„Ich bin ein recht fauler Mensch“, verkündet Jeff Bridges zu Beginn unseres Gesprächs. „Den Großteil meiner Zeit verbringe ich damit, das Arbeiten zu vermeiden.“ Den Drang, Filme zu machen, verspürt er nicht mehr, sagt er; lieber verbringt er Zeit mit seiner Frau Susan, mit der er seit 33 Jahren verheiratet ist, spielt Gitarre, hört Country-Musik und geht auf seiner 20 Morgen großen Ranch in Santa Barbara seiner Leidenschaft für Keramik und Fotografie nach. „Um ehrlich zu sein“, fügt er hinzu, als müsse er mich überzeugen, „versuche ich, nicht zu arbeiten, und lehne ab, was ich eben kann.“
Das Ironische an der Sache ist, dass die wenigen Angebote, die Bridges dann doch annimmt, unweigerlich in außergewöhnliche darstellerische Leistungen münden. Anfang des Jahres erhielt er für das bewegende Porträt des ruppigen Country-Musik-Stars Bad Blake in „Crazy Heart“ einen Oscar als bester Schauspieler; heute, mit 61, ist er auf dem Höhepunkt seines Könnens, gefragt, bedeutender als jemals zuvor. Er sieht sich vor einem Dilemma, von dem andere Schauspieler nur träumen: „Je öfter ich nein sage, desto mehr großartige Rollen bieten sie mir an. Aber ich weiß, welche Anstrengung es kostet, wenn man sich darauf einlässt und zusagt. Außerdem bin ich dann von meiner Süßen getrennt, meiner leading lady.“ Im vergangenen Jahr, so hat Susan errechnet, sei das Paar elf Monate getrennt gewesen, weil er arbeitete.
Seiner instinktiven Zurückhaltung zum Trotz: Die Rolle des Videospielvisionärs Kevin Flynn in „Tron Legacy“, einem 300 Millionen Dollar teuren Science-Fiction-Film des Disney-Studios, hat Bridges schnell zugesagt; es ist eine Figur, die er im Vorgänger „Tron“, einem Klassiker des Genres, vor fast dreißig Jahren schon einmal verkörperte. Im Sequel spielt er nicht nur den gealterten Flynn, der in der von ihm selbst geschaffenen virtuellen Welt gefangen ist, sondern auch den machiavellistischen Clu, die digitale Version eines Jeff Bridges um die dreißig; möglich geworden ist diese Verjüngungskur durch hochentwickelte 3-D-Kameras und die sogenannte E-Motion-Capture-Technologie.
Mimik als Spezialeffekt
„Diese Technologie bedeutet, dass ich nie wieder arbeiten müsste und trotzdem weiter Filme machen könnte“, staunt Bridges. „Ich könnte sagen: ,Ich vermiete euch mein Bild, man.' In ein paar Jahren werden sie in der Lage sein, Teile von drei verschiedenen Schauspielern zu nehmen und daraus einen vierten zu bauen. Sie werden sagen: ,Wir nehmen Bridges, aber ich will auch ein bisschen Al Pacino - mal sehen, was dabei herauskommt.' Sie werden sagen: ,Wir geben Ihnen einen Haufen Geld, dafür kommen Sie ins Studio und zeigen uns alles, was Sie an Ausdrucksfähigkeit haben: ernst, traurig, glücklich. . . - das war's.“ Scherzt er? Es wäre doch schade, wenn das Publikum auf das Original verzichten müsste. „Nein, das ist die Richtung, in die sich die Filmindustrie entwickelt. Nicht mehr lange, dann müssen wir gar nicht mehr arbeiten.“
Wir treffen uns bei Digital Domain, dem Studio für Spezialeffekte in der Nähe von Venice Beach, wo Bridges gerade sein Mienenspiel für die jüngere computergenerierte Version seiner selbst aufzeichnen lässt. Draußen: ein brutal heißer Tag. Drinnen: dunkle, hohe Räume, schallisolierte Decken, Holz. Bridges ist gerade mit seinem Käsesandwich fertig. Auf dem Tisch stehen ein fast leeres Glas Rotwein und ein Wasserkrug mit zwei Gläsern. Wir sitzen nebeneinander, er hat seinen linken Arm über die Sofalehne gelegt.
Mit 21 Jahren erstmals für den Oscar nominiert
So aus der Nähe gesehen, in seinem Denim-Hemd über Jeans und Stiefeln, sieht Bridges interessanter aus als der 30 Jahre alte digitale Clu, charakterlich tiefer. Es gibt keine Technologie, die dieses gewinnend träge, breite Grinsen so recht einzufangen vermöchte. Sein Haar ist grau mit blonden Strähnen, zurückgekämmt, nackenlang; er trägt einen Bart in den Farben von Salz und Pfeffer. Das gute Aussehen des kalifornischen Surfer-Boys, das er einst hatte, ist ansprechend gereift, sein Gesicht ist wie zerklüftet, die Züge wettergegerbt, aber sie fesseln die Aufmerksamkeit nach wie vor. War es seltsam, diese jüngere Version seiner selbst auf der Leinwand zu sehen? „Nein, nicht allzu sehr, ich sehe mich oft in alten Filmen. Meine Frau war zuerst sehr skeptisch, aber am Ende fand sie, es war nicht schlecht gemacht.“
Bridges lächelt und berührt mein Knie. Er ist ein sehr taktiler Mensch; er greift oft nach meiner Hand, wenn er unterstreichen will, was er sagt, verteilt den einen oder anderen Klaps auf den Rücken, sogar die gelegentliche Umarmung, was nicht als Flirt gemeint ist, sondern freundschaftlich - und Ausdruck jener ultraentspannten Persönlichkeit und jenes angeborenen Selbstvertrauens, das auch in seiner Arbeit stets präsent ist. Anders als andere Schauspieler seines Ranges hält Bridges nicht auf Abstand; er lässt sich auf ein echtes Gespräch ein. Es gibt niemanden, den er beeindrucken muss, nichts, was er beweisen muss; das hat er schon vor langem getan, lange auch vor dem Oscar für „Crazy Heart“: 1972, als er die erste von insgesamt vier Oscar-Nominierungen bekam, für „Die letzte Vorstellung“, einen Film übers Erwachsenwerden, den er mit gerade mal 21 drehte. Es folgten weitere Nominierungen für „Die Letzten beißen die Hunde“, „Starman“ und „Rufmord“, von Jahrzehnten ähnlich beeindruckender Leistungen ganz zu schweigen, etwa in „The Big Lebowski“, „Die fabelhaften Baker Boys“, „König der Fischer“ und „Iron Man“.
Keine Dramen, keine Drogensucht, noch nicht einmal eine Scheidung
Bridges hat eine umsichtige, ambivalente Einstellung zu seinem Beruf, und man muss kein Psychologe sein, um zu sehen, dass deren Wurzeln in seiner Kindheit liegen. Wie Kiefer Sutherland, Charlie Sheen, Drew Barrymore und sein Altersgenosse Michael Douglas, so entstammt auch Bridges Hollywoods Aristokratie. Er wuchs in Los Angeles auf, zusammen mit seinem acht Jahre älteren Bruder Beau und seiner fünf Jahre jüngeren Schwester Lucinda; seine Eltern waren berühmt: Dorothy und Lloyd Bridges. Sein Vater, bekannt vor allem durch die Fernsehserie „Abenteuer unter Wasser“ und die Komödie „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“, starb 1998, Dorothy Bridges im vergangenen Jahr. Im Gegensatz zu den Familien Douglas und Sheen jedoch gab es im Bridges-Haushalt keine Dramen, keine Drogensucht, ja, noch nicht einmal eine Scheidung: „Meine Mutter und mein Vater waren großartige Vorbilder dafür, wie man ein Leben leben soll.“
Die einzige Schwierigkeit in Bridges' Kindheit war der Druck, seinem Vater in den Beruf zu folgen. Lloyd Bridges liebte seinen Job und nahm an, dass seine Kinder es ebenso empfinden würden. „Das hat mich eine Weile abgeschreckt“, erinnert sich Bridges, der die Musik der Schauspielerei vorzog. „Er sagte immer mal wieder: ,Hey, in diesem Film gibt es eine Rolle für ein Kind. Bist du dabei?' Und ich sagte: ,Aaaahhh, ich weiß nicht so recht.' Und er sagte: ,Du musst nicht in die Schule, du kriegst ein bisschen Geld und kannst ein paar Spielsachen kaufen.' Also sagte ich: ,Okay.' Aber wie die meisten anderen Kinder wollte ich nicht dasselbe machen wie mein Vater. Als Kind will man nicht auffallen. Man will nicht, dass die Leute sagen: ,Oh, du glaubst, du seist was Besonderes, weil dein Vater Lloyd Bridges ist'.“
„Wenn jemand eine Party machte, gingen wir hin“
An dieser Stelle der Unterhaltung verweise ich aufs Offensichtliche: sein Talent. Bridges zuckt mit den Schultern. Ein weiteres kumpelhaftes Tätscheln meines Knies, ein Grinsen: „Dass ich den Einstieg geschafft habe, lag daran, wer mein Vater war; so einfach ist das.“ Als er schließlich doch befand, dass die Schauspielerei ein anständiger Broterwerb ist, wurde Bridges Senior sein Lehrer: „Er brachte mir alles bei, die Grundlagen. Aber das Wichtigste, was ich von ihm lernte, war sein Spaß am Job; wenn er zum Dreh kam, war das ansteckend. Es war erstaunlich. . .“ Bridges' Stimme wird leiser; er sieht gerührt aus. „Er ging mit solcher Freude an seine Arbeit. Letztlich bin ich froh, dass ich den Rat meines Vaters angenommen habe und ins Showbiz gegangen bin, denn heute liebe ich es. Als Beruf ist es groovy.“ Zwei Filme sollte er mit seinem Vater drehen: „Tucker - Ein Mann und sein Traum“ 1988 und „Explosiv“ 1994.
Bridges' Kindheit ist abermals sehr gegenwärtig, als wir uns ein weiteres Mal treffen, zu Drinks in einem Hotel am Strand, ganz in der Nähe seines Hauses in Santa Barbara, kurz bevor „Tron“ in Amerika anläuft. „Als mein Dad den Job bei ,Abenteuer unter Wasser' bekam“, erinnert er sich, „war ich acht oder neun. Wir wurden mit einem Mal reich und zogen nach Holmby Hills“, ein wohlhabendes Viertel in der Nähe von Beverly Hills. „Ich erinnere mich, dass mein Dad sagte: ,Leute, wollt Ihr einen Pool oder lieber ein Haus am Strand?' Wir sagten: ,Ein Haus am Strand.'“ Es war in Malibu, einfach eingerichtet, wurde der Familie während der Sommermonate aber zur zweiten Heimat. „Wenn jemand eine Party machte, gingen wir hin.“ Bridges schließt die Augen: „Ich erinnere mich an diesen Geruch von Mittagsblumen und Salz, die Hügel, die Klippen und die Möwen.“
Eine kleine Stadt
Inzwischen hat Bridges selbst Kinder, Isabelle, Jessica und Haley, alle auch schon Ende 20. „Sehr vernünftig“ nennt er sie, gerade auch mit Blick auf Drogen, Alkohol, Pot, die neben einer Passion für Musik natürlich Teil seiner eigenen Vergangenheit als Teenager in den Sechzigern waren: „Ich danke meinen Glückssternen, dass ich da heil rausgekommen bin.“
Vielleicht verdankt sich der zurückhaltendere Lebensstil seiner Töchter auch der stabilen Familie, in der sie aufgewachsen sind. Wie schon seine Eltern, so führt auch Bridges eine lange - und für Hollywood ungewöhnlich glückliche - Ehe. Er zieht zwei Fotos aus dem Geldbeutel, eines davon aus diesem Jahr, das andere schon verblasst; darauf ist ein hübsches dunkelhaariges Mädchen mit schwarzen Augen zu sehen. Beide Bilder zeigen seine Frau, die er beim Dreh für „Rancho Deluxe“ in Montana 1977 kennenlernte. Sie arbeitete als Kellnerin: „Mir fiel dieses hinreißende Mädchen auf, das eine gebrochene Nase und zwei blaue Augen hatte; sie war in einen Autounfall verwickelt gewesen. Also nehme ich meinen Mut zusammen und frage sie, ob wir mal ausgehen, und sie sagt: ,Nein. Es ist eine kleine Stadt; vielleicht sehen wir uns noch.' Zwei Tage später trafen wir uns in einer Bar und verliebten uns. Schnitt, 15 Jahre später: Ich sitze zu Hause und bekomme einen Brief und ein Foto von dem Kerl, der für den Film damals das Make-Up gemacht hat. Er hatte ein Foto gefunden, auf dem ich ein Mädchen aus der Gegend anspreche. Und deshalb habe ich jetzt ein Bild, das zeigt, wie ich die ersten Worte an meine Frau richte.“
Nicht schlecht für einen Schauspieler, der lieber zu Hause wäre
Für 2011 hat Bridges mehrere Projekte. Mit dem von ihm gegründeten „End Hunger Network“ will er etwas gegen den Hunger in Amerika tun. Außerdem will er sich der Musik zuwenden - der alten Leidenschaft aus den Sechzigern, die durch die Arbeit an „Crazy Heart“ wieder entflammt ist: „Ich kann mich an keinen anderen Film erinnern, bei dem ich so einen Spaß hatte.“ Er hat eine Band zusammengestellt und nimmt gerade ein Country-Album auf, zusammen mit T Bone Burnett, mit dem er schon bei „Crazy Heart“ zusammenarbeitete und mit dem er im Sommer erfolgreich auf Tour war. Der beste Moment der ganzen Tour? „Mit Elvis Costello abzuhängen, der mit uns getourt ist, einem sehr netten, coolen Kerl, ohne jede Allüre. Bei einem meiner Songs war er sogar Background-Sänger.“ Bridges schüttelt den Kopf und lächelt; er sieht aufgeregter aus, als wenn er über irgendeinen seiner Filme spricht. „Es war, als sei ein Traum wahr geworden.“
Die Schauspielerei, sagt er, genießt er noch, aber: „Es wird langweilig, wenn man nur eine einzige Sache macht. Ich werde unruhig, wenn ich ständig nur als Schauspieler arbeite, ich werde an mir selbst müde.“ Von den Coen-Brüdern, für die er schon „The Big Lebowski“ war, hat er sich immerhin überzeugen lassen, in ihrem Remake des Westernklassikers „True Grit“ mitzuspielen, als heruntergekommener U.S. Marshall, der einem 14 Jahre alten Mädchen hilft, den Mord an seinen Eltern zu rächen. Es ist ein Part, den einst John Wayne spielte und für den dieser den einzigen Oscar seiner Karriere kassierte.
Für Bridges ist dieser Rooster Cogburn eine weitere denkwürdige Rolle; wieder mal verkörpert er seine Figur mit scheinbarer Mühelosigkeit, wieder einmal hat er gute Chancen auf eine Oscar-Nominierung. Nicht schlecht für einen Schauspieler, der lieber zu Hause wäre - oder auf der Bühne, mit Gitarre, eine Country-Ballade auf den Lippen. Mit Elvis Costello als Background-Sänger, versteht sich.