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Pool and the Gang

Von HOLGER CHRISTMANN, Fotos JEAN PIGOZZI

17.05.2017· Jean Pigozzis Partys während des Filmfestivals von Cannes sind legendär. Der heimliche Star aber ist er selbst.

Wenn Jean Pigozzi während der Filmfestspiele von Cannes in seiner Villa La Dorane in Cap d’Antibes seinen traditionellen Lunch mit Pool-Party gibt, kommen Stars wie Bono, Woody Allen oder Mick Jagger. Der Hausherr – Fotograf, Millionenerbe, Hightech-Investor und Kunstsammler – hält die Freunde dann gerne auf Fotos fest. Seine Bilder waren im März in der Galerie Gmurzynska in St. Moritz zu sehen: Auf den meist schwarzweißen Fotografien planscht das Model Elle MacPherson auf einer aufblasbaren Pool – Insel, flachst Rocksänger Mick Jagger mit dem Fotografen Helmut Newton, liegt Schauspieler Michael Douglas lässig auf der Terrasse und telefoniert, während Fiat-Patriarch Gianni Agnelli in Badehose der Schauspielerin Koo Stark etwas ins Ohr flüstert. Woody Allen nahm der Gastgeber auf, wie er händchenhaltend mit Soon-Yi Previn, der Adoptivtochter, die Allens Frau wurde, auf dem Anwesen spazierengeht.

Es sind Bilder, die sich von den inszenierten Shootings und Paparazzi-Fotos in Zeitschriften durch die private Atmosphäre abheben. „Bei mir ist nichts inszeniert“, sagt Pigozzi. „Ich bin kein Paparazzo. Ich verstecke mich nicht mit meiner Kamera hinter einem Baum.“ Wie kommt es, dass die Stars vor seiner Kamera für jeden Spaß zu haben sind? „Sie wissen, dass ich nichts aufnehme, wofür sie sich später schämen müssten. Ich fotografiere ja nicht in kompromittierenden Situationen, wenn jemand Drogen nimmt oder die falsche Frau küsst. Und ich verwende eine kleine, unauffällige Kamera. Außerdem lasse ich gerne das Datum weg.“ Fragt er seine Gäste Jahre später, ob er die Fotos in einem Buch veröffentlichen darf, sind sie einverstanden, weil sie auf den Fotos jünger aussehen. 4500 Euro kostet eine Pool-Fotografie Pigozzis, bei einer Auflage von 15 (plus zwei Exemplaren, die im Besitz des Künstlers bleiben). Einen kostengünstigeren Überblick bietet das daraus entstandene Coffeetable-Buch „Pool Party“, erschienen im vergangenen Jahr bei Rizzoli.

Wasserzeichen: Selbstporträt von Jean Pigozzi aus dem Jahr 1988 im Pool seiner Villa La Dorane in Cap d’Antibes

Manchen Stars geht es mit ihm wie Elton John. „Johnny ist einer der großartigsten Charaktere der Welt“, sagte der Sänger einmal. „Ich weiß aber nicht wirklich, was er so treibt, außer dass er immer diese Bilder macht.“ Dabei ist der Italiener eine schillernde Persönlichkeit. Er ist nicht nur Fotograf. Früh sammelte er moderne afrikanische Kunst. Er investiert im Silicon Valley, betreibt ein Institut für Meeresforschung und ist bestens vernetzt. Als ein amerikanisches Magazin vor Jahren eine Liste der erfolgreichsten Unternehmer und Stars veröffentlichte, stellte es daneben eine Grafik, die zeigte, wie Pigozzi mit jedem von ihnen verbunden ist – ob Bono, der Private-Equity-Milliardär Ronald Perelman oder Mick Jagger. Wenn Jean Pigozzi erscheint, weiß man nie, wen er mitbringt oder wer noch zur Tür hereinkommt. In St. Moritz taucht plötzlich Cathérine Deneuve auf. Selbst im promiverwöhnten Alpendorf staunt man nicht schlecht über den Besuch der französischen Diva.

Jean Pigozzi macht es sich an diesem Abend auf einem Sofa bequem. Unter der blauen Jacke trägt der 65 Jahre alte Franzose eine Art Hawaii-Hemd, mit Äffchen und Nilpferden drauf. Es stammt aus seiner eigenen Modelinie Limoland. Der 1,96 Meter große Hüne gründete das Label 2007, um Farbe ins Leben „reicher alter Männer“ zu bringen, „die nicht beige tragen wollen“.

Selfiemademan: Jean Pigozzi gilt als Pionier der Selbstaufnahmen – hier mit Filmregisseur und Hausgast Woody Allen.

Jean Pigozzi sagt, ihm seien die etablierten Stars lieber als die jungen. „Sie sind entspannter. Als ich Elle Macpherson fragte, ob ich ihr Foto auf den Buchtitel von ‚Pool Party‘ nehmen darf, freute sie sich. Das Foto hänge ohnehin in ihrem Büro, sie sehe es jeden Tag. Heute umgeben sich Celebritys mit sieben Bodyguards und Assistentinnen für Haare und Make-up. Es wird jedes Jahr schlimmer.“ Auf seinen Pool-Partys ist Entourage verboten.

Hinter jedem Foto steckt eine Geschichte – wie hinter der Aufnahme von Liz Taylor mit ihrem Malteserhund. „Ich halte selbst Weimaraner, das sind ziemlich große Hunde“, sagt Pigozzi. „Doch Liz Taylors kleiner Hund machte ‚Hu‘, und mein Weimaraner verschwand für eine Woche.“ Auf einem seiner Fotos steht der Künstler Julian Schnabel im Bademantel neben Schauspieler Dennis Hopper an der Poolbar. Vor ihnen blickt Mick Jagger auf seinem Liegestuhl von der Zeitungslektüre auf. „Mick ist kultiviert“, sagt der Fotograf. „Er liest enorm viel, auch historische und politische Bücher.“

  • Gelassenes Geplansche: Model Elle Macpherson auf einer einsamen Insel
  • Gepflegte Gespräche: Mick Jagger (von links), Dennis Hopper und Julian Schnabel 1991 an Pigozzis Pool

Auf einigen Bildern sind Männer abgebildet, die er als Mentoren bezeichnet. „Gianni Agnelli stand ich nahe. Wir segelten zusammen, ich lernte viel von ihm über Geschäfte.“ Ein anderer Mentor war der türkisch-amerikanische Unternehmer Ahmet Ertegün, Gründer der Plattenfirma Atlantic Records. „Von ihm lernte ich drei wichtige Regeln: Geh’ nie vor zwölf ins Büro. Business kann Freude bereiten. Und: Frauen mögen Sex genauso wie Männer.“ Geschäft und Freundschaft verbanden ihn auch mit Sir James Goldsmith, dem englisch-französischen Magnaten.

Solche Vaterfiguren ersetzten Pigozzi den leiblichen Vater. Henri Théodore Pigozzi aus Turin hatte in den zwanziger Jahren im Auftrag von Fiat Autos nach Frankreich eingeführt. 1934 gründete er den Autohersteller Simca. Als er die Firma 1963 an Chrysler verkaufte und ein Jahr später starb, erbte die Familie ein Vermögen. Johnny war damals gerade einmal zwölf Jahre alt.

Pigozzi tippt auf sein iPad und startet ein Video. „Hier, ein Film, den mein Vater von der Familie drehte.“ Man sieht einen mit einem Chanson unterlegten Videofilm, auf dem der kleine Jean, seine Mutter und seine Geschwister um den Swimmingpool in Antibes tollen – denselben Pool, den die Stars so schätzen. Das Filmen und Fotografieren lag wohl in der Familie. Der Vater schenkte dem Neunjährigen die erste Leica.

Kontaktmann: Jean Pigozzi, hier mit Filmstar Cathérine Deneuve in der Galerie Gmurzynska in St. Moritz, ist bestens vernetzt in der Welt der Prominenten.

Pigozzi wuchs in Frankreich auf und bewarb sich nach der Schule für Harvard. Im Weg stand ihm dabei seine Dyslexie, eine Lese- und Schreibschwäche. „Mein Eignungstest fiel schlecht aus“, sagt er. „Danach hatte ich ein Aufnahmegespräch bei einem sehr netten Mann, dem Chef einer Pariser Bank. Er fragte mich: ,Von wo in Italien kommen Sie?‘ Ich sagte: ,Aus Turin.‘ Er: ,Ich frage Sie zwei Dinge, wenn Sie die richtig beantworten, bringe ich Sie nach Harvard. Was ist das beste Restaurant in Turin?‘ Ich antwortete: ,Wahrscheinlich Al Gatto Nero.‘ Er: ,Und wann ist die Saison für weiße Trüffel?‘ Ich sagte: ,Oktober, November.‘ So kam ich nach Harvard.“

Er studierte Wirtschaft. Das lag ihm nicht, er wechselte zu visuellen Fächern. An den Wochenenden zog es ihn schon damals, in den Siebzigern, nach New York. Er lernte Andy Warhol und Bianca Jagger kennen und fing an, sich und seine Freunde zu fotografieren. „Das war meine Art, mein Leben aufzuzeichnen.“ Ein Tagebuch zu führen sei ihm aufgrund seiner „unleserlichen Krakelschrift“ unmöglich gewesen. Dass er damals ein Selfie-Pionier war, kommentiert er ironisch. „Das Gute daran war: Ich brauchte keinen Selfie-Stab. Ich habe lange Arme.“ Warum fand er Gefallen am Umgang mit den Stars? „Die Mädchen sind hübscher, die Partys lustiger, das Essen ist besser, und die Häuser sind besser klimatisiert.“

Augenblick: In seiner Studienzeit in den siebziger Jahren begann Pigozzi in New York, Freunde wie Andy Warhol zu fotografieren – als bildliches Tagebuch.

Nach dem Studium stieg er in Los Angeles beim Filmstudio Twentieth Century Fox ein. Es entstanden berühmte Selfies, etwa mit Faye Dunaway. Bianca Jagger stellte ihm am Rande eines Stones-Konzerts in Los Angeles Mick Jagger vor, und sie wurden Freunde. „Wir haben immer viel Spaß zusammen. Ich mag seine Musik und war auf vielen seiner Konzerte, auch letztes Jahr in Havanna. Einmal stellte er mich jemandem mit den Worten vor: ,Das ist Johnny. Er war auf mehr Stones-Konzerten als ich.‘“

Wer nur seine Fotos kennt, könnte Pigozzi für einen reichen Müßiggänger halten. Doch er ist auch ein erfolgreicher Geschäftsmann. Beim Investieren seines Erbes halfen George Soros und Jimmy Goldsmith. „Ich habe mich nie besonders für die Autobranche interessiert, dafür umso mehr für Hightech-Firmen“, sagt Pigozzi. Er war seit den frühen achtziger Jahren mit Apple-Pionier Steve Jobs befreundet und glaubte früh an Facebook.

Sein aktuelles Lieblingsprojekt ist das kalifornische Hightech-Start-up Diamond Foundry. Die von dem gebürtigen Österreicher Martin Roscheisen gegründete Firma, in deren Beirat Pigozzi sitzt, stellt Diamanten unter simulierten Naturbedingungen her. Roscheisen und sein Team entdeckten offenbar ein Plasma, das es Atomen ermöglicht, sich von selbst an winzige Scheibchen von Natur-Diamanten zu heften und deren Kristall auf natürliche Art zu vergrößern. Die Rohdiamanten aus San Francisco unterscheiden sich angeblich nicht von denen aus dem Erdinneren. Diamantschleifer verleihen ihnen klassische Schliffe wie Asscher-, Tropfen- und Brillantschliff. Darüber hinaus entwickelt Diamond Foundry eigene aufwendige Formen wie den facettenreichen Rosé-Brillantenschliff. Zu den Investoren des Unternehmens gehören außer Pigozzi der deutsche Sun-Microsystems-Mitbegründer Andreas von Bechtolsheim und der Filmstar Leonardo DiCaprio. Der Hauptdarsteller aus „Blood Diamond“ wirbt seit langem für die Herstellung ethisch einwandfreier Edelsteine und hebt hervor, wie stolz er darauf sei, „in eine Diamantenproduktion zu investieren, die ohne die schädlichen Folgen des Bergbaus für Mensch und Umwelt auskommt“. Einen ersten Erfolg erzielte die Firma im Oktober 2016 – da nahm das New Yorker Kaufhaus Barney’s eine eigene Kollektion der Diamanten ins Angebot.

  • Geflüsterte Geheimnisse: Fiat-Patriarch Gianni Agnelli 1986 mit der amerikanischen Schauspielerin Koo Stark
  • Dunkelmänner: Bono, The Edge und Jack Nicholson 1994
  • Glamourpaar: Elizabeth Taylor 1993 mit ihrem furchteinflößenden Malteserhund

Sein zweites Lieblingsprojekt liegt an der Pazifikküste Panamas. Vor Jahren erwarb er dort die dschungelbewachsene Isla Canares de Tierra. An der höchsten Stelle ließ er auf 5000 Quadratmetern ein farbenfroh eingerichtetes lichtdurchflutetes Domizil bauen. Dank LEDs und Leuchtpaneelen aus Polycarbonat wechselt das Gebäude über dem Regenwald nachts die Farben. Pigozzi engagierte den italienischen Architekten Marco Zanini, einen Anhänger seiner bevorzugten Design-Richtung Memphis (Pigozzis Villa in Cap d’Antibes richtete Memphis-Mitgründer Ettore Sottsass persönlich ein), und den kolumbianischen Bambus-Spezialisten Simón Velez, der den Bambus-Pavillon der Expo Hannover entworfen hatte.

Am Fuß des Hügels richtete Pigozzi ein Forschungszentrum für Meeres- und Naturforscher ein, das Liquid Jungle Lab. „Es verbindet Hightech mit Forschung“, sagt er. „Wissenschaftler nutzen es, um den Ozean, die Korallen und die ungeheure Artenvielfalt des Dschungels von Panama zu erforschen.“ Gerade habe er auf der Insel einen chinesischen Experten des Massachusetts Institute of Technology getroffen, der sich mit chinesischer Naturmedizin befasse. „Er sagt, wenn die Forschung in einem Baum eine pflanzliche Medizin entdeckt, die gut fürs Herz ist, fällt die Pharmabranche sofort die Wälder, aus denen die Substanz gewonnen wird. Er dagegen möchte die DNA des Wirkstoffs ermitteln und ihn im Labor reproduzieren. Als ich mit ihm vor einer Woche auf der Insel spazieren ging, sammelte er Proben in einem Umschlag. Bis er sagte: ,Das ist genug. Das wird uns ein Jahr lang beschäftigen. Ich werde in einem Jahr wiederkommen und Ihnen zeigen, woran ich arbeite.‘“

Für manche ist Pigozzi der neue Jacques Cousteau. Doch er hat nicht vor, selbst die Ozeane zu erkunden, er will Forscher unterstützen. Außerdem hat er gerade seine hochseetaugliche Yacht, die „Amazon Express“, verkauft. „Ich habe sie zu wenig genutzt.“ Die Yacht erregte an der Cote d’Azur Aufsehen, weil sie den Rumpf eines Fisch-Trawlers hat. Pigozzi hatte das Fangschiff im Arsenal von Venedig zur Luxusyacht mit Hubschrauberlandeplatz, Sonnendeck und Kabinen für 14 Gäste umbauen lassen. Seine Insel übrigens taufte er in Isla Simca um. Obwohl ihn die Autobranche nicht interessiert, scheint es, als hätte er das Gefühl gehabt, seinem Vater etwas zu schulden.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 17.05.2017 09:38 Uhr