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Syrien : Die letzten Christen von Qamischli

Die Kirche von Qamischli Bild: Helmut Fricke

Viele Christen in der kurdischen Region Syriens fliehen vor den Terroristen des Islamischen Staates. Die Kirche der Jungfrau in Qamischli hält durch. Bis jetzt.

          Die Kirchenglocken laden weithin hörbar zur nachmittäglichen Andacht ein. Der Turm der syrisch-orthodoxen Kirche der Jungfrau, der größten Kirche im Grenzort Qamischli der kurdischen Region Syriens zur Türkei, überragt alle Häuser. Pfarrer Abd al Masih Yusuf trägt die Kleidung, die syrisch-orthodoxe Christen seit dem frühen Christentum tragen: mit einer schwarzen Kapuze, auf die weiße Kreuze gestickt sind.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          An jedem Spätnachmittag füllen alte Frauen und Männer die Kirche, auch einige Jugendliche, um gemeinsam die tägliche Andacht „Dschauka“ zu feiern. Eine halbe Stunde der Zwiegesang eines Chors von Schülern zur Linken des Altars und eines Chors von Schülerinnen zur Rechten. Das Gebet, das dem Gesang zugrunde liegt, geht auf die Christen des ersten Jahrhunderts in Antiochien zurück, wo sich die Anhänger von Jesus Christus erstmals Christen genannt hatten. Geschrieben wurde es in der aramäischen Schrift, die auch Jesus geschrieben hat. Die syrisch-orthodoxen Christen sehen sich in dieser Tradition. Keine andere Kirche blieb so eng mit den Traditionen und Praktiken des frühen Christentums verbunden.

          Vor allem Alte füllen, wie jeden Tag, die Kirchenbänke, bevor es draußen dunkel wird und die Kälte des nahenden Winters in die Straßen zieht. Nach einer halben Stunde endet der Zwiegesang, und der Pfarrer stimmt allein eine Hymne an. Wer mit der Musik der syrisch-orthodoxen Kirche nicht vertraut ist, fände sie näher am muslimischen Gebetsruf als an der mittelalterlichen Gregorianik.

          Jeder holt sich zum Abschluss den Segen: Der Priester legt den Gläubigen die Hand auf. Vor allem Frauen, die ihr Haupthaar mit weißen Tülltüchern verhüllen, werfen Geldscheine in die Schlitze der Holzkästen, die unter den großen, gerahmten Heiligenbildern hängen. Danach knipsen sie den Lichtschalter daneben aus und gleich wieder ein. Der Heilige soll bei Gott ein Wort dafür einlegen, dass Jesus sein Licht über den Bittsteller ausgieße.

          Wer kann packt seine Sachen

          Die Menschen haben heute viel mehr Grund, zu bitten, als früher. Viele Christen sind schon aus Qamischli abgewandert. Sie können als Christen nicht in die meisten anderen Provinzen Syriens ziehen. Der „Islamische Staat“ würde sie, ohne zu zögern, hinrichten. In allen Provinzen Syriens herrscht Krieg. Christen wandern ab, aber auch Muslime und Jeziden. Wer kann, packt für immer seine Koffer.

          „Vor dem Beginn der Krise haben in Qamischli 5000 syrisch-orthodoxe Familien gelebt“, sagt der Pfarrer, der auch der Dekan der Kirche in Qamischli ist. Somit lebten hier vor einem halben Jahrzehnt noch 25.000 Mitglieder der syrisch-orthodoxen Kirche – der größten Kirche in Qamischli neben sieben kleineren Kirchen, zum Beispiel der armenischen Kirche. Selbst Evangelikale gab es in der Stadt.

          „Seit dem Beginn der Krise ist mehr als jeder zweite syrisch-orthodoxe Christ abgewandert, meist nach Europa“, sagt Abd al Masif Yusuf. Die Gründe seien unterschiedlich: Viele wanderten aus wirtschaftlichen Gründen aus, weil es hier kaum mehr Arbeit gebe; andere, um zu studieren, was in Syrien kaum mehr möglich sei; wieder andere, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Er hat Verständnis dafür, auch wenn seine Gemeinde auf 1500 Familien geschrumpft ist: „Schließlich will doch jeder leben!“

          Qamischli nahm christliche Flüchtlinge auf

          Der muslimische Kurde Abd al Bari, ein Abgeordneter im neuen Parlament des Kantons, ist auch gekommen. Er kennt die Kirche gut, besucht sie gelegentlich und hält Kontakt zu dem Geistlichen Yusuf. Sie verstehen sich gut. „1400 Jahre haben wir hier friedlich miteinander gelebt“, sagt der Geistliche. „Und jetzt das.“ Dabei trifft es die Christen im Nordosten Syriens weniger als die Kurden und die Jeziden. Denn sie leben entlang der Grenze zur Türkei, nur wenige leben im Süden entlang der Front mit dem „Islamischen Staat“. Die Grenze wurde 1920 willkürlich gezogen, quer durch Familien und verwandtschaftliche Beziehungen.

          Die von den Kolonialmächten gezogene Grenze trennt die Städte Qamischli in Syrien und Nusaybin in der Türkei. Nusaybin war eines der großen theologischen Zentren des frühen Christentums. Einer der größten Theologen jener Zeit, Ephrem, wurde im Jahr 306 in Nisibis geboren, dem heutigen Nusaybin, in dem nichts mehr an die Bedeutung von damals erinnert. Von Qamischli aus sieht man auch Mardin, das Zentrum der syrisch-orthodoxen Kirche in der Türkei.

          Nur wenige Christen hatten bisher als Folge des Vormarsches des „Islamischen Staats“ ihre Dörfer südlich von Qamischli räumen müssen. Die Terrororganisation habe drei christliche Dörfer entlang der Front zerstört, die Christen mussten große Ländereien zurücklassen, sagt Abd al Masih Yusuf. Qamischli nahm aber christliche Flüchtlinge aus anderen Teilen Syriens auf, aus Deir al Zor, Homs und Aleppo. Einige kommen bei Verwandten unter, andere erhalten Unterstützung von der Kirche, die dafür wiederum Spenden von im Ausland lebenden syrisch-orthodoxen Christen erhält.

          Eine eigene Miliz zur Verteidigung

          Um die Viertel der Christen gegen Übergriffe zu schützen, haben junge Kirchenmitglieder eine Miliz geschaffen, die sie Sutoro nennen. Die Kirche selbst habe damit nichts zu tun, sagt Yusuf. Die jungen Männer organisierten sich selbst. „Wir als Kirche haben keine Waffe, nur das Wort der Bibel.“ Er weiß aber selbst, dass das allein nicht genügt, den Wahnsinn des „Islamischen Staats“ aufzuhalten.

          Im großen Gemeindesaal neben der Kirche hängt weiter ein Porträt des syrischen Präsidenten Baschar al Assad. Der Geistliche hatte die Jugend der Kirche aufgerufen, sich der regulären syrischen Armee anzuschließen. Unter ihnen hat das Protest durch Abwanderung hervorgerufen. Sie wollten nicht an entfernten Orten wie Homs oder Aleppo eingesetzt werden. Und so bleiben immer mehr junge Männer der täglichen Andacht fern, um gemeinsam mit den Kurden den „Islamischen Staat“ an der Front zu bekämpfen.

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