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Japan Der Storch im Parlament

08.02.2006 ·  Die japanische Prinzessin Kiko ist schwanger. Sollte sie einen Jungen bekommen, wäre er nach geltendem Recht ein Anwärter auf den Chrysanthementhron.

Von Anne Schneppen
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Manch einer war schon hellhörig geworden, als bei der traditionellen kaiserlichen Gedichtlesung zum neuen Jahr Prinzessin Kiko über die Anmut der Störche sinnierte. Ihr „Tanka“ beschrieb zwar nicht das Mutterglück, doch drehte es sich in der Essenz um das Symbol nachwuchsbringender Freuden: Ein Storch schlägt seine Schwingen, kreist am Himmelsbogen, wir schauen auf mit einem großen Lächeln.

Das kaiserliche Haushofamt fühlte sich kurz nach dieser Betrachtung in die Defensive gedrängt, dementierte Interpretationen, die in diesen Versen den Hauch einer Andeutung wahrnehmen wollten. Prinzessin Kiko, die Schwägerin des Kronprinzen, habe nur eine Zeremonie aus dem vergangenen Jahr in Erinnerung gerufen, bei der bedrohte Störche in die freie Wildbahn entlassen wurden.

Hoffnung auf einen männlichen Sproß

Doch jetzt ist die Doppeldeutigkeit bestätigt, Kiko ist schwanger. Das wäre nun nicht weiter aufsehenerregend, gäbe es unter japanischen Parlamentariern nicht gerade einen Streit um die Änderung der Thronfolge und die Möglichkeit einer Kaiserin. Seit 1965 ist in die kaiserliche Familie kein Sohn mehr geboren worden, das Kronprinzenpaar zieht die vierjährige Aiko auf, Kiko und ihr Mann Akishino - der jüngere Bruder des Kronprinzen - zwei Töchter, elf und vierzehn Jahre alt.

Sollte Kiko im Herbst einen Jungen zur Welt bringen, wäre dieser nach geltendem Recht - nach seinem Onkel und seinem Vater - ein Anwärter auf den Chrysanthementhron. Während Ministerpräsident Koizumi einem weiblichen Tenno den Boden bereiten will, eine Expertenrunde schon Vorschläge für eine Gesetzesänderung unterbreitete, wollen konservative Kreise die Hoffnung auf einen männlichen Sproß im Kaiserhaus noch nicht aufgeben - und jetzt natürlich erst recht nicht.

Koizumi für „frauenfreundliche“ Lösung

Als am Dienstag erste Berichte über eine Schwangerschaft Kikos die Runde machten, reagierten Abgeordnete eines gerade tagenden Parlamentsausschusses mit spontanem Applaus. In den Tagen zuvor hatten schon Parlamentarier gegen eine Änderung der Erbfolgeregelung demonstriert. Als erstes Kabinettsmitglied mahnte Außenminister Aso, daß in dieser Sache „nichts überstürzt“ werden dürfe. Beistand bekam er von Finanzminister Tanigaki.

Koizumi rechtfertigte sich am Dienstag im Parlament: er treibe nicht zur Eile, dennoch wolle er mit seiner Gesetzesinitiative fortfahren, sagte der Regierungschef, der an das Alter der kleinen Prinzessin Aiko erinnerte und darauf verwies, daß bald mit der Erziehung zur Kaiserin begonnen werden müsse. Die Widersacher spielen offensichtlich auf Zeit, zumindest bis zum Herbst: Dann könnte die Geburt eines Jungen in ihren Augen eine Gesetzesänderung ohnehin erübrigen, und wenn es denn ein Mädchen sein sollte, dann wäre Koizumi, der Mentor einer frauenfreundlichen Lösung, zu dieser Zeit nicht mehr im Amt.

Die Börse ist sich sicher

Es ist schon ein ungewöhnlicher Zufall, daß die 39 Jahre alte Prinzessin Kiko nach mehr als einem Jahrzehnt gerade in den Wochen wieder schwanger wird, in denen die Emotionen über eine Erbfolgeänderung hitzig werden. Verschwörungstheoretiker haben angesichts solcher Konstellationen ihre große Stunde. War es nicht Prinz Akishino, der seinen Bruder rügte, als dieser öffentlich das Leid seiner Frau beklagte? Längst pfeifen es die Spatzen von den Palastmauern, daß das Kronprinzenpaar in der Familie isoliert ist. Die Nachfolgekrise und der schlechte Gesundheitszustand Masakos förderten Risse zutage, die früher kaum vorstellbar waren. Verstimmungen zwischen Kaiserin Michiko und Masako, öffentliche Kritik Naruhitos, laut geäußerte Widerworte.

Und wurden nicht schon aus dem Hofamt Gedankenspiele laut, Kiko könne das Problem lösen und einen Sohn gebären? Spätestens seit November, mit der Empfehlung des von Koizumi eingesetzten Beratergremiums, sehen einige Konservative Japan in Gefahr. Per Gesetz dem erstgeborenen Kronprinzenkind, gleich ob Junge oder Mädchen, die Thronfolge zuzuschreiben wäre in ihren Augen denn doch ein zu großer Bruch in der 2665 Jahre währenden Tradition. Am späten Dienstag abend gab die kaiserliche Behörde die frohe Botschaft bekannt: es gebe Anzeichen einer möglichen Schwangerschaft. Sechs Stunden zuvor war man sich an der Tokioter Börse der Sache dagegen schon viel sicherer. Die Aktien von „Pigeon“ und „Combi“ legten kräftig zu. Sie verkaufen Babynahrung und Kinderwagen.

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