lächeln, sobald sie von den „Paps“ überrascht wird. Auch bei der Frage nach der Koexistenz von Prominenten und Fotografen beginnen die eben noch entspannt übereinander geschlagenen Beine nervös zu wippen, während Lawrence’ Oberlippe ein paar Millimeter schmaler wird.
Viele Celebritys fühlen sich durch die Paparazzi belästigt. Immer wieder werden härtere Gesetze gefordert. Glauben Sie, dass sich etwas tut, nachdem vor zwei Wochen ein besonders eifriger Fotograf bei der Jagd auf Justin Bieber überfahren wurde?
Nie und nimmer.
Warum nicht?
Die Leute, die die Gesetze ändern könnten, interessiert das Thema nicht. Wir bleiben Freiwild, da die Gesetze die Paparazzi schützen und nicht uns. Als die Paps anfingen, vor meiner Wohnung in Santa Monica zu schlafen, musste ich mir ein Haus mit einem hohen Zaun und Sicherheitspersonal suchen. Ich bin nachts umgezogen, damit sie nichts bemerken. Ich hatte eigentlich vor, solange in meiner Wohnung zu bleiben, bis ich Kinder kriege und einen Kleinbus fahre. Die Paps benehmen sich wie Stalker.
Sie sind in rasantem Tempo berühmt geworden. Die Liste Ihrer Auszeichnungen reicht von Preisen amerikanischer und europäischer Filmkritiker bis zu Oscar- und Golden-Globes-Nominierungen. Im vergangenen Jahr hat die Academy Sie zudem als Mitglied aufgenommen. Wie haben Sie den plötzlichen Ruhm verdaut?
Ich sehe das Schauspielen als Job. Wenn ich bei einem Restaurantbesuch um ein Foto gebeten werde, stehe ich auf und lasse mich ablichten. Das gehört zu meinem Job als Schauspielerin, für den ich gut bezahlt werde.
Der Journalist Christopher Rosen hat Sie zu „Hollywoods Königin der klaren Ansage“ ernannt. Verraten Sie, ob Sie in diesem Jahr als Mitglied der Academy bei der Oscar-Wahl für Ihren Ko-Star aus „Silver Linings“ gestimmt haben?
Klar, ich habe Bradley gewählt.
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Auch Lawrence hat Chancen, am 24. Februar eine der goldenen Trophäen zu gewinnen. Am Donnerstag, einen Tag nach unserem Gespräch, nominierte die Filmakademie den Nachwuchsstar für den Part in „Silver Linings“ zum zweiten Mal für einen Oscar. Am vergangen Wochenende hat sie immerhin schon einen Golden Globe gewonnwn, die als wichtiger Gradmesser für die „Oscar“-Verleihung gelten. Darüber hinaus zeichneten die Filmkritiker sie am Tag des Interviews gleich mit zwei Critics’ Choice Awards aus. Bereits am Vortag hatte sie Anne Hathaway, Emma Stone, Mila Kunis und Scarlett Johansson ausgestochen, als sie bei der Verleihung des People’s Choice Award in Hollywood für die Rolle der Katniss in „Die Tribute von Panem“ zur beliebtesten Filmschauspielerin gekürt wurde. Zudem wählte das Publikum sie zur „Lieblingsheldin“ des Jahres. Für einen schnellen Farbwechsel blieb dennoch Zeit. Nach einem blonden Intermezzo lief Lawrence bei der Preisverleihung der Filmkritiker wieder mit kastanienbraunem Haar über den roten Teppich.