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Stummfilm-Star Jean Darling : Was aus dem kleinen Strolch mit den blonden Locken wurde

Sie strickt nicht an ihrem Mythos, sondern an einem Schal aus irischer Wolle: Jean Darling in ihrem Zuhause in Rodgau. Bild: Rainer Wohlfahrt

Mit sechs Monaten begann Jean Darling ihre Karriere beim Film, die Stummfilm-Reihe „Die kleinen Strolche“ machte sie zum gefeierten Kinderstar. Später ging sie zum Broadway und rettete mit ihrem Gesang sogar ein Leben. Ein Treffen mit der 92 Jahre alten Schauspielerin.

          Jean Darling schmollt. Es ist kein ärgerliches Schmollen, eher ein kindlich-neckendes. Das war wohl ein Faux-pas, nach den blonden Locken zu fragen, die sie als Kinderstar in der Filmreihe „Die kleinen Strolche“ trug. Ob die von Natur aus so schön fielen? „Nein“, ruft Jean Darling. „Schauen Sie meine Haare an! Wie können Sie so etwas fragen? Man hat mich dreimal pro Tag zu Max Factor geschickt, um die Locken machen zu lassen, weil meine Haare so dünn sind . . . Immerhin habe ich dort Jean Harlow kennengelernt.“

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Und schon erzählt sie die Geschichte vom Kaugummi, den sie mit Jean Harlow teilte, die sich in dem Salon ihre blonden Wellen färben ließ und, weil sie wegen eines Drehs auf Diät war, von der kleinen Jean ein Stück Kaugummi bekam. „Die konnte ich in 100 Teile zerkleinern, das hatte ich an unserem Set gelernt.“

          Wären Menschen so alt, wie sie sich geben, wäre Jean Darling noch immer dieses Mädchen. Sobald sie ein Publikum vor sich hat, ist die 92 Jahre alte Dame ein schelmisches Kind, das seine Gäste mit Witz und Charme zum Lachen bringen möchte, selbst wenn das Publikum nur aus einer Person besteht, so wie an diesem Tag in ihrem Wohnzimmer in Rodgau im Landkreis Offenbach. Jean Darling konnte ihre Zuschauer von klein auf begeistern, denn sie begann ihre Karriere beim Film schon im Alter von sechs Monaten.

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          Ihre Mutter hatte als junge Frau selbst einige Rollen beim Film, fand sich mit Mitte 20 aber zu alt für das Geschäft. Also ließ sie sich liften, heiratete und zog mit ihrem Mann aufs Land. „Natürlich funktionierte es zwischen ihnen beiden nicht so gut, aber immerhin kam ich dabei heraus“, sagt Jean Darling. Das war am 23. August 1922. „In mir sah meine Mutter dann die Chance, zurück zum Film zu kommen.“

          Als sie dem Vater eröffnete, dass sie ihre wenige Monate alte Tochter bei einem Casting vorstellen wolle, sagte er: „Der Film oder ich.“ Jean Darling sieht es inzwischen nüchtern: „Meine Mutter zog also mit mir los zum Casting, und er zog aus.“ Lange hat sie ihren Vater gesucht. „Ich schaute in jeder Stadt, in die wir kamen, im örtlichen Telefonbuch nach seinem Namen.“ Und fand ihn nicht. Erst vor wenigen Jahren erfuhr sie, was aus ihm geworden war. Da war er längst gestorben.

          Der Produzent suchte nach neuen Geschichten

          Die Mutter setzte alles auf die Filmkarriere der Tochter. Als „freelancing baby“, wie sie sich selbst bezeichnet, trat Jean Darling in ersten Werbespots auf. Irgendwann hörte ihre Mutter von einem Casting für „Die kleinen Strolche“. Die Stummfilm-Reihe um ein paar Kinder, die sich gegenseitig in einer amerikanischen Kleinstadt Streiche spielen, lief schon mit Erfolg in den amerikanischen Kinos. Der Produzent suchte nach neuen Gesichtern, denn einige der Kinder aus der Stammbesetzung waren zu alt geworden. Jeans Mutter zog ihrer Tochter die feinsten Sachen an. „Ich erinnere mich noch an das Kostüm: Ich trug weiße Seidenstrümpfe und schwarze Lackschuhe, ein schwarzes Samtkleid mit Spitzenkragen und Straußenfedern. Mama liebte es, mich adrett zu kleiden.“

          Auf dem Weg zum Casting hielt die Mutter in einem Süßwarengeschäft. „Zufällig war auch die Frau des Regisseurs Lloyd French dort. Sie war groß und schlank und trug ein graues Kostüm, und ich wollte unbedingt an ihr hochklettern. Das fand sie wohl so witzig oder mich so niedlich in dem Aufzug, dass sie meiner Mutter sagte, sie solle mich zum Casting für ,Die kleinen Strolche‘ bringen.“ Miss Darling war noch immer eine gute Schauspielerin und tat so, als wisse sie von keinem Casting, also gab die Frau des Regisseurs ihr ihre Karte. Mit der Karte in der Hand marschierte sie - die kleine Jean im Schlepptau - an allen Wartenden vorbei, direkt auf die Bühne. Doch dann machte die Kleine nicht mehr mit: „Ich saß unter einem Tisch und weinte bitterlich, wahrscheinlich war der ganze Lärm und all die Leute einfach zu viel für mich.“ Der Regisseur fand das Mädchen mit den weißblonden Locken trotzdem so niedlich, dass er sie erst tröstete und ihr dann einen Vertrag über drei Filme gab.

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